Die Hufeisen-Querfront

Ideologie und Wahn Warum Ideologen Ideologien "Wahn" nennen
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Schön, dass es Texte gibt, die man nicht selber schreiben muss. Vor allem wenn man immer weniger Lust dazu hat. Weil / obwohl man so angeödet ist von all den auch in diesem Forum sich ausbreitenden "kritischen", eigentlich bloß bräsigen, bärbeißigen, beflissenen, besserwisserischen, dünkelhaften, megalomanischen, Gedanken-Konstipation durch schriftliche (immerhin noch kohärente) Logorrhoe kompensierenden Entäußerungen.

Also lasse ich mal Daniel Kulla sprechen. Hier wird auf einen Text von ihm verlinkt. Ihr könnt ihn lesen oder ihn euch beim vorzüglichen Freien Radio Corax vorlesen lassen.

"Entschwörung durch Klassenkampf" - Hier als Teaser ein paar prägnante Sätze (einschließlich der originalen Links) aus dem Text:

"Die so üblich gewordene gedankliche Abkürzung, statt von Ideologie ständig von 'Wahn' zu reden, muss endlich aufgegeben werden."

"Besondere mediale Aufmerksamkeit erfuhren dabei zuerst die sogenannten 'Hygienedemos' am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, aus deren mutmaßlicher Zusammensetzung zügig das Gesamtbild einer sich bundesweit formierenden Querfront entstand. Obwohl die meisten der übrigen Proteste recht deutlich von rechts kamen und linke Kundgebungen hauptsächlich auf die Lage der Geflüchteten, soziale Ungleichheit in der Betroffenheit von Pandemie und Maßnahmen sowie die nach wie vor drohende Klimakatastrophe hinwiesen, stimmten auch manche Linke dieser Einschätzung zu und halfen so, wie oft zuvor, beim Hufeisenbasteln mit."

"...dennoch schien Zustimmung zu notfalls ökonomisch einschränkenden Schutzmaßnahmen eher von links, von unten, von den Arbeitskräften, auch eher von Frauen zu kommen, und wo sie von konservativer Seite kam, wirkte sie zumeist schon deutlich instrumenteller gedacht. Propaganda zur Aufweichung der Maßnahmen, zu ihrer Unterlaufung, zu ihrer kompletten Abschaffung, zur Priorisierung der Wirtschaft kamen hingegen weitaus eher von rechts, von oben, von Männern, aus dem wirtschaftsliberalen Spektrum."

"Der Klassencharakter war auch an örtlicher Verbreitung und Erscheinungsformen der Proteste erkennbar und deckt sich mit diesbezüglichen Erfahrungen aus der Geschichte: so versammelte sich 1919 in San Francisco gegen die Maskenpflicht angesichts der tödlich grassierenden Spanischen Grippe eine “Anti-Mask League”, deren Teilnehmer als “besorgte Bürger, skeptische Ärzte und Fanatiker” beschrieben wurden."

"Der Schritt, gemeinsam die nun ja immerhin auch so genannte “nicht-essentielle” Arbeit zu verweigern, wie das andernorts bereits geschah, wäre wohl leichter zu gehen gewesen, wenn linke Diskussionen sich nicht so sehr um die Abgrenzung von den “Spinnern” auf der Straße und ihre Pathologisierung gedreht hätten, sondern mehr um konkrete Schritte zur Selbstorganisation der Klasse oder schlicht zu ihrer Hilfe."

"Insofern ist die Fahndung nach den krassesten und irrsten Verschwörungserzählungen (wie sonst auch) selbst ein Teil des Problems – sie hilft kaum beim Verständnis, wie und an welcher Stelle genau aus der Suche nach Erklärungen für eine unübersichtliche Lage die Suche nach übermächtigen, sinistren Schuldigen wird."

"Das heißt, die Gefahr einer reaktionären Eskalation geht nicht primär von Leuten wie Ken Jebsen, Jürgen Elsässer, Xavier Naidoo oder Attila Hildmann aus (so sehr sie auch für direkte Vermittlung wichtig sind und sich ihrer Anhängerschaft weiter direkt erwehrt werden muss), sondern vom auf Vollzug drängenden kapitalistischen Normalbetrieb und seinen Lautsprechern in Gestalt all der Staatsoberhäupter und Regionalregierungen, die sehr deutlich und ohne Hokuspokus ihr ökonomisches und politisch-strategisches Interesse in die Praxis umsetzen und erst in den Begründungen zur Ideologie greifen (müssen)."

"Entsprechend wichtig ist nun auch, die eigene Rücksichtslosigkeit als Freiheitskampf zu deklarieren, so wird zum Beispiel aus der Impfplicht die 'Zwangsimpfung'."

"Im Normalbetrieb ist Ideologie vor allem die Rede über die gute (eigene oder angestrebte) Herrschaft und die schlechte der anderen, das gute Kapital zeigt aufs böse Kapital und ruft 'Haltet den Dieb!'"

"Und die bequemste Reaktion besteht nun darin, diese besonders deutlich zutagetretenden Formen von Ideologie zum Thema zu machen, sie durch Pathologisierung vom Rest der Gesellschaft zu trennen oder Zusammenhänge nur als Munition gegen die jeweils andere falsche politische Hälfte des bürgerlich-demokratischen Spiels zuzulassen. Wenn nun auch Linke meinen, dass besonders Linke besonders anfällig für den 'Wahn' wären, machen sie dabei mit."

"Der entscheidende Unterschied in Hinsicht auf die gerade zentralen Entscheidungen zum Pandemieschutz besteht aber darin, dass es einfach nicht im Widerspruch zu rechtslibertären oder faschistischen Positionen steht zu sagen: die Konkurrenzposition unserer Nation, also unseres klassenübergreifenden Kollektivs der Tüchtigen, ist wichtiger als das Leben irgendwelcher Schwachen, Kranken und Armen."

"Die heutigen libertär-nationalistischen Protestwellen schließen an die von 2015 ff. an, und auch die fielen nicht vom Himmel. Es geht um beides: die (auch praktische) Kritik der Ideologie und die Organisation zur Überwindung ihrer Grundlagen, das heißt, es muss immer auch beides passieren: Antifa und Klassenkampf, je nachdem, aber immer aufeinander bezogen."

10:27 19.05.2020
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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