Füller versus Faller

Journalismus Es gibt guten und schlechten, na klar, es gibt aber auch sehr guten und sehr schlechten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Journalistin Heike Faller veröffentlichte im Oktober 2012 in der „Zeit“ unter dem Titel „Der Getriebene“ eine längere Reportage über einen pädophilen Mann, der sich hilfesuchend an das Präventionsprojekt "Kein Täter werden" des Instituts für Sexualmedizin an der Berliner Charité gewandt hatte.

Im April 2013 wurde ihr für diesen Text der Henri-Nannen-Preis für die beste Reportage verliehen.

Ein paar Tage später erschien in der taz die Meinung des „Pisaverstehers“ Christian Füller zu dieser Auszeichnung.

Die Reportage von Heike Faller stellt einen 28jährigen pädophilen Mann vor, der sich bereits Bildmaterial mit Darstellungen sexualisierter Gewalttaten an Kindern im Internet besorgt und konsumiert, aber noch nicht selbst an einem Kind vergangen hatte. Der Mann wird als jemand gezeigt, der sich der Verwerflichkeit seines Tuns als Bilderkonsument bewusst ist, und der unter allen Umständen verhindern möchte, schließlich selbst zum Täter zu werden. Die Reportage berichtet über die Versuche des Mannes, von den Bildern loszukommen, von seiner Teilnahme an der Therapie des Instituts für Sexualmedizin der Charité. Und sie erzählt von den familiären Bezugspersonen, denen er sich schließlich offenbart, und die ihn nicht verdammen, sondern in seinen Bemühungen unterstützen.

Ohne Zweifel geschieht es sehr selten, einen pädophil veranlagten Mann in der medialen Öffentlichkeit als einen Menschen darzustellen, der sich in einer fast ausweglosen Situation befindet, die darauf hinausläuft, entweder zu einem Gewalttäter der schlimmsten Sorte zu werden oder aber ein Leben ohne Sexualität zu führen. Und gleichzeitig zu wissen, dass in jedem Fall die intimen emotionalen Bindungen, die zu einem erfüllten Leben gehören, nicht zu haben sein werden. Diese Darstellung ist trotz der kühl-distanzierten Sprache der Autorin geeignet, beim Leser eine gewisse Empathie hervorzurufen. Man wünscht dem Mann Erfolg bei seinen Ringen darum, kein Täter zu werden, und kann ihm auch die Achtung dafür, sich diesem offensichtlich schweren Kampf zu stellen, nicht versagen.

Christian Füller beteuert in seiner Stellungnahme zunächst, die journalistische Qualität der Arbeit Heike Fallers im vollen Umfang anzuerkennen. Ein schlimm falsches Signal sei es aber, einen Text über einen Täter (einen Unterschied zwischen einem potenziellen und einem tatsächlichen Täter meint Füller hier nicht machen zu müssen) auszuzeichnen, denn dies würde bedeuten, die mangelnde Aufmerksamkeit und Hilfe für die Opfer pädophiler Gewalt noch zu bekräftigen. Füllers Beteuerung, nicht die Autorin angreifen zu wollen, wird am Schluss seiner Besprechung allerdings ad absurdum geführt, wenn er meint, Heike Faller „Verständnis für die vermeintliche Ausweglosigkeit des Triebs bei Pädophilen“ unterstellen und dies als leichtfertig in Kauf genommene Relativierung ihrer Taten auslegen zu müssen.

Und hier zeigt sich dann auch schon im Ansatz, wie Füllers Sicht auf Pädophilie, pädophile Menschen und den Umgang mit beidem in unserer Kultur aussieht. „Die Geschichte der Päderastie ist der ewige Versuch, sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu rechtfertigen, vom pädagogischen Eros der Griechen bis zu den 68ern, die die sexuelle Befreiung der Kinder direkt auf ihr eigenes Genital lenkten.“ Füller stellt mit voller Absicht Fallers Text in die Linie einer aus seiner Sicht 2000 Jahre andauernden ideologischen Rechtfertigung pädophiler sexueller Praxis. Einen schlimmeren persönlichen Vorwurf an eine Journalistin kann es nicht geben. Das hat schon rufmordartigen Charakter.

Für mich stellt sich hier die Frage, wer von beiden tatsächlich mehr für eine wirksamere Prävention gegen pädophile Übergriffe auf Kinder tut. Füller, der sich als Aufklärer geriert, aber eher einen missionarischen Kreuzzug gegen Täter, ihre Rechtfertigungsprosa und die Medien ihrer Verbreitung führt, der in gehobener Sprache und mit vielfältiger bildungsbürgerlicher Redundanz letztlich etwas Ähnliches ausdrückt wie der Populisten-Spruch „Todesstrafe für Kinderschänder!“ – Oder Faller, die das Porträt eines pädophilen Menschen vorstellt, der mit aller Kraft versucht, nicht zum Täter zu werden, und damit immerhin für ihrer Neigung wegen potenziell gefährliche Menschen einen gangbaren Weg aufzeigt.

Christian Füller – ein Aufklärer oder ein Eiferer auf Kreuzzug? Dies ist eine Frage, die man sich nach dem Lesen seines Hauptwerks „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ stellen kann und muss. Ich werde dies demnächst in einer Besprechung zu dem Buch tun. Eine These vorweg: Der Autor gibt den konsequenten Ideologiekritiker, der leider aber nicht so recht zwischen der Ideologie und der Praxis, die zu rechtfertigen, zu befördern und zu legalisieren sie benutzt wird, zu unterscheiden weiß.

22:44 24.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

Kommentare 207

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community