Erotik-Kitsch: Sex sells Sex!

BilderSex (3) Der Fotograf, sein Model und der Betrachter – eine Dreiecksbeziehung der Illusionen, der Heuchelei und des Missbrauchs
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https://lh4.googleusercontent.com/-FR_4olZayDk/UXm8GU3Nk-I/AAAAAAAADPY/GJbIutx4Wjg/s640/KinderpaarFotograf_400_cut.jpgRollenspiel, 1905 || Rollenarbeit, 2010

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In der bürgerlichen Mythologie des Abendlandes ist es nur zu deutlich: Die Erzählung schreibt vor, dass der Gebrauch der Maschine dem männlichen Teil zugeordnet ist (...). Die Frau soll Abstand halten und Ehrfurcht zeigen vor der „geheiligten“ Maschine des Mannes. (...) Ohne Frauen (aber) machen Maschinen keinen Spaß. (...) Der Mann und die Maschine, das ist das Bild der Ordnung und der Arbeit, die Frau und die Maschine, das ist das verbotene, aber eben auch deshalb so faszinierende – sexuelle – Bild.

(Georg Seeßlen, Sex-Fantasien in der Hightech-Welt 1, 2012, S. 56/57)

https://lh4.googleusercontent.com/-a64yNTA5dO4/UXm5WjYon9I/AAAAAAAADMs/QTPI-bKQKXw/s288/2009_billardkal._cut.jpg „Sex sells!“ – das ist das Prinzip, aus kommerziellem Interesse libidinöses Erregungspotenzial auf asexuelle Waren zu übertragen. Es bezeichnet aber auch ein Dilemma, einen unlösbaren Widerspruch. Das Asexuelle muss sexualisiert, das Sexuelle aber ent-sexualisiert werden. Das Asexuelle muss sexualisisiert werden, um aus kommerziellen Gründen die Anziehungskraft asexueller Waren zu vervielfachen. Das Sexuelle, auch das Sexualisierte, also sexy gemachte, muss ent-sexualisiert werden, weil in der Sexualität eine archaische, sinnliche, humane, unkontrollierbare Kraft schlummert.

Die Ware muss sexy sein – und gleichzeitig darf sie es nicht! Der Erotik-Kitsch ist eine spezielle Ware. Urprünglich ist sie etwas Sexuelles, dass dann für den Verkauf erst entsexualisiert wird, um schließlich in illusionär-kitschiger Form (warenästhetisch) re-sexualisiert zu werden. Simpel gesagt, es werden Sinnlichkeit und Realismus durch kitschige Zeichen von Sinnlichkeit und durch Illusionen ersetzt. Der Erotik-Kitsch verkauft also eine Ware, die illusionär ästhetisierte und damit ent-sexualisierte Körperschönheit, Sexualität ist.

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Foto: Paparazzo

Aus unbewusster Scham und aus Angst vor der Wahrheit präsentiert der Erotik-Kitsch seine Models unter den Masken der Ästhetisierung, unter denen sie jeder erkennt, und gibt sie so erst recht dem Verkanntwerden, einem Begehren, das die Maske meint, nicht die Person, der Lächerlichkeit oder der Verachtung preis. Es sind die üblichen Gender-Charaktermasken: die Naive, die Hure, die Heilige, die Rassige, die Exotische, die Ätherische... Und darin besteht seine Obszönität, die die einen goutieren, die anderen hinnehmen oder nicht sehen.

Typische Motive des Erotik-Kitsches:


Frauenhaut und Männerhobby

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"Rasseweib"

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Foto: A.Deckers

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Naomi Campbell, "Rasseweib" und "Wildkatze"; Foto: J.P.Goude

Mädchen & Pferdchen

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Foto: unbekannt, DDR 1979

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Foto: Postkarte, 1907

Das zweite Dilemma des Erotik-Kitsches ist die Selbsttäuschung über seine Stellung zwischen Kunst und Pornografie. Des deutschen Gesetzgebers Hauptvorwurf an die Pornografie ist nicht etwa die Falschinformation über die Realität der Sexualität, die sexuelle Ausbeutung von Darstellern und Konsumenten oder die konservative, um nicht zu sagen reaktionäre Darstellung von Geschlechter- und Sexualverhältnissen, sondern die Tatsache, dass der Sinn pornografischer Darstellungen ausschließlich darin besteht, sexuelle Erregung hervorzurufen. (Das Hervorrufen sexueller Erregung an sich wäre jedoch überhaupt gar kein triftiger Grund für Vorwürfe, jedenfalls solange dies als Selbstzweck geschieht, und nicht zur Erreichung a-sexueller Ziele.)

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Foto: Werbung

Der Erotikkitsch steht also, was das angeht, in einer Zwickmühle. Er möchte dieses so formulierte Hauptkriterium des Pornografischen nicht erfüllen, d.h., der Erotikkitschproduzent will nicht in den Verdacht geraten, sein Ziel sei das Auslösen sexueller Erregung, denn er dünkt sich als etwas besseres, seine Produkte sollen Kunst sein. Er scheut aber, darin der Pornografie absolut gleich, den Realismus wie der Teufel das Weihwasser! Warum nur, wo er doch Kunst sein möchte?! Weil Schönheit hier nur als widerspruchsfreie, normierte, idyllisierte und idealisierte gesehen werden kann.

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Der gesellschaftliche Zwang zu einer normierten Schönheit verstärkt und überformt die individuelle Sehnsucht nach Schönheit. So entsteht die Nachfrage – und das ist das Angebot:

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Nun hat natürlich auch die Pornografie als unter kapitalistischen Verhältnissen als Ware produziertes Ding nicht nur einen, sondern einen doppelten Sinn: Sie soll profitabel sein, und nur um das sein zu können, muss sie den Gebrauchswert der sexuellen Erregung aufweisen.

Sex sells, die Ästhetik der sexuellen Darstellungen in der Werbung ist kitscherotisch – ihre sexuell erregende Wirkung ist hier der untergeordnete Gebrauchswert, er dient als Basis für den Gebrauchswert, den libidinösen Effekt auf die Waren zu übertragen und damit reizvoll für den Kauf zu machen. Die Sexsells-Erotik meidet den Realismus, nämlich die Realität individueller menschlicher Bedürfnisse, so wie die Produkte als Waren nicht mehr primär der praktischen Befriedigung dieser Bedürfnisse dienen, sondern der vorübergehenden Kompensation des Unbefriedigtseins.

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Quelle: Mitteldeutsche Zeitung

Auch in der medialen Selbstdarstellung vieler meist junger Frauen sind die Muster des Erotikkitschs und das Sex-Sells-Prinzip eine gelungene Fusion eingegangen. Anders, im Sinne Norbert Elias’ ausgedrückt: Der individuelle Sexappeal, eine Form persönlichen Ausdrucks für besondere Situationen - Partnerwerbung, Kommunikation in Liebesbeziehungen – ist zu einer mental verinnerlichten, an von außen vorgegebenen Mustern orientierten Verhaltensvorgabe geworden. Darin und nicht nur formalästhetisch ähnelt der Erotik-Kitsch der Sexsells-Erotik der Werbung, letztlich nutzen beide diesen Erregungseffekt.

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Haltung oder Pose: zweimal Elke Jeinsen, Model - Foto: unbekannt & Playboy

https://lh5.googleusercontent.com/-BnhsqC7cS7M/UXm503sU94I/AAAAAAAADNs/tGZTV03GsOI/s400/Soldatenabschied%252C1914.jpgWährend in der Pornografie das Militärische und verwandte Topoi eher in S/M- und Fetisch-Kontexten auftauchen, finden wir es beim Erotik-Kitsch in sentimentaler Form als Moment von idealisierter Beschützer-Männlichkeit und das wiederum verbunden mit nahen Verwandten in der sentimentalen Gefühlswelt: Patriotismus, Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus. Und hier ist dann auch wieder Gelegenheit, den hässlichen Pornografie-Verdacht abzustreifen. Die Bilder zeigen: https://lh5.googleusercontent.com/-5WGS7-CCFdA/UXm_O0UoEiI/AAAAAAAADPo/Vd_defuobSU/s800/so%25CC%2588derb.%253Ajudsu%25CC%2588%25C3%259F.jpgDer gute, patriotische Mann schützt die unschuldige, wenn auch sexy Schönheit. Der Fremde, Böse, Lüsterne zieht die Schönheit zu sich herab in den porno-grafischen Sumpf. Man könnte es den Jud-Süß-Effekt nennen, wenn es das nicht schon vorher gegeben hätte.

Film-Still aus "Jud Süß", 1943

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Noch mehr Sexbilder aus der Sammlung Goedzak gibt es hier!

BilderSex - auch in der Freitag-Printausgabe in letzter Zeit häufiger zu finden... Und hier war auch mal was.

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09:25 26.04.2013
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak
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