Frühreif im Kapitalismus

Bücherkalender Tugendterror, Aufklärung oder Kunst - Goedzak kann sich nur schwer entscheiden
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Frühreif im Kapitalismus

Foto: jokebird/photocase

Die Kindheit soll ja eine Erfindung der Neuzeit sein. Bis dahin waren Kinder eben kleine Erwachsene, mit denen der mit der nötigen Macht ausgestattete große Erwachsene alles machen konnte, was er mit weniger mächtigen gleich großen Erwachsenen auch machen konnte: sie schlagen, ausbeuten, schuften lassen, auf Klaviertournee schicken, sie kaufen, sie verkaufen, sie verheiraten usw. usf.

Das Bürgertum sorgte dann dafür, dass seine Sprösslinge zu niedlichen, eingehegten, streng erzogenen, behüteten, kaufmännisch auszubildenden Püppchen wurden. Sie hatten zu essen, was auf den Tisch kam, anzuziehen, was schicklich war, zu glauben, was richtig war. Das war dann ihr Schicksal für so zwei, drei hundert Jahre.

Erst die spätkapitalistische Postmoderne brachte eine weitere mentalitätshistorische Wende. Die Kindheit verschwindet wieder. Kinder sind heute, in bestimmten Kreisen jedenfalls, kleine Erwachsene, die alles sein dürfen, was große Erwachsene in eben diesen Kreisen sein dürfen: Workaholics, SchauspielerInnen, TänzerInnen, Popstars, Models, HackerInnen, OlympionikInnen usw. usf.

Und KonsumentInnen!

Für eben diese kleinen KonsumentInnen und alle Kleinen, die es werden wollen, gibt es ein Ratgeberbuch. Es heißt "Why do you shop? Mein erstes Shopping-Buch".

Es ist ein derbes Pappbuch, wirres Layout, viele Schrifttypen, nicht viele Seiten, also recht einfach zu handeln für Fingerchen, die sonst nur scheibchenflache Telefone zu bewältigen haben.

Liebe Kinder! So richtig shoppen tun immer nur die Erwachsenen. Das ist ungerecht! Deshalb hast du jetzt dein eigenes Buch über Shopping in der Hand. Es soll dir helfen, deine ersten Schritte in der Shopping-Welt zu gehen. Denn mit Shoppen kannst du gar nicht früh genug anfangen. Also los! Früh übt sich...

So wird der kleine Leser begrüßt. Dann wird alles abgehandelt, was in der „Shopping-Welt“ wichtig ist. Die Geschäfte, die Kaufmotivation, die Werbung, das Geld, die Marke. Und zum Schluss gibt es „Die 10 goldenen Regeln“ des Shoppings, eine Auswahl:

7. Trage nichts Gebrauchtes!

8. Lehne gebastelte Geschenke ab!

9. Kaufe das, was deine Freunde sich nicht leisten können!

10. Bestehe darauf, dass du auch am Sonntag einkaufen darfst.

Spätestens an dieser Stelle verliert auch der sonst so besonnen argumentierende Verrisse-Schreiber jede Contenance. In dem Buch wird aber auch jedes einzelne Argument für die neoliberale Einrichtung der Gesellschaft (Shoppen ist Menschenrecht und sichert die Arbeitsplätze der Eltern) kindgerecht aufbereitet. Oder hat er da was falsch verstanden?

Wolfgang Fritz Haug, jener legendäre marxistische Kritiker des kapitalistischen Warenkonsums, unternahm vor kurzem eine Modernisierung seiner "Kritik der Warenästhetik" von 1971. Ich meine, Zeit wurde es ja auch - nach vierzig Jahren! In der Originalfassung stand noch drin, dass es in der DDR keine warenästhetischen Tendenzen gegeben habe. Wenn man mich fragte, ob das stimmt, würde ich antworten: "Jein!" Aber das führt jetzt etwas vom Thema weg.

In dieser um das Kapitel „Warenästhetik im High-Tech-Kapitalismus“ erweiterten Fassung wird auch "Mein erstes Shopping-Buch" erwähnt und zitiert. Hier erfahren wir, dass selbiges Buch in Deutschland auf dem Index steht. Ob das ein Zeichen für Tugendterror, Bevormundung, Gängelung oder Infantilisierung von „uns“ allen und eine typisch deutsche Konsumprüderie ist - die einen sagen so, die anderen sagen so. Haug meint jedenfalls: „Nicht als Absage ans falsche Ja, sondern in der Maske der übertriebenen Bejahung (...)“ würde hier sowas wie eine Konsumkritik versucht. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften konnte das nicht so sehen und erklärte das „Aufklärungsbuch“ zu einer jugendgefährdenden Schrift, denn es würde u.a. Kinder bei Taschengeldmangel zum Stehlen ermuntern. Die Autoren klagten beim Verwaltungsgericht Köln gegen die Indizierung und bekamen Recht. Das Buch sei eine legitime sachliche Erklärung der Konsumwelt. Außerdem sei es Kunst. Klingt widersprüchlich.

Ist das Buch also Satire, ist es Provokation, ist es Kunst – oder ist es ernst gemeint? Wenn es Kunst ist, dann eine Parodie auf Billig-„Kunst“. Grottenschlechtes Layout! Eine Satire soll es aber nicht sein, betonen die Autoren. Es sei eine „paradoxe Intervention“. Watt’n datt? Na, wenn man etwas soooo ernst meint, dass es gar nicht ernst gemeint sein kann! Versteht ihr? Ich auch nicht. Warum fechten die Autoren eine Entscheidung der Bundesprüfstelle an, wenn diese doch eigentlich ihre „paradoxe Intervention“ bestätigt? Ach so, genau das ist das Paradoxe?! Kunst ist demzufolge aber nicht das Buch. Das Buch ist dann nur eine Requisite in einem Kunststück. Das wird es sein! Die Autoren sind nämlich Leute aus der Off-Theaterszene.

Und was zeigt uns das Kunststück? Es zeigt einen großen Klamauk aus Buch, Bundes-Reaktion, Gegenklage, Feuilleton-Artikeln, Amazon-Käuferkommentaren und einer Zitation in einem kulturkritischen Text. Dieser große Gaudi soll ein Licht auf die übliche konsumapologetische Konsumkritik werfen. Der Klamauk ist, so ist zu schlussfolgern, konsumkritische weil paradoxe Konsumapologetik. Jetzt verstanden?

So, Leute, ist dies hier nun ein Verriss oder nicht? Antwort: Ick weeß it ooch nich...

Aber halt! Es IST ein Verriss! Das ist mir soeben klar geworden! Denn dieses scheinapologetische Kritikstück ist letztlich ein scheinkritisches Apologie-Stück, denn es ist wie das Bacterio-Dekor von Ettore Sottsass auf postmodernen Möbelstücken. Es führt ein Problem superironisch vor. An seiner Lösung aber ist es nicht interessiert.

Judith Wilske / Andre Erle
Mein erstes Shopping-Buch

Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002

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Geschrieben von

goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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