goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak
RE: 1932: Revolutionäres Herz | 07.08.2020 | 13:29

Du bist unter den zahlreichen hier anzutreffenden Rechthabern schon ein besonders prächtiges Exemplar. Was meint wohl "veröffentlicht"? Das meint nicht, dass das vergilbte Originalpapier im Lesesaal des Marx-Engels-Instituts in Moskau zur Einsichtnahme zur Verfügung stand, sondern, dass man z.B. Reclam-Bändchen mit solchen Dokumenten für eine Mark und fuffzig kaufen oder in der Stadtbibliothek ausleihen konnte. Du hast nunmal - sieh der "unverblümten Wahrheit" ins Auge - von dem "Saftladen" keine Ahnung.

RE: 1932: Revolutionäres Herz | 06.08.2020 | 21:09

"...während im Arbeiter- und Bauernstaat das Persönliche, Widerspruchsvolle, Nicht-der-Ideologie-Entsprechende der beiden Gründerväter unter den Teppich gekehrt wurde."

Noch einer mit nem alles durchschauenden Fern(rück)blick. Welche "Ideologie" meinst du? Dass sich die Leute um 1850 nicht täglich geduscht oder ein Bad genommen haben, dass Marx Pornografie mochte und Engels Bordelle besuchte, das fanden einige weniger helle Sozialisten in der DDR tatsächlich unsäglich und also schädlich fürs ideologische Wohlbefinden der Leute. Die meisten waren intelligenter und konnten zwischen den individuellen persönlichen Eigenarten eines Menschen und den Ergebnissen seiner Denkarbeit durchaus unterscheiden. Klatsch-Biografien oder psychoanalytische Unkereien wurden keine verlegt. Aber alle (!) bis dahin bekannten überlieferten Dokumente - einschließlich des persönlichen Briefverkehrs, den Sabine Kebir auch erwähnt - waren veröffentlicht und konnten von jedem Interessierten zur Kenntnis genommen werden.

RE: 1932: Revolutionäres Herz | 06.08.2020 | 14:54

"Aber auch dann blieb das erotische Leben der Ikonen Karl Marx und Friedrich Engels für die öffentliche Debatte weitgehend tabu."

Immerhin 1981 erschien ein Roman über Engels Jugendjahre (Autor Walter Baumert) gleichzeitig in der DDR und im Westen (Schau auf die Erde, DDR / Der Flug des Falken, BRD). Da werden auch Engels Bordellbesuche erwähnt. Die Liebesgeschichte mit Mary Burns und die Art Partnerschaft zwischen beiden spielen eine wichtige Rolle.

RE: 1932: Revolutionäres Herz | 06.08.2020 | 14:42

"des herrschen-wollenden, experiment-gewillten patriarchats"

Haha, manchmal bist du wirklich ungewollt sehr komisch. Du mit deinen vorgestanzten Gewissheiten über etwas, was du nicht kennst, hättest gut in die Riege der "herschen-wollenden" DDR-Patriarchen gepasst.

RE: Ohne Zuckerzusatz | 31.07.2020 | 17:12

Alle anderen brauchen trotz des reduzierten Charakters einen gehörigen 'sweet tooth', eine Affinität fürs Süße, Dramatische, Kitschige, um folklore etwas abgewinnen zu können."

Mein "sweet tooth" findet Futter bei Lucinda Williams, seit eine Rezensentin zum un-top-baren Alternative-Country-Album "Car Wheels On A Gravel Road" geschrieben hatte "drei Teile Honig, 2 Teile Bourbon" (aus dem Gedächtnis zitiert"). In 15 bis 20 Jahren ist Taylor Swift dann vielleicht auch soweit.

Aber diese Besprechung ihres Albums ist wirklich gut geschrieben, sehr empathisch auch gegenüber der Sängerin. Sowas lese ich gern. Auch wenn ich - anders als im Falle der Lucinda-W.-Rezension damals - kein Fan werden werde.

RE: Wir sind zu viele | 29.07.2020 | 22:20

Gabriele Pauli, eine andere bayrische Überfliegerin, kandidierte mal für das Bürgermeisteramt auf Sylt. Sie wollte dort € 5.000,- als Begrüßungsgeld für jedes Neugeborene auf der Insel einführen. Auf Sylt dominieren die Reichen und Schönen (naja, was man so "schön" nennt), die - weil kinderlos - mit dem besseren Sex (eine These von Brunschweiger) und den - weil kinderfrei - (auch ne These von Brunschweiger) besseren, weil ehevertragsmäßig ausgeklügelt geregelten Partnerbeziehungen. Wenn das bayrische Schulministerium die pädophobe Brunschweiger rausschmeißt, sollte sie vielleicht auch auf Sylt Politik machen, um dort den anti-natalistischen Vorsprung auszubauen.

RE: Plündern ist Befreien | 26.07.2020 | 20:07

Richtig. Sie entwendeten einen Viehtransporter vom Typ Citroen HX und fuhren damit nach Jütland, um einen Nazi-Schatz zu heben.

RE: Make life, not work | 26.07.2020 | 11:20

Die Autorinnen wollen, dass das Leben weniger von "Arbeit" bestimmt ist. Wenn sie damit "Erwerbsarbeit" oder besser "Lohnarbeit" von abhängig Beschäftigten (was ja auch meint, von Beschäftigten, die keinerlei Verfügungsgewalt bzw. Mitbestimmungsrecht über die von ihnen geleistete Arbeit haben) meinen, dann sollten sie sich präziser ausdrücken. Solange sie das einfach "Arbeit" nennen, muss ich denken, sie meinten eben "Arbeit" als die menschliche Art der Aneigung und Veränderung von Lebensbedingungen generell. Und dann muss ich weiterhin annehmen, ihre Utopie sei eine paradiesische. Der liebe Gott lässt Früchte wachsen und wird die seinen nicht verhungern lassen. Die Vöglein leben ja auch ohne Arbeit und zwitschern den ganzen Tag.

"Gesellschaftliche Arbeit" / gesellschaftlicher Arbeitsprozess - frag M & E. Du wirst u.a. finden, dass das die jeweilige historische Form ist, in der die Arbeit allgemein organisiert ist.

Die Frage, ob Michael Jäger die Machtfrage stellt, ist hier nicht relevant. Deshalb habe ich sie auch gar nicht erst aufgeworfen. Wenn dich das interessiert, lies seine Texte oder frag ihn.

Ob sich die Machtfrage von selbst stellt? Ich fürchte, das zu tun, ist sie gar nicht in der Lage. Das muss schon jemand für sie machen.

RE: Make life, not work | 25.07.2020 | 10:15

Dein Hinweis auf den Arbeitsbegriff bei M/E entspricht doch genau meiner Kritik an dieser Kritik. Die Autorinnen setzen Lohnarbeit gleich Arbeit allgemein und wollen also darauf hinaus, das Befreiung des Menschen Befreiung von Arbeit heißt. Und behaupten im Gegenzug, das die Autorinnen des Manifests die Arbeit (=Lohnarbeit) als Bedingung von Menschsein hinstellen. Aber in diesem Manifest geht es "nur" um einen Schritt wirklicher Demokratisierung, nämlich um die Demokratisierung des wichtigsten Bereiches menschlicher Gesellschaftlichkeit, der Prooduktion ihrer Lebensmittel. Das hieße tendenziell eine Umkehr der Interessendominanz - weg vom privatwirtschaflichen Profitinteresse hin zum gesellschaftlichen Interesse an praktischer Zweckdienlichkeit, ökologischer und sozialer Verträglichkeit und - darf nicht vergessen werden - Genussmöglichkeiten. (Darauf will z.B. Michael Jäger in vielen seiner Texte hier hinaus.)

Die Kritikerinnen halten aber die Späre der gesellschaftlichen Produktion nicht für die wichtigere. Sie wollen die Menschen so weit wie möglich aus ihr herausführen. Zurück ins Paradies sozusagen.

Wenn den Autorinnen des Manifests etwas vorzuwerfen wäre, dann, dass sie die Machtfrage nicht stellen. Ihre Forderungen können nur mit "Macht" durchgesetzt werden. Die Macht haben aber derzeit die Hüter der privatwirtschaftlichen Interessen.