Designschwafelei

Bücherkalender Goedzak wird als Idiot beleidigt und beleidigt zurück
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Designschwafelei

Foto: jokebird/photocase

Die, die am verschwommensten, verrätseltsten, bedeutungsschwangersten reden, sind ja inzwischen nicht mehr die Philosophen (als TV-Star muss man volkstümlich sprechen) oder die Soziologen (die sagen gar nichts mehr), sondern die Designer. Ja, wirklich! Solche Sätze wie: "Das muss rund sein, weil es rollen soll!" hört man von denen schon lange nicht mehr. Eine Zeit lang sagten sie: "It must be round because it needs to run!Das ging ja auch noch, man konnte mit Hilfe einer Übersetzungs-App rauskriegen, was gemeint war.

Neuerdings aber reden sie z.B. so:

„In einer Welt, wie sie Peter Sloterdijk beschreibt, in einer immer komplexeren Welt also, in der jeder einzelne relativ gesehen immer inkompetenter wird, erreicht gestaltete Kommunikation ein Publikum, das sich danach sehnt, zu verstehen, und wenn das nicht gelingt, dann doch Verstehen zu fühlen.“

Geeenau, das wollen wir: gefühltes Verstehen, am besten vermittelt von einem Designer-Guru! Der da so redet, heißt Sven Voelker, ist natürlich Professor, und zwar für Kommunikationsdesign. Vielleicht würde er anders reden, wenn er noch Prof für Gebrauchsgrafik wäre...

Aber ich wollte eigentlich auf den ersten Teil des Büchleins hinaus. Das ist eine 24-Seiten-Etüde über Design: „Das Zeug zur Macht“. Und nämlich von Peter Sloterdijk himself! Yes! So verrätselt rumzuschwafeln, dass das ein Verleger akzeptiert, ist nämlich auch wieder nicht so einfach. Also ruft man dann doch den Fillosoofen zu Hilfe. Und Sloterdijk ist als Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, an der Voelker Design-Prof ist, sozusagen dienstverpflichtet. Ein Philosoph alter Schule ist es, der hier zum Rumschwammeln herbeigeholt wird, sozusagen Rampensau genug, um den Designern noch was beibringen zu können.

Lange bitten musste der Sven wohl nicht, denn die Gelegenheit, sich mal in die Niederungen der alltäglichen Banalitäten zu begeben, denen ja auch ein Philosoph als Mensch gelegentlich unterliegt, ist verlockend. Der erste ist er auch nicht, der Peter. Adorno, kein Geringerer, ist ihm auf diesem Nebenpfad vorangegangen. Dessen Vortrag „Funktionalismus heute“ von 1966, besonders die Formulierung vom „Unpraktischen des erbarmungslos Praktischen“, hatte eine nachhaltige Auswirkung bis heute. Allerdings leider als Missverständnis, aber das Schicksal teilt ja Adornos populäre Sentenz z.B. mit der von Adolf Loos, „Ornament und Verbrechen“, die dazu aber auch noch leicht in ein "Ornament ist Verbrechen" abgefälscht werden musste. Von diesen missverstandenen Kraft-Sätzen führt eine gerade Linie zum „gefühlten Verstehen“ mittels Design bei Sloterdijk & Voelker.

Während der Dialektiker Adorno intellektuell noch Herr der Lage war, steht Sloti vor der spätmodernistischen Alltagskultur wie Elias Canettis Peter Kien vor dem eBook gestanden haben würde: mürrisch, genervt, ratlos. Okay, ratlos vielleicht nicht. Der Edel-Geist weiß sich und uns erklärenden Rat: Design sei "gekonntes Nichtkönnen". Mit ihm würde dem Paradoxon der (Post-)Moderne, die „zugleich steigende und sinkende Individualkompetenz“, entgegengewirkt.

Ja, die Welt wird immer komplexer, Informationsflut sowieso, postmoderne Beliebigkeit, pi-pa-po. Der einzelne wird zwar schlauer, aber die Gesamtmasse der Schlauheit steigt noch schneller, also wird er relativ dümmer. Das Individuum ist längst überfordert, auch der philosophierende Individualist im universitären Rektorenzimmer. Als solcher, als klassischer bürgerlicher Individualist nämlich, kann er sich den Gedanken, dass die kollektive Schlauheit die indivuelle Schlauheit nicht relativieren, sondern potenzieren könnte, nicht gestatten! Die kooperativ-solidarische Art und Weise, Kompetenz zu generieren, kommt dem Sloti gar nicht in den Sinn. Seine Vorstellung von Individualität ist eine retrospektive, die von Kollektivität auch, vorliberal, vorbürgerlich, eher aristokratisch.

Leute, da wächst doch im Schoße des Kapitalismus einiges heran! Kooperativen, flache Hierachien, open source, open content, open hardware and so on... Die postbürgerliche Kollektivität ist nicht das bewusstlose Herumtaumeln einer gesichtslosen Masse, der man nur durch einen Marschbefehl von oben oder Beglückungs-Design oder die „Revolution der gebenden Hand“ beikommt. Das ist noch die Kollektivität der bürgerlich vereinzelten Individuen. Da, wo Sloterdijk ein Paradoxon der zugleich wachsenden wie eingeschränkten individuellen Freiheit sieht (nichts anderes ist "Kompetenz"), könnte eine postbürgerliche Freiheit durch kooperative Verschränkung der einzelnen Kompetenzen wachsen. Naja, aber auf dem Auge ist er blind. Iiiih, Utopie!

So, was gibt’s denn noch für Thesen in dem Text? Ah, hier:

Design kommt unweigerlich ins Spiel, wo der schwarze Kasten dem Benutzer eine Kontaktseite zuwenden muss, um sich ihm trotz seiner internen Hermetik nützlich zu machen. Design schafft den dunklen Rätselkästen ein aufgeschlossenes Äußeres. Diese Benutzeroberflächen sind gleichsam die Gesichter der Boxen, genauer: das Make-up der Maschinen (...)“, das die Illusion der kompetenten Beherrschung der Blackbox schafft.

Und so läuft das schon seit Jahrtausenden, denn früher, vor aller undurchschaubaren Technik, war die Natur die große hermetische Blackbox. Und was taten die prä-historischen Designer? Sie erfanden das Ritual als Interface der Natur zwecks ihrer „Bedienung“. Als Beispiel: Die Blackbox Natur soll Regen auf die Felder fallen lassen, damit was zu essen wächst. Also Gebete und Regentanz, designte Rituale. Irgendwann kommt dann unausweichlich der Regen – und die Menschen können sich so schön kompetent fühlen, weil sie erreicht zu haben glaubten, was sie erreichen wollten. Design als Ritual oder ritualeske Attitüde ist also etwas, was, wie die frühkulturellen Rituale, als Ersatz für die Unmöglichkeit, "selbst auf die Ereignisse in der autonomen Umwelt einzuwirken" die Möglichkeit bietet, die "ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen." Man ruft und ruft und irgendwann regnet es dann auch und die Welt ist wieder in Ordnung. Dann hat man den Regen zwar nicht verstanden, aber man hat gefühlt verstanden! Design ist also ein Ritual, das ein notwendiges, wenn auch illusionäres Kompetenzgefühl erzeugt. Wie barmherzig! An anderer Stelle wird da so ausgedrückt: "Ein Kunde ist (...) ein Idiot, der Souveränität kaufen möchte."

Design oder Architektur im Sinne dieser Definition gibt es ja tatsächlich. "Das muss rund sein, weil rund so schön emotional ist!" könnte ein Luigi Colani gesagt haben, der jeden Fernseher rundgelutscht hat. Auch Herr Friedensreich Hundertwasser gehört in diese Kategorie. Der würde es nur etwas anders ausdrücken: "Das muss rund sein, weil eckig des Teufels ist!" Sloterdijks Auffassung, man dürfe "von der Geburt des Designs aus dem Geiste des Rituals sprechen", hätte dem Friedensreich gefallen, denn der benutzte sein Fassaden-Design als exorzistische Beschwörungsformel.

Sloterdijks Dünkel, oder sagen wir es ganz direkt, seine dumme Ignoranz, besteht darin, dass er glaubt, es gäbe kein anderes Design (und keine andere Architektur) als die à la Colani und Hundertwasser. Der ganze Schmarren ist wieder so ein hübsches Beispiel für diese rechts-mitte-links-bürgerliche Denke, die sich menschliches Agieren überhaupt nur als Kommunikation vorstellen kann. Den immer beklatschten Spruch "Man kann nicht nicht kommunizieren!" haben sie in ihrer doofen Ignoranz umgedeutet in "Man kann überhaupt nur kommunizieren!" Dass sie an anderer Stelle des Partywichtigtuergesprächs, manchmal kaum drei Sätze später, von der "Unmöglichkeit der Kommunikation" reden, tut dem überhaupt gar keinen Abbruch.

Menschliches Agieren ist Produktion. Und da produzieren, außer bei Philosophen am universitären Schreibtisch oder bei Kunsthandwerkerinnen in eigener Werkstatt, heutzutage kaum anders als kooperativ geht, geht's natürlich auch nie ohne Kommunikation ab.

Unser Sloti hat einen hellen Moment, als er sich selbst einen "Alltagsscharlatanen" nennt. Diese selbstkritische Bezeichnung ist auf seine und nach seiner Einschätzung unser aller mangelnde Kompetenzen gegenüber der technischen Ausstattung unserer Alltagskultur gemünzt, weniger auf seine persönliche Kompetenz als Philosoph, als "Liebhaber der Weisheit" also. Mit seiner diesbezüglichen Kompetenz wäre es aber auch deutlich besser bestellt, wenn er schweigsam liebhaben würde oder wenigstens nicht uns alle an seinen Liebeserklärungen an die Dame "Weisheit" teilhaben lassen wollen würde.

Dem Philosophen vom Schlage Sloterdijk erscheint das Phänomen Design selbst als "schwarzer Kasten", dem er, in seinem Sinne verstanden, denk-designerisch ein "Make-up" verpasst, das ermöglicht, dass "der Benutzer ohne spürbare Demütigungen durch seine evidente Inkompetenz fürs Innenleben (des schwarzen Kastens ‚Design’ - goedzak) sein Spiel anschließen kann". Was wiederum darauf hindeutet, dass Herr Sloterdijk ein Philosoph in eigenen Diensten ist, sich also vor allem selbst die Welt erklären will, wobei er sich leider nicht überwinden kann, dies dann auch für sich im stillen Kämmerlein zu tun. Aber diese kleine Schwäche hat er ja mit vielen Bloggern und noch mehr Kommentatoren von Blogs gemeinsam.

Peter Sloterdijk / Sven Voelker
Der Welt über die Straße helfen. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung

Schriftenreihe der HfG Karlsruhe, Bd. 5, 2010

06:16 16.12.2014
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Geschrieben von

goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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