Absent Father

Nachruf Wenn man die Songs von Justin Townes Earle hört, schmeckt man etwas von seiner Lebenslust, seiner Trauer und seinem Schmerz. Vor kurzem ist der Folksänger gestorben
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Absent Father
Justin Townes Earles bestärkt uns in unserer eigenen Lust, lässt uns die eigene Trauer erkennen und hilft, den eigenen Schmerz zu verstehen

Foto: Matt Winkelmeyer/Getty Images for Stagecoach

"The Ghost of Virginia", so heißt der erste Song von der ersten EP des Folksängers Justin Townes Earle ("Yuma"), die er 2008 im Alter von 26 herausbrachte. Das Lied beginnt mit der "Internationale" als Spieluhrmelodie und handelt von den unruhigen Geistern in den von Gott und dem Kapital schon vor langer Zeit verlassenen Tälern von Virginia, wo die arbeitslosen Bergarbeiter vor 4 Jahren zu 75 % Donald Trump wählten und die heute, wie die Sioux und Cheyenne in den Reservaten der 1880er Jahre auf die Rückkehr der Büffel, immer noch auf die Rückkehr der "Jobs, Jobs, Jobs" (O-Ton Trump) warten.

Anfang März 2009 trieb ich mich ein Weilchen in Manhattan herum. Die Stadt war völlig zugeschneit. Aber ich ging mit meiner Gastgeberin jeden Abend in einen anderen Livemusik-Club, wo man keinen Eintritt zahlt, nur ein, zwei Bucks in ein Körbchen wirft, das im Publikum rumgeht. Die Leute standen mit ihren Kippen im Schneematsch vor den Türen, drinnen striktes Rauchverbot. On Stage in der "Mercury Lounge" in SoHo an diesem Abend: Justin Townes Earle. Ich kannte ihn bis dahin nicht. Ich kannte aber seinen Dad, Steve Earle, der, mitten im Publikum, seinem Sohn zuhörte. Der stand da mit seiner fast noch teenagerhaften Jugendlichkeit und handhabte diverse akustische Saiteninstrumente virtuos mit leichten Händen und redete und sang - fast ohne Atem zu holen. Justins zweiter Name Townes war die nach der Zeugung vorerst letzte Vateraktion, die Steve, der Townes Van Zandt-Verehrer, seinem Sohn angedeihen ließ. Dann beging er "Vaterflucht" und versackte wieder in dem Leben eines von Möchtegern-Outlaws umjubelten Outlaws. Alles, was dröhnt, reinziehen, Musik machen, Frauen rumkriegen und nicht nach ihren Namen fragen.

Sohn Justin hatte bei seiner nun alleinerziehenden Mutter auch kein sehr behütetes Leben. Seit er 12 war, wohnte er dann beim Vater. Und nahm ihn sich zum schlechten Vorbild.

Ende der 1990er zog Vater Steve die speckigen Jeans und die vollgekotzten Karohemden aus, einen Anzug an und ging mit der zumindest pop-ästhetisch streng konservativen Del-McCoury-Bluegrass-Band ins Studio und auf Tour. Und wurde vielleicht so auch zu einem positiven Rolemodel für den Sohn, als Künstler wenigstens. Das 1999er Album "The Mountain. Steve Earle and the Del McCoury Band" zeigt den Hörerinnen, wo (u.a. auch) alles herkommt (man höre sich die Del McCoury-Variante von Goin' Up The Country an) - und wie es weitergehen gehen könnte.

Justin beginnt bald darauf seine eigene Karriere als Folkmusiker. Auf "Yuma" folgen Alben, die seine Lebensgeschichte erzählen, darunter: "Single Mothers" (2014), "Absent Fathers" (2014), "Kids In The Street" (2017). Bei einem Konzert in Berlin redet er nicht mehr wie früher mit einer Mischung aus Koketterie und Selbstironie von seiner Neigung zu "alcohol and drugs", sondern davon, dass er nun bald selbst mit einem Kind durch die Straßen gehen würde.

Vor drei Tagen ist er völlig unerwartet gestorben. Keiner weiß bisher woran. Er wurde 38 Jahre alt und hinterlässt die dreijährige Etta St. James Earle (Verbeugung vor Etta James) und ihre Mutter, Jenn Marie Earle. Vielleicht ist der einst geflohene Vater Steve Earle nun, da er sein aktuelles Album "The Ghost of West Virginia" (!) fertig hat, für seine Enkelin da.

Von T Bone Burnett ist der Spruch überliefert. "Music is to the United States as wine is to France." Wenn wir die Songs von Justin Townes Earle hören, schmecken wir etwas von seiner Lebenslust, seiner Trauer und seinem Schmerz. Es bestärkt uns in unserer eigenen Lust, lässt uns die eigene Trauer erkennen und hilft, den eigenen Schmerz zu verstehen. Dafür meinen Dank, Justin.

08:54 26.08.2020
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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