Death, Dixie, Digedags

Volksmusiker Ein Buch, ein Film, ein Todesfall - Kurz nach seinem Tod: Levon Helm zum Geburtstag!
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Die Welt im Kopf und Gedanken, die in ihr herumsegeln. Es ist still um mich rum. Ich bin allein. Ein wunderbarer Zustand, der eine ganze Weile auszuhalten ist. Ich lese einen Thriller von James Lee Burke, dem die Lektoren einen der im deutschen Verlagsgeschäft üblichen Klischeetitel verpasst haben: Im Schatten der Mangroven, Originaltitel In the Electric Mist with Confederate Dead (1993). Der Roman spielt im Dixie bzw. Dixieland, wie die Südstaaten der USA, die ehemaligen Confederate States, genannt werden. Dieser Name, so wird vermutet, geht auf den Geodäten Jeremiah Dixon zurück, der zusammen mit dem Astronomen Charles Mason in den Jahren 1763 bis 1767 den Grenzverlauf zwischen Pennsylvania und Maryland, später nach den beiden die Mason-Dixon-Linie genannt, bestimmte. Seitdem gilt die (verlängerte) Linie als die Grenze zwischen den Nord- und den Südstaaten der USA (siehe auch den Thomas-Pynchon-Roman Mason & Dixon von 1999).


Ich lese diesen schon angegilbten Thriller nochmal, weil ich mir gerade die Verfilmung von Bertrand Tavernier angesehen habe – In the Electric Mist (Berlinale 2009). In der Rolle des Detectivs Dave Robichaux Tommy Lee Jones, den schwerge- und bösewichtigen Gegenspieler verkörpert John Goodman. Auch sonst ist der Film mit bekannten Gesichtern besetzt: Ned Beatty, Peter Sarsgaard, Mary Steenburgen, Kelly Macdonald und dem Bluesman Buddy Guy.


Und mit Levon Helm. Der knapp Siebzigjährige spielt den Geist des Südstaatengenerals John Bell Hood, The Widowmaker, der dem zu Gesichten neigenden Helden gelegentlich erscheint, um ihn zu warnen oder in seinem Kampf gegen das Böse zu bestärken. Er entspringt einer uralten Sepia-Fotografie oder dem genius loci, wenn man so will. In der Gegenwart der Filmhandlung geht es um Gier, Gewalt, Geld und Perversionen, um verschwundene junge Mädchen und in den Sümpfen vermodernde Opfer rassistischer Morde – und der alte General verweist den Helden und uns darauf, dass diese Geißeln der Menschheit besonders auch im amerikanischen Süden, dem Dixieland, eine lange Tradition haben.


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Levon Helm also. Er ist als Besetzung für den General eine sehr gute Wahl, auch wenn der historische John Bell Hood zur Zeit des Bürgerkriegs noch ein junger Mann war. (Wer Helm in Three Burials als den Alten mit dem Radio gesehen hat, wird das bestätigen.) Mit der einem 150 Jahre alten Geist angemessenen heiseren Stimme, wie sie einer mitbringt, der lange ein Folksänger war und gerade von einer Kehlkopfkrebserkrankung genesen schien. Der der Drummer und Sänger der vielleicht typischsten Südstaaten-Folkrock-Band war: The Band!


Der viel glaubhafter als Joan Baez und Johnny Cash den Song, den ihm sein Band-Kumpel Robbie Robertson auf den Leib geschrieben hatte, The Night They Drove Old Dixie Down, wie einen alten Folk-Standard singen konnte.


In Martin Scorceses erstem und sicher bestem Konzertfilm The Last Waltz (Konzert im Winterland Ballroom, San Francisco, 1976; Film 1978) hören und sehen wir Levon Helm diesen Song intonieren. Der damals ca. 30jährige rührt kräftig die Trommeln und shoutet die Lyrics mit seitlich zum Mikro gerecktem Kopf. Die Halsmuskeln sind angespannt, die Halsschlagader tritt hervor, das Gesicht ist verschwitzt.


Was fanden wir die Typen cool, am meisten Neil Young, in abgerissener Militärjacke, und mit, äh, glasigen Augen Helpless falsettierend, backvocals-unterstützt von Joni Mitchell, die im übrigen den coolsten und entspanntesten Beitrag zum Last-Waltz-Konzert lieferte, ihren damals ganz frischen Song Coyote! Wo all die Jungs um sie herum, Levon Helm, Rick Danko, Robbie Robertson, Van Morrison, mit geschwollener Halsschlagader ihre Lyrics rauspressten, klang ihr Singen fast wie Plaudern.


Als der Film um 1980 auch in die DDR-Kinos kam, und den Nerv des jungen Musik-Fans traf, war ich aber schon längst angefixt vom Süden. Schuld daran hatten natürlich die Helden der Knabenzeit Tom, Huck und Jim, aber vor allem das Mosaik und die Digedags. Die Amerika-Serie erschien von Juli 1969 bis Juni 1974. Sie beginnt in New Orleans mit der Schilderung einer Wettfahrt zweier Mississippi-Steamer und handelt in den Jahren des Bürgerkriegs von 1861-65.


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Ob auch er mosaik-indoktriniert war, weiß ich nicht, aber eine gewisse Südstaaten-Affinität spricht aus den Berichten Christoph Dieckmanns von einer Reise des soeben freigelassenen Ossis durch die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1990. „Südstaatler mögen keine Yankees; das geht bis zur verblüffenden Teilnahme am Geschick der DDR (‚Jetzt kommen zu euch in Ostdeutschland die West-Yankees und nehmen euch alles weg. We can tell.’) (...) Southerners missachten Regierungen. Sie schätzen Rebellen (...). Sie sind warm, regional-patriotisch, neigen zur Hinterwäldlerei und spielen eine unmodische Rockmusik, die an Trotz und ländlicher Tiefe ihresgleichen sucht.“ (Oh! Great! Wonderful!: Anfänger in Amerika, S. 77)


Der folksmusikalische Ausdruck des Südstaatenstolzes (und –schmerzes) wurde nicht selten von eher nördlich oder westlich gebürtigen Protagonisten formuliert. Bestes Beispiel ist natürlich die schon erwähnte moderne Südstaaten-Hymne des Kanadiers Robbie Robertson, ein anderes der Swamp Rock des Kaliforniers John Fogerty, der am liebsten Born On The Bayou wäre. In der DDR, wo man sonst alles aufsog, was in der Welt passierte (Indianistikgruppen!) ist die originäre Cajun-Kultur nicht mehr angekommen. Schultze gets the Blues erst viel später.


Zum Soundtrack des Films In the electric mist gehört selbstverständlich authentische Louisiana-Musik. Buddy Guy hat hier nicht nur eine Sprechrolle, den Blues- und Schmerzensmann The Hog, der wegen eines Eifersuchts-Mordes 14 Jahre im Knast war, sondern auch einen Live-Auftritt mit Nathan and the Zydeco Cha Chas. Blues, Zydeco, Cajun - die manisch-depressive Musik des Südens, dessen eigentliche Religion, ein wahres Opium des Volks!!!


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Im letzten Heft der Mosaik-Amerika-Serie findet sich ein prophetischer Hinweis auf einen drei Jahre später eingetretenen pop-musikalischen Todesfall. Der Name des gezeichneten wuschelköpfigen Bettnachbarn eines Bürgerkriegshelden im Lazarett lautet Marc Bolan. Eine Anspielung auf einen gewissen Levon Helm hätte im Juni 1974 wohl kaum einer der Mosaik-Leser verstanden. Aber diese Comic-Zeitschrift gibt’s ja immer noch. Also, liebes Mosaik-Kollektiv, bitte im nächsten Heft einen zeichnerischen Nachruf auf Levon Helm unterbringen! Er hat es verdient!





Der Sänger, Multiinstrumentalist und Schauspieler Levon Helm starb am 19. April 2012. - Heute wäre er 72 Jahre alt geworden.

12:56 26.05.2012
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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