Angela als Paradoxon

Abgesang auf Merkel Daumen hoch? Daumen runter? Linker Daumen runter, rechter Daumen hoch?
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In der neuen Ausgabe des deutschen Jacobin-Ablegers findet sich ein Artikel von Yanis Varoufakis, der aus dem Anlass ihres Endes die Kanzlerinnenschaft von Angela Merkel resümiert. Der Autor nennt Merkel eine "paradoxe Kanzlerin" und seine Einschätzung ihrer Kanzlerinnenschaft ein "paradoxes Urteil".

Ich mag ja Paradoxa. Sie sind ein Stilmittel, natürlich, aber vor allem eine Denk-Provokation. Provokativ an ihnen ist, dass man zu keiner ein-deutigen Schlussfolgerung, zu keiner logischen Lösung kommen kann. Trotzdem ist der Zweck des Paradoxons Erkenntnis.

Paradoxe Aussagen sind Sätze, die wahr sind, wenn sie falsch, und falsch, wenn sie richtig sind. Zum Beispiel, wenn Pinoccio spricht. "Meine Nase wächst gerade."

So ein Paradoxon kann man auch anstarren als würde man in ein Kaleidoskop schauen - und dabei allmählich in Trance geraten, die Realität also aus dem Blick verlieren. Die Realität ist der Zustand Europas, der Europäischen Union, der Beziehungen der europäischen Länder zueinander, die Lage in Griechenland, in Großbritannien, in Deutschland usw. usf..

Die Kanzlerinnenschaft von Angela Merkel hat Deutschland gut getan. - Der Satz klingt nach einer eindeutigen Aussage, die von den einen bejaht, von anderen verneint werden wird. Aber er ist eine paradoxe Aussage, die wahr ist, wenn sie falsch, und falsch, wenn sie richtig ist. Das sieht man, wenn man den Realitätsbezug herstellt. Und die Realität steckt hier in der Antwort auf die Frage: Was zum Teufel ist mit "Deutschland" gemeint?

Varoufakis' Fixpunkt ist natürlich die Griechenlandkrise. Hier hätte sich gezeigt, dass Deutschland Europa stärke, indem es es zerstöre. Es wache über den Euro, indem es die Eurokrise am Schwelen halte. Es werde in diesem Europa immer stärker, vor allem wirtschaftlich, indem es z.B. Griechenland über die Klinge springen ließ (meine Wortwahl).

"Deutschland" meint hier: die Bundesregierung, die "Frankfurter Banken" und überhaupt die "deutsche Oligarchie" (Varoufakis' Wortwahl).

"Warum können die deutschen Unternehmen oder die Bundesregierung diese (im Zuge von Handelsbilanzüberschuss, Bankenrettung und Austeritätspolitik generierten - g.) Geldströme nicht produktiv innerhalb Deutschlands investieren? Weil – und darin liegt ein Teil des grausamen Paradoxons – diese Überschüsse nur deshalb existieren, weil sie nicht investiert werden. Anders ausgedrückt: Unter Frau Merkels Kanzlerschaft ist Deutschland einen Teufelspakt eingegangen. Indem es seine Investitionen zurückhielt, konnte es die Überschüsse aus dem Rest Europas und der Welt absorbieren. Diese konnte es dann aber nicht investieren, ohne dadurch seine Fähigkeit einzubüßen, auch in Zukunft weitere Überschüsse zu extrahieren."

Varoufakis ist in dem Text ziemlich eindeutig: Ist nix Gutes rausgekommen nach 16 Jahren Merkel im Kanzleramt. Vielleicht nennt er dann sein Urteil über Angela paradox wegen des letzten Satzes: "Und doch fürchte ich beim Anblick der gesichtslosen und banalen Politikerinnen und Politiker, die um ihre Nachfolge konkurrieren, dass ich Angela Merkel sehr vermissen werde. Auch wenn das an meiner Analyse ihrer Amtszeit nichts ändert, muss ich doch leider davon ausgehen, dass ich in absehbarer Zeit zärtlicher an ihre Kanzlerschaft zurückdenken werde."

Vielleicht hat ja unsere Angela subjektiv die ganze Zeit versucht, nicht die Art Kanzler(in) zu sein, die wir genau deswegen jetzt bekommen werden?

Und zum Schluss noch ein goedzak-Paradoxon: Ich weigere mich konsequent, taktisch im Sinne einer der drei Bewerber:innen zu wählen. Aber müsste ich die Kanzler:innenfrage persönlich entscheiden, würde ich sagen: Nehmt die Frau.

Einen hab' ich noch: Es ist sehr, sehr wichtig, zur Wahl zu gehen - aber wer von den dreien Bundeskanzler:in wird, ist eine total überbewertete Frage.

Alle Zitate aus:

Yanis Varoufakis, Mein paradoxes Urteil über eine paradoxe Kanzlerin, Jacobin N°6, Herbst 2021, S. 11 ff.

12:12 16.09.2021
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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