51.39151°N - 11.92791°E

In der Einöde Jack London ist nix dagegen - Abenteuer in Eis und Schnee
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Ein Ort, irgendwo

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Die Gesichtshaut spannt, die Nasenhaare sind steif wie kleine Eiszapfen, die beim Popeln ziemlich pieken würden. Der Bart fühlt sich an wie angeklebt. Die Sonne strahlt hellstes Licht und null Wärme. Kein Mensch weit und breit. Kein Fuchs und kein Hase. Knöcheltiefer Schnee knirscht unter den Reifen. Das und mein Keuchen sind die einzigen Geräusche. Plötzlich erscheint mir die Möglichkeit, morgen als Kälteopfer in der Zeitung mitgezählt zu werden, nicht mehr so abwegig. 17°C unter Null, die Sibirier lachen darüber. Wenn man aber kilometerweit an hohen Zäunen entlangfährt, zwar keine Wachtürme, aber in regelmäßigen Abständen Schilder sieht, die das Betreten des eingezäunten Geländes strengstens untersagen, glaubt man sich trotz blauesten Himmels irgendwo in der Gulag-Zone.

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Was man nicht bezeichnen kann, existiert nicht. Was man nicht lokalisieren kann, existiert nicht wirklich. Es ist dann ein sagenhafter Ort, eine Idylle, ein Paradies – oder die Hölle. Der Weg zum Paradies durchquert die Wüstungen eines Lebens voll Müh’ und Plag’, ohne Sünde und Genuss. Der Weg in die Hölle, jedenfalls das letzte Stück, führt über die guten Vorsätze und schließlich den Styx, dieses chemieverseuchte Gewässer.

Der Weg zum Zollamt Schkopau ist ein Geheimnis. In den Verlautbarungen desselben sind nur ungefähre Angaben und kryptische Hinweise (‚Folgen Sie den Hinweisschildern!’) zu lesen. Dem Navi-Benutzer wird mitgeteilt, dass der Ort keine GPS-kompatible Adresskodierung hat. Zum Trost gibt man die Längen- und Breitenkoordinaten an.

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Ein Brief informiert mich, dass für mich ein Paket aus Russland zur Abholung bereit läge, vorausgesetzt, ich könnte Angaben über den Inhalt und seinen Geldwert machen und wäre bereit, 19 % eben dieses Geldwerts (inclusive Versandkosten, die anscheinend als wertsteigernd begriffen werden) als Einfuhrzollgebühr zu entrichten. – Aua, das war im Budget nicht eingeplant! Aber der Geldverlust schreckt mich weniger als die Aussicht, das Paket mit dem sehnsüchtig erwarteten Inhalt könnte return to sender gehen.

Also Entschluss, das Ding so bald wie möglich abzuholen. Problem: kein Automobil! Also Anruf: Nein, Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht möglich! Alternative: Die geforderten Angaben in das mitgeschickte Formular eintragen und an die angegebene Adresse schicken.

Nach Erhalt und Feststellung der Vollständigkeit und Glaubwürdigkeit ergeht eine Zahlungsaufforderung. Sobald man der nachweisbar nachgekommen ist, geht eine Meldung von der zollamtlichen Zentralstelle an das besagte Zollamt, dass daraufhin den Transport des Päckchens an eben diese Zentrale veranlassen würde. Sind die Liebesgrüße aus Moskau dann dort eingetroffen, würde zügig, aber ohne Hast der postalische Versand an meine Privatadresse in die Wege geleitet.

Ich frage gar nicht erst, ich kann es mir denken: sechs Wochen dauert das mindestens.

Nein, solange will ich nicht warten!

Nach hartnäckigem Stöbern im Internet finde ich eine Website, auf der man einen Ort anhand seiner Koordinaten suchen kann. Ich gebe also erwartungsvoll 51.39151°N und 11.92791°E in eine Maske ein – Treffer! Ein Luftbild mit einer schönen roten Stecknadel. Einzoomen, auszoomen – ich erkenne nichts, ich bin schließlich kein Bomberpilot. Also in den Kartenmodus. Ach du Schreck, die Nadel steckt zwischen dem riesigen hochsicherheitsmäßig abgesperrten Gelände der Buna-Werke und einem kaum kleineren Halden- und Deponie-Areal.

Aber ich entdecke die für mich unnütze A-38, weitere Straßen, Bahnlinien, und (Bingo!) den Haltepunkt ‚Buna-Werke’, nur drei oder vier Kilometer von der Stecknadel entfernt.

Drei oder vier Kilometer, was ist das schon, ich besitze ein gutes winterfestes Fahrrad!

In der Stadt bin ich nicht der einzige Radfahrer. Ich bin auch nicht der einzige, der mit Rad in den Zug nach Merseburg steigt. Ich bin aber der einzige, der dabei aussieht wie Dr. Schiwago, Stenka Rasin oder Ataman Platov. Und ich bin der einzige, der nicht friert – was der Zweck der Übung ist.Je weiter ich mich aus den Räumen meiner heimatlichen beinahe großstädtischen Urbanität entferne, desto befremdeter werden die Blicke, die ich ernte. Aber jeder, den ich anspreche, ist freundlich zu mir. Muss an meiner akzentfreien deutschen Aussprache liegen.

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Bis Merseburg läuft alles reibungslos. An der Ablegestelle seines Nachens aber steht Charon in der Dienstuniform der Burgenlandbahn und erklärt den paar Fahrgästen, die er außer mir alle persönlich zu kennen scheint, dass die Abfahrt sich wegen, na ja, der Kälte verzögern würde, was für mich bedeutet, dass meine schöne Logistik durcheinander gerät. Charon tröstet mich damit, dass eine verspätete Hinfahrt auch eine verspätete Rücktour bedeuten würde. Auf halber Strecke aufgeben kommt nicht in Frage, ich steige ein und am Haltepunkt Buna-Werke als einziger aus.

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Von hier führen nur zwei als solche ausgewiesene Privatwege weiter, der eine in das Chemiewerk hinein, passierbar nur mit Betriebsausweis, der andere in ein unüberschaubares Niemandsland, das seit dem letzten Schneefall niemand mehr betreten hat.

An mir ist ein Pfadfinder verloren gegangen – ich erreiche ohne herumzuirren nach den geschätzten drei Kilometern einen Gebäudekomplex mit einem riesigen Parkplatz voller Trucks – Mautstelle und Zollamt. Man empfängt mich mit fein dosierter Freundlichkeit.

Ich lege Papiere vor, mir wird das ersehnte Päckchen nebst einem Cutter vorgelegt und es ergeht die freundliche Bitte, das Päckchen eigenhändig zu öffnen. Der Inhalt wird inspiziert, als legal eingeschätzt, ein Protokoll eröffnet, eine Summe genannt, die ich passend in bar entrichte. Die Ausfertigung des Protokolls schreitet ruhig und sicher voran, mir bricht in meiner Felljacke in dem überheizten Raum der Schweiß aus.

Schließlich muss ich mehrere Unterschriften leisten, bekomme dann eine Kopie des mehrseitigen Protokolls ausgehändigt und werde mitsamt meinem derangierten Päckchen freundlichst entlassen. In recht fröhlicher Stimmung trete ich die Rückfahrt an – bis ich erleben muss, dass mich der Triebwagen aus Richtung Schafstedt, der mich wieder nach Merseburg bringen sollte, erbarmungslos überholt. Als ich am Haltepunkt Buna-Werke ankomme, ist er längst weg. Charon hätte sicher gern auf mich gewartet, aber die Dienstvorschriften!

Mir bleibt jetzt folgende Wahl: eine Stunde oder mehr des nächsten Wagens harren oder – per Rad nach Merseburg keulen. Das Umgehen der Buna-Werke schätze ich auf 10 km – aber was solls, Radfahren im Schnee kann ja auch nicht anstrengender sein als Skilanglauf. Immer schön durch die Nase atmen, dass sich die wichtigen Blutgefäße nicht durch die kalte Atemluft verengen...

Es klappt, ich erreiche mit letzter Kraft den Merseburger Bahnhof, wo der Zug, der mich in meine semi-urbane kleine Großstadt zurückbringen soll, keine Sekunde länger auf mich gewartet hätte. Das Fahrradabteil ist mit einer Mehrgenerationenfamilie und zwei Kinderwagen bevölkert. Ein kleiner Junge spricht mich auf türkisch an.

für die mit cc statt mit kk, da im kalten Haus:

'Es wird scho wieda woam werdn!' (Attwenger)

09:50 09.02.2012
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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