Drei Filme

Kino International Im Kino werden bei Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" und "Inside Llewyn Davis" von den Coen-Brüdern bei unserem Blogger Erinnerungen wach. An Elem Klimow etwa
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Drei Filme

Foto: goedzak

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Auch wieder so ein elendig trauriger Film – von dem alle schreiben, er wäre ja so komisch. Natürlich Coen-Brothers-komisch, also hip-komisch, cool-komisch, aber doch komisch. Und das Publikum kennt seine Coens, hat das alles gelesen und will standesgemäß lachen. Und es lacht – zunächst. Doch dann wird es allmählich stiller im Kino.

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Mir war eher zum Heulen. So wie damals, bei meinem letzten Besuch im Kino International, irgendwann in der Mitte meines bisherigen Lebens. https://lh6.googleusercontent.com/-na1p36fDvps/UsRAOwJeAQI/AAAAAAAADr4/KEehkdx65Eg/s400/Geh%2526sieh_DDR-Plakat.jpgDer Film hieß Geh und sieh, Regie Elem Klimov, UdSSR 1985. Dieser Film hatte mir gezeigt, was mir vorher immer nur gesagt worden war: Es gibt keine Monster auf der Welt, alles Schreckliche, Grausame wird von ganz normalen Menschen angerichtet! Von solchen Blondschöpfen in Landseruniformen auf alten Opel-Lkws, die meine Kneipenkumpels hätten sein können. Das hat mich umgehauen. Die Frau neben mir war recht, naja, erstaunt, als sie meine hervorstürzenden Tränen erblickte, da draußen vor dem Kino, im spätabendlichen Großstadtlichtgeblitze, zwischen den Vitrinen aus eloxierten Aluminiumprofilen mit den Filmplakaten, die da heute noch stehen (Denkmalschutz). Es waren gewissermaßen kathartische Tränen, eine spannungslösende Affektabfuhr. Immerhin hat sie mich geistesgegenwärtig umarmt. Jetzt ist es nur ein tiefes Durchatmen, da draußen vor dem Kino, unter der gleißenden Leuchtschrift des Konzertcafes Moskau.

Was zeigte mir Inside Llewyn Davis? „Man hat hinterher nicht die leiseste Ahnung, wie einem geschehen ist“, schrieb ein Rezensent. Darauf will ich mich jetzt mal hinausreden. Nur soviel: Die Songs im Film werden von Anfang bis Ende performt, das gibt’s in keinem Musiker-Biopic sonst! Aber diese Stellen sind die eigentlich traurigen. Unser unerhört talentierter Llewyn muss andauernd vorsingen, fürs Brot auf der Bühne oder beim Impresario, fürs Gewissen beim dementen Vater und dann noch vor diesen linksintellektuellen akademischen Mäzenen-Typen, die ihn als lebenden Beweis für ihre Kulturgesinnung brauchen. Aber die Songs sind so schön, so bitter, so traurig. Das Alltagsleben des Llewyn Davis ist banal, nervig, langweilig. Seine Aussichten sind banal, nervig, langweilig. Manche finden das dann komisch.

Diesmal ist Greta bei mir. Das tiefe Durchatmen hat sie nicht bemerkt oder diskret übersehen. Lachen konnte sie auch nicht. Ihr Alltag ist banal, nervig, langweilig. Dabei hat auch sie mal eine CD mit eigenen Songs rausgebracht, ein paar andere Alben mit Instrumentalarrangements und Backgroundstimme verfeinert. But „I don't see a lot of money here“, wie der Manager Bud Grossmann aus dem Film dazu sagen würde. Also umarme ich sie geistesgegenwärtig.

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Wir nehmen ein paar Züge von der Karl-Marx-Allee-Abendluft und gehen wieder rein. Nächste Vorstellung: Jim Jarmusch. https://lh3.googleusercontent.com/-cG7lfQBo0KY/UsSrnBeu01I/AAAAAAAADtI/5ff2TeJHAgE/s640/P1140723%2520Kopie.JPGKontrastprogramm? Zufallsauswahl? Nein, das Thema ist Popkulturgeschichte. In beiden Filmen spielt die gleiche (die selbe?!?) uralte akustische Gibson eine Hauptnebenrolle. In Geh und sieh allerdings wird es keine Gibson gegeben haben, höchstens eine Balalaika, weiß ich aber nicht mehr.

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Only Lovers Left Alive, der Titel kommt wohl daher, dass im Film Solo-Opfer leergesaugt, Liebespaare aber „nur“ transformiert werden, was ja bekanntlich das Weiterleben als Vampir gestattet. https://lh3.googleusercontent.com/-wLKtOA4iM10/UsRQmqqcgcI/AAAAAAAADso/-4-EFT-AIts/s800/P1140760.JPGNach den Gesetzen der natürlichen Zuchtwahl wird also eines Tages die Population der Vampire tendenziell nur noch aus liebesfähigen, empathischen, teilnahmsvollen, mitfühlenden, kameradschaftlichen Individuen, die der Menschen dagegen aus egozentrischen, selbstverliebten, launischen, konfliktscheuen, beziehungsunfähigen, Sex als Dienstleistung oder als nüchtern verabredetes Gelegenheitserlebnis genießenden Exemplaren besteht. Vielleicht ist das ja der popmärchenhafte Heilsplan des Jim Jarmusch – alle Guten retten sich ins Vampirdasein? Oder eine Art Sarkasmus, wie er ihn seiner Hauptfigur Adam in den Mund legt, der die Menschen Zombies nennt.

Der Film ist sehr stylisch, sehr selbstreferenziell, vollgestopft mit den Steckenpferden des Filmemachers. Alte Autos, alte Gitarren, alte Schallplatten, alte Bücher, alte Elektrotechnik, malerische Industriekulturruinen, verwinkelte Kasbah-Gassen, die Christopher-Marlowe-Verschwörungstheorie, Percy Shelley & Lord Byron.

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Wir werden wie Touristen an Jack Whites Geburtshaus vorbeigefahren, bekommen nochmal (wie schon in Coffee & Cigarettes) die Bedeutung des Nikola Tesla erklärt und einen Vortrag über das zum Parkhaus herabgesunkene Michigan-Theatre gehalten. Beinahe werden wir noch ins Detroiter Motown-Museum geführt, aber Tilda-Eve verhindert das mit der Bemerkung, sie stünde mehr auf Stax. Es groovt dann aber nicht so richtig, als sie zu Denise LaSalle tanzt. Man denkt an diese Episode aus den späten Sechzigern, als sich Blues-Fan Mick Jagger von Tina Turner die schwarzen Körper-Moves beibringen lassen wollte.

Prima Soundtrack. Aber vielleicht würde der ganze Film mehr Sinn haben, wenn er nicht ein Film mit Soundtrack, sondern der Video-Clip zu einem geilen Electric-Blues-Psychedelic-Oriental-Pop-New-Motown-And-A-Little-Bit-Gothic-Album wäre!?! Dann müsste allerdings den Christopher-Marlowe-Vampir nicht John Hurt, sondern Robert Plant spielen, der hat schließlich auch einen Kinnbart und ist in der Kasbah zu Hause.

Hab ich das jetzt alles laut gedacht? Greta lacht jedenfalls amüsiert. Sie nimmt mich natürlich nicht ernst. Ihr hats gefallen. Mir ja auch. Es war dunkel und wir waren beisammen. Okay, nicht nur deshalb, man hat ja teils ähnliche Steckenpferde.

Abschied am Eingang U-Bahn Schillingstraße. Noch ein kurzer Mantelkontakt im Stehen. Mehr ist nicht drin - zwischen diesen Familienfeiertagen. Sie verschwindet treppab Streifen für Streifen im Berliner Untergrund.

Ich beschließe, zum Hauptbahnhof zu laufen.

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Dies ist eine Art Teaser.

Demnächst mehr aus dem Kino International.

Fotos und Stills: goedzak, 12/2013
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goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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