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Na klar, kein Wunder bei dem Wetter! Straßen, Bäume, Wände, die Straßenbahnen, die ich rot in Erinnerung habe, alles in Abstufungen von weiß, sogar die Nacht ist nicht dunkel, sondern dunkelweiß. Drinnen setzt sich das fort: Kacheln, Fliesen, zwar grau verfugt, aber nur, um das Weiß hervorzuheben. Tapeten, glattweiß oder reliefweiß, Türen, Fensterrahmen, Deckenpanele, Waschbecken, Spiegelkonsole, Heizungskörper, alles weiß, weißes Neonlicht, Klopapier, Seifenspender, Baumwolltücher, Mull, Zellstoffzeug, Türbeschläge; ein Rollwagen, ein Tropfgestell, Abfalleimer sind aus Edelstahl, diverse elektronische Geräte, Displays und so weiter aus grauem Kunststoff, metallgrau, plastikgrau, hellgrau, weißgrau. Der Nagellack der Ärztin, ihre Birkenstock-Schuhe, Mundschutz, Uhrenarmband – alles, alles weiß.

Das einzige Nichtweiße ist der Kopfputz des Anästhesisten, der ist kakelbunt. Er sieht aus wie ein Hippie-Pirat, und er guckt auch nicht so ernst wie seine Kollegin, sondern blödelt die ganze Zeit rum, während er mir die Flexüle in den Handrücken appliziert. Dann wird mir schwummrig, ich vergesse meine Unruhe und beginne zu plaudern. Der Zustand gefällt mir, verkünde ich. Meinetwegen kann es so bleiben, warum eigentlich ganz wegtreten?! Meinen Sie, Sie verpassen sonst etwas? fragt mich der Hippie-Pirat. Ob ich noch geantwortet habe, weiß ich nicht.

Ich träume. Ich wache auf, jemand hat meinen Namen gesagt. Ich fühle mich ausgeruht, habe Hunger und Durst. Ich habe geträumt, sage ich. Na fein, wovon denn? Hab’ ich vergessen.

Aber es war was Schönes. Nicht so ein wirres Zeug, was mich morgens um vier manchmal heimsucht, wo ich zufällig an Orte gerate, die ich vor 25 Jahren verlassen habe, wo aber immer noch mein Kram rumsteht, und wo mir um’s Verrecken nicht mehr einfällt, was da los war und warum ich meinen Krempel nicht mitgenommen habe.

Der Anästhesist wünscht mir schöne Weihnachten. Die Ärztin gibt mir ihre Handynummer, damit ich sie heute Abend beruhigen kann. Dann sind alle weg. Es ist still, ganz still. Ich trinke eine milchig weiße Flüssigkeit, esse mein weißes Brot und beginne, auf ein weißes Blatt Papier zu schreiben.

http://lh3.ggpht.com/_KzT7aueQ9sM/TQk9Xi7_0PI/AAAAAAAAA4k/NuDvGIY_Q54/s800/paarimschnee.jpg

...doch nicht alles weiß!

21:39 15.12.2010
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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