Die Leni, die Julija, die Barbie & der Helmut

BilderSex (1) Man sieht so allerlei bei einem Rundgang durch Helmut Newtons Private Property und denkt sich seinen Teil dazu
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Foto: goedzak, 2012

Nicht Julija, sondern Lisa I.

https://lh3.googleusercontent.com/-OpLGEZ9hcms/UXls6MSRReI/AAAAAAAADF4/SZl93ysjqyQ/s800/lisa_1_kopp.jpgMan ist von hochgewachsenen, ach, was sage ich, riesinnenhaften nackten jungen Damen umringt. Genau genommen sind es Damen, die in den 70er und 80er Jahren jung waren. Nur zwei Beispiele: Charlotte Rampling und Julija Tymoschenko – ach, nee, ist jemand anderes. Aber die Ähnlichkeit! Nicht weit von mir schreitet ein in den siebziger oder achtziger Jahren jung gewesener, noch immer recht drahtiger Mann das Spalier der nordischen Sexgöttinnen ab. Da meldet sich sein Telefon: "Ja, ich bin, äääh, am Zoo...biste schon fertig? Gut, dann bis später..."

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Wir sind am Zoo in Berlin im Museum der Fotografie, das von der Helmut-Newton-Stiftung für Fotografie unterhalten wird und das sich auf ca. 80 % seiner Ausstellungsfläche der Darstellung des Lebenswerks und der Huldigung der Person des Fotografen Helmut Newton widmet. Im Eingangsbereich über der Freitreppe begrüßen einen die ‚Big Nudes’, diese germanischen Barbies, die allenthalben ihren Ablichter, den Herren Helmut Newton als einen der tollsten Fotografen der Welt gelten lassen.

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Diese Barbie heißt mit vollständigem Namen Henrietta Big Nude III.

Alice Schwarzer war nie dieser Meinung. Newtons Fotos seien sexistisch, rassistisch und außerdem noch faschistisch, schrieb sie 1993 und musste dafür jede Menge Schelte einstecken. Zwanzig Jahre später redet man viel über Soft-SM-Pornos im Literaturbetrieb und die mit SM-Motiven ‚spielende’ Fotografie Newtons ist längst kein Aufreger mehr. Und einen Juden wie Helmut Newton faschistoider Ästhetik zu bezichtigen, würde heute von den üblichen Verdächtigen sofort als antisemitische Regung bezeichnet. Bei einem Rundgang durch Helmut Newtons Private Property, in der jede Menge bedeutsame Artefakte aus dem Berufs- und Privatleben des Mannes zu bestaunen sind, sieht der skeptische Betrachter dann aber sehr bald, dass Schwarzers Anwürfe zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.

In dem ausgestellten Bücherschrank eines Mannes vom Jahrgang 1920 vermisse ich Lady Chatterley’s Lover von D. H. Lawrence und die Emmanuelle-Romane, aber vielleicht habe ich sie auch nur übersehen. Nicht zu übersehen dagegen sind die Memoiren von Leni Riefenstahl, gleich neben einem Foto, auf dem beide lächelnd posieren, und einem sorgfältig in Passpartout gerahmten Brief von Hand der bewunderten Person.

11.5.1989

Lieber Helmut – danke für das interessante rote Büchlein. Meine Memoiren schicke ich Ihnen nicht so gern, da ich mein(e), dass das Ihnen missfallen wird und zwar deshalb, weil ich aus Wahrheitsliebe über Hitler so schreiben musste, wie ich (ihn) vor Kriegsende erlebte, was mir sehr schwer fiel und neue Feinde schaffte. Aber sollte ich lügen? Nur um mir Vorteile zu verschaffen? Ich meine, dass man die Anziehungskraft, die Hitler vor Kriegsausbruch nicht nur bei den Deutschen hatte, nur begreifen kann, wenn auch seine positiven Wesenszüge genannt werden. Das verringert nicht die Einmaligkeit seiner großen Verbrechen. Es würde mir leid tun, wenn Sie mich nicht verstehen könnten. Mit herzlichem Gruß Ihre Leni R.

https://lh5.googleusercontent.com/-lyOZsO-iD7M/UXlgNgBNepI/AAAAAAAADDw/m-Dcrtk_8f4/s288/LeniWarszawa.jpgDie Leni mit ihren Nazifreunden bei der Siegesparade in Warschau, 1939

Der Helmut hat sich das Buch von der Leni dann wohl selbst gekauft. In deren fotografischem Schaffen waren ja so lange nach dem Ende von Adolfs "Anziehungskraft" hochgewachsene blonde arische Schönheiten nicht mehr angesagt, sondern eher hochgewachsene dunkle afrikanische Schönheiten. Aber nicht nur Susan Sontag (Essay "Faszinierender Faschismus") hat die Parallelen zum Körperkult in "Triumph des Willens" gesehen.

https://lh6.googleusercontent.com/-ZK3yq51PPVE/UXlgYX4347I/AAAAAAAADD8/nkJX4T0N6eM/s400/Nuba_Frauen%2520Kopie.jpgFoto: Riefenstahl, 1982

In der heutigen Welt, die von "seinen positiven Wesenszügen" nichts mehr wissen will, ist aber doch immer noch das überkommene Ideal weiblicher Schönheit als blut- und bodenständige Verkörperung einer leitkulturellen Norm geschätzt. In diese von Claudia-Schiffer- und-Heidi-Klum-Traumfrauen bevölkerten Körper(bilder)kultur passt sehr gut eine neue Art der Verehrung von schönen (blonden) Frauen mit Zopfkränzen um den Kopf, die vielleicht nicht, wie Schwarzer es Newton vorwirft, als Heilige und Hure in idealer Personalunion gesehen werden, aber doch als (National-)Heilige und vorgeblich asexuelle Idealschönheiten mit verschämt überspieltem libidinösen Potenzial.

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National-cool: Julija T.

Dass aber die dunkel-exotische Variante der Edel-Genpool-Träume auch immer noch gegenwärtig ist, beweist unser GröBloKoBro (größter blonder Kotzbrocken im Eichenwald der deutschen Medien), der bekanntlich nicht auf nordische Blondinen, sondern auf exotische Rasseweiber steht – wahrscheinlich, weil er selbst arisch genug ist.

Die moderne Heilige ist eine Kämpferin für westliche Werte, für Hipness, Coolness und die Freiheit, hip und cool sein zu dürfen. In diese popkulturelle Variante der bürgerlichen Individualfreiheit gehört natürlich zwingend auch das Moment des sexuellen Hedonismus. Und wer, besonders von den Männern, die politischen Ambitionen der ukrainischen Femen-Aktivistinnen nicht mag, kann immerhin ihre Titten mögen.

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Foto: apa/epa/malte christians, 2012

Die bürgerliche Frau ist heute Heilige, Hure und Hipster in Personalunion – muss es sein, möchte es sein, muss es sein möchten. Helmut Newtons ‚altmännerliche’ Frauenverehrung reproduziert sich dann z. B. in der Verehrung der Julija T. durch Politiker-Männer wie Werner Schulz, Volker Beck und ihre Kollegen aus CDU, SPD und Grünen.

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Der Werner stellt sich schützend vor die Julija - Foto: Westdeutsche Zeitung Online, 2012

In der Abteilung Helmut Newton Private Property steht eine Menge Design-Spielzeug für den reiferen großbourgeoisen Herrn, der in der Hose einen ewig dicken – Geldbeutel hat, herum: ein ausgewachsener S.U.V., extra designt und sondergefertigt, und funkelnde SM-Maschinen aus Chromstahl wie der Wassili-Chair von Marcel Breuer.

Außerdem hinter Glas ausgestellt ist alles, was an einem Helmut-Newton-Fotoshooting-Set nicht fehlen durfte: Schusswaffen, Handschellen, Peitschen und dgl. SM/Fetisch-Zeugs, dazu Brust- und Nippelattrappen, Schamhaartoupets, diese weichen Mamma-Prothesen aus Latex, eine kleine Sammlung Barbiepuppen...

Der ‚Fluch der Schönheit’ ist der Fluch, als Frau von frauenidealisierenden und frauenklischeebilderanhängenden Kerlen verfolgt zu werden, die die hübsche Larve für den Menschen nehmen (Rita Hayworth: „Mit Gilda gehen die Männer ins Bett, aber mit mir wachen sie auf.“) Wenn Helmut Newton etwas für die Kunst der Fotografie, besser gesagt für das Kunsthandwerk des fotografischen Erotik-Kitsches geleistet hat, dann das Weiterentwickeln der Technologie der Frauenbilderklischeeproduktion.

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Alles nur Ironie! - Foto: Rotzfrecher Schnappschuss in der Ausstellung, 2013

Noch mehr Sexbilder aus der Sammlung Goedzak gibt es hier!

BilderSex - auch in der Freitag-Printausgabe in letzter Zeit häufiger zu finden...

Und hier war auch mal was.

09:27 26.04.2013
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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