Der Spiegelreflex-Affe

Bürger Naruto Der Mensch ist des Menschen Wolf - und was ist wem der Affe?
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Die Vertierlichung des Menschen und die Vermenschlichung des Tiers sind zwei Seiten einer Medaille, die jeden Tag neue Blüten treibt. Ja, schon klar, Medaillen können keine Blüten treiben, aber ihr wisst doch, was ich meine... Die Tierschutzorganisation PETA, richtig, die mit dem lebenden Pelz über'm nackten Waschbrettbauch von Thomas Kretschmann, unterteilt die Säugetiere in menschliche und nichtmenschliche selbige. Der per definitionem vertierlichte Mensch, sozusagen. Is ja nich falsch, kann man machen. Menschen sind recht gelehrig, Tiere aber auch. Speziell die Spezies der Makaken, einer Affenart in Indonesien ist ganz anstellig, wenn es darum geht, Handlungsweisen von Artverwandten wie Menschen zu beobachten und geschickt nachzuvollziehen.

Womit wir beim Thema wären. Es geht um David, Naruto, Antje und ein paar nicht namentlich bekannte Mitglieder von PETA. David Slater, ein menschliches Tier männlichen Geschlechts, Fotograf, Vater einer Tochter, was mit relativ großer Wahrscheinlichkeit auf heterosexuelle Neigungen schließen lässt, ging vor einiger Zeit mit seinem Profi-Equipment im Dschungel auf der indonesischen Insel Sulawesi spazieren. Er schraubte seinen Apparat auf ein Stativ und machte ein paar hübsche "Natur-Aufnahmen". Dann musste er mal kurz weg, wahrscheinlich nur hinter dem nächsten Busch einem natürlichen Bedürfnis folgen oder so, und ließ sein Equipment einen Augenblick aus den Augen. Als er zurückkam, um mit seiner kreativwirtschaftlichen Tätigkeit fortzufahren, musste er mit ansehen, wie Naruto, ein nichtmenschliches Tier, dem Namen nach ebenfalls männlichen Geschlechts - ob hetero-, bi- oder homosexuell, ist nicht bekannt - und der Art der Makaken angehörend, mit seinem teuren Fotoapparat Grimassen schneidend und posierend Selfies machte, und zwar gleich dutzendweise. Die meisten, so stellte sich später heraus, waren unscharf. So schnell lernt sich ein Handwerk bei aller Gelehrigkeit eben doch nicht. Aber einige waren gestochen scharf und perfekte Porträts. David jedenfalls fand sie so gut, dass er einige davon in das Fotobuch, das dann entstand, mit aufnahm. Außerdem war er so fair und/oder so geschäftstüchtig, den Affen als Foto-Autor namentlich zu machen. Fotos, die von nichtmenschlichen Gelegenheitsfotografen gemacht wurden, sind ja sehr gefragt. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Katze, die jede Nacht auf Fotosafari geschickt wurde.

Das Buch verkaufte sich gut und brachte dem Fotografen Geld ein. Jetzt kommen die Antje und die erwähnten PETA-Aktivisten in's Spiel. Wie SPON neulich berichtete, reichten die Tierschutzorganisation PETA und Antje Engelhardt vom DPZ (Deutsches Primatenzentrum) eine Urheberrechtsklage gegen den David ein. Sie verlangen, dass der Naruto als Fotoautor und seine Rechte am eigenen Abbild (Selfie) anerkannt werden und dass der David die Tantiemen für die von Naruto geschossenen Fotos herausrückt. Da die Klägerinnen wissen, dass nicht nur das letzte Hemd, sondern auch das Affenfell keine Taschen hat, und dass es im Dschungel keine Banken oder Tresore gibt, bieten sie sich uneigennützig an, das Vermögen von Naruto für ihn zu verwalten und es in seinem Interesse bzw. im Interesse des nichtmenschlichen Volkes der Makaken anzulegen oder auszugeben. Ob man sich zwecks Entgegennahme der vermögensverwalterischen Anweisungen Narutos zu regelmäßigen veganen Geschäftsessen mit diesem zu treffen beabsichtigt, ist nicht bekannt.

Der David ist nun ziemlich traurig. Erst stahlen diese Wikipedia-Typen das Naruto-Selfie für ihre Commons, wogegen er vergeblich klagte, dann kam die nette deutsche Punkband "Terrorgruppe" und nutzte das Bild unbefugt als Cover-Foto für ihr neues Album, nun blüht ihm noch ein Prozess, der ihn Geld kosten könnte. Dabei habe er doch einen Teil des Geldes bereits dem Tierschutz gespendet. Außerdem brauche er die Kohle für die weitere Ausbildung seiner Tochter, die sonst nicht aufs College gehen könne.

Mich treibt nun die Frage um, ob es sich bei dieser PETA-Aktion, die Affen-Selfie-Episode zu einer juristischen Causa zu machen, um einen Fall von Animalisierung oder aber von Humanisierung der Realität handelt. Die übliche Philosophie des radikalen Tierschutzes, speziell sein Ethik-Ansatz, bedeutet wohl, korrigiert mich, eher ein Heimholen des der Hybris verfallenen Menschen in's Tierreich ("menschliches Tier"), natürlich zum Zwecke der Emanzipation der Tiere, tierschutzpolitisch korrekt, der "nichtmenschlichen Tiere". Diese emanzipatorische Animalisierung des Humanen darf, so schließe ich, keine Erhöhung des Tiers, sondern kann nur eine Erniedrigung des Menschen sein. "Erniedrigung" klingt jetzt ziemlich böse, aber es geht ja in Wahrheit nur darum, die ungesunde Überhebung des Menschen, die er sich erlaubte, sobald er aus dem Zustand des Naturvölkischen herausgetreten war, zum Wohle aller, also auch des Menschen, rückgängig zu machen.

Ein edler Vorsatz, oder? Philosophisch bedeutet diese utopische Animalisierung des Humanen sozusagen die Re-Naturierung der Kultur. Voll cool! Re-Naturierung ist immer gut! Den eventuell zweifelnden Linken unter Euch möchte ich sagen, dass sogar Karl Marx im Grunde einer war, der die erst durch die christliche Theologie, dann durch die idealistische Aufklärung aufgekommene Denke, dass der Mensch aus der Natur herausgetreten sei und durch Unterwerfung eben der Natur die Kultur geschaffen habe, vehement in Frage stellte. Ja! Der! Tatsächlich! Ich komm' gleich drauf zurück.

Erst schnell noch ein Kino- und ein TV-Tip. Der Film "Heart of the Sea", den ich mir jüngst in einem Off-Kino inmitten einer von den dargestellten Naturgewalten sichtlich ergriffenen Zuschauermenge angetan habe, unterstellt einem nichtmenschlichen Tier, dem Wal, sehr menschliche Regungen, nämlich Rachedurst. Überhaupt finden sich in den Argumentationen, wenn man die denn so nennen möchte, radikal-veganer Tierschützer*innen oft Hinweise darauf, dass die Natur mit mutierten Viren, Hochwasserfluten, Seebeben und Klimawandel nunmehr im Begriff sei, sich für die Bosheit, Gier und Arroganz des Menschen, der sie jeden Tag "vergewaltige", zu rächen.

Und für alle Serien-Fans, es gibt jetzt eine neue Drama-Serie, sie heißt "Zoo" und wird seit dem 13. Januar auch im deutschen TV ausgestrahlt, die genau davon handelt: Löwen z. B., nichtmenschliche Tiere aus Afrika, greifen in konzertierten Aktionen, so Köln-Silvester-mäßig urplötzlich Menschen an. Bei den Pferden fängt es damit an, dass sie trotzig gucken. Ich frage mich, ob diese TV-Serie dem Gedanken der emanzipativen Tierethik viele neue Freunde gewinnen oder ob sie eher dazu beitragen wird, vor einer drohenden Überfremdung menschlicher Siedlungen durch aggressive Tierbanden Angst zu haben. Na, ich denke, die Gefühlslinken werden die Geschichte so und die Rechten andersrum auslegen. Auf jeden Fall, soviel kann ich nach den ersten drei Episoden schon sagen, bereichert sie das bunte Spektrum der Verschwörungstheorien um neue Töne.

Nun zurück zu unserer philosophischen Frage: Was passiert hier? Wird der Mensch in die Natur zurückgeholt oder das Tier vermenschlicht? Naruto wird als Fotograf dem Fotografen David gleichgestellt, nicht umgekehrt. Wenn David in seiner Tätigkeit juristische Gesetze zu beachten hat und seine Arbeitskraft oder ihre Ergebnisse als Waren verkauft, und Narutos Handeln ebenfalls als Arbeit definiert wird und für seine Arbeitskraft und ihre Ergebnisse dasselbe wie für David gelten soll, liegt ein Fall von Humanisierung, eigentlich Sozialisierung des Tieres vor. Außerdem handelt es sich um eine bürgerliche Form der Tiersozialisierung, denn hier wird ja nicht etwa nach den Maßstäben einer tendenziell post-kapitalistischen Open-Source-Konzeption in Bezug auf kreative Produktion geurteilt. Diese Art Tierschutz ist demzufolge eine Art imperialistische Kolonisierung des Tierreichs. Nationbuilding und Demokratieexport könnten folgen. Oder andersrum, hinter der PETA-Aktion steckt die Annahme, dass die Sozialität des Kapitalismus, z.B. das unantastbare Recht des bürgerlichen Individuums auf kommerzielle Verwertung seiner Kreationen, eine Art naturgegebene Qualität ist. Holla!

Und nun, man höre und staune, lesen wir bei Karl Marx von der "Arbeit, die selbst nur eine Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft", und: "Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d. h. nur die Formen der Stoffe ändern"! Der David ist also ein menschliches Tier, nicht obwohl, sondern weil er arbeitet! Und der Naruto ist ein nichtmenschliches Tier, nicht weil er nicht arbeitet, sondern weil er es nicht in den sozialen Formen des Menschen, zum Beispiel nicht zum Warenaustausch, tut. Und die Medaille würde dadurch, dass sie Blüten triebe, nicht natürlicher, sondern unnatürlicher. Sie ist in ihrer Materialität ausschließlich nach den Gesetzen der Natur gebildet, was auch heißt, dass sie eben keine Blüten treibt.

So, und nun werde ich mir einen fetten Kaffee machen, eine Orange schälen, ein Brötchen aufbacken, ein Stück Bio-Ziegenkäse abschneiden und alles genüsslich verzehren, und danach das Telefon in die Hand nehmen und eine Person bestimmten Geschlechts anrufen. Schönes Gefühl, zu wissen, dass bei all dem die Natur waltet. In Reinkultur. Obwohl - oder gerade weil - einerseits die Ziege kein Geld für ihre Milch bekommen hat und andererseits ich nachher die erwähnte Person nicht wie ein Ziegenbock besteigen werde.

09:30 21.01.2016
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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