Das realistische Kopfsteinpflaster

Klamauk und Kriminalität Ein Sonntagabend-Krimi aus Halle an der Saale
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Das realistische Kopfsteinpflaster
(Sozial-)Realismus oder Kitsch?

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Was Clemens Meyer kann, das kann er eben. Schreiben, erzählen, einen Krimi plotten. Zum Beispiel hier diesen vom letzten Sonntagabend, wo er ein feines Netz aus Raum, Zeit und Abläufen häkelt. Und wahrscheinlich kann er auch realistisch einschätzen, ob sein "Polizeiruf"-Krimi ein "realistischer" Film ist. Nö, ist er nicht. Wenn der Jäcki Schwarz/Wolfgang Winkler-Halle-Polizeiruf von dunnemals ein idyllisch-kitschiges Bild der Stadtgesellschaft gezeigt haben soll, wie Lutz Herden hier meint, dann wäre der neue Ansatz das Gegenteil. Ach, nicht Realismus, sondern schwarzer statt rosa Kitsch.

Versucht die eine Sorte Kitsch, seine Konsumenten in einem illusionären Wohlgefühl zu baden (alles schick, es gibt ja Böse, aber sie werden bestraft), will die andere Schmerz und Angst immer gerade soweit antriggern, dass man sich sowohl ein bisschen gruseln als auch bessermenschlich überlegen fühlen kann. Ich finde den schwarzen ja noch perfider als den rosa Kitsch, weil er seinen begeisterten Rezipienten hilft, sich der harten Realität zu entziehen, ohne sie leugnen zu müssen. Doppelte Illusion. Außerdem bietet schwarzer Kitsch von der Sorte malerischer Sozialrealismus noch den Gebrauchswert eines Ersatzobjekts für soziale Empathie.

Wenn das also tatsächlich ernsthaft als Sozialrealismus beabsichtigt war, kann man es nur Kitsch nennen. Aber vielleicht ist das ja gar nicht so.

Vielleicht sehen wir hier eine Fingerübung in postmodern-derber Ironie, teilweise eine Art Kalauer-Sarkasmus. Allein schon die dunklen Kopfsteinpflasterstraßen im Mühlwegviertel (oder einem ähnlichen Quartier in Halle), nein, das sind keine "mittelalterlichen" Gassen, sondern Gründerzeitviertel, die heute allesamt schick saniert sind, und wo schon seit langem die Art Leute, die im Film vorkommt, der Mieten wegen nicht mehr wohnt. Das 130 Jahre alte Kopfsteinpflaster wurde aus Denkmalschutzgründen erhalten. Dafür nimmt die hiesige Grünen-Wähler-Klientel mit den besseren Automarken gern ein bisschen Stress für die Stoßdämpfer in Kauf, und die E-Bikes sind ja auch gut gefedert. Das sind die kunstbeflissenen Leute, die Meyers Anspielung auf seinen Künstler-Großvater ("Otto-Möhwald-Straße") verstehen und begeistert goutieren.

Wenn man will, kann man hier ein helge-schneider-mäßiges respektloses Zitieren der in Halle gedrehten Christa-Wolf-Verfilmung von "Der geteilte Himmel" sehen. Ein Halle-Film von 1964. Auch hier spärliches Laternenlicht auf Kopfsteinpflaster, nur mehr Nebel.

Überhaupt das ironische Zitieren, das geradezu persiflierende Verwursten von Stereotypen, die zu häufig schon gezeigt wurden, die Rollen von Hermann Beyer oder Cordelia Wege zum Beispiel. Beide Darsteller*innen machen ihre Sache sehr gut, aber wenn die Autoren eine Figur konstruieren, die 30 (!) Jahre nach dem Ende des Berufslebens immer noch zwanghaft jeden Tag den alten Arbeitsweg geht, dann kann das nur ein Sichlustigmachen über Leute sein, die von sowas ergriffen sind, weil's ja sooo sozialrealistisch und soo ost-wehmütig ist. Die ins Drehbuch geschriebene Marotte des alten Eisenbahners, bei den Zuggeräuschen zu einer bestimmten Uhrzeit die entsprechende Zugnummer aufzusagen, ist nur noch Ulk in einer Zeit, wo die Deutsche Bahn keine Saison mehr ohne plötzliche Fahrplanänderungen durchhält.

Oder die dämonische Messermörder-Figur, die wir nur als Schattenriss mit Hoodie zu sehen kriegen. Sollen wir das gruselig-spannend finden, als hätten sich Jean-Christophe Grangé oder Stephan Ludwig das ausgedacht? Ja, sollen wir, damit sich Clemens Meyer in sein Fäustchen lachen kann.

Besser, wir grinsen mit ihm und klopfen ihm auf die Schulter. Haste gut gemacht, Meinor. War lustig. Weiter so. :-)

Beim nächsten Mal was mit den Cagoulards aus "Schatten über Notre Dame" oder Jiří Vršťala als Coulrophobie triggernder Mörderclown.

Was, ihr Westgebürtigen, ihr wisst nicht, wovon die Rede ist? Fragt einfach Clemens Meyer.

An der Saale hellem Strande, Polizeiruf 110. Drehbuch: Clemes Meyer, Thomas Stuber. Regie: Thomas Stuber. Mit Peter Kurth, Hermann Beyer, Peter Schneider, Cordelia Wege u.a.

10:19 04.06.2021
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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