Ganz bewusst konservativ

Schuld und Zerrüttung Armer Alphamann, von einem Weib verlassen, zum Glück Ersatz gefunden
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Ganz bewusst konservativ
Wie im Roman: Keramikmesser in Nahaufnahme

Foto: Sharpenceramicknife/Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

So sah es im Jahre 2011 noch aus, das Glück des Jan Fleischhauer. Auf der Terrasse einer Eigentumswohnung in Kudammnähe in den Himmel über Berlin zu blicken, sich über das dem eigenen Aktiendepot zuträgliche Ende der Finanzkrise zu freuen. Zufrieden zu sein, dass Angela Merkels zweite Kanzlerschaft die vatermörderisch gehasste SPD auf ihren subalternen Platz verweist. Mit Keramikmessern am Kochblock Gemüse zu schneiden. Jähes Ende: Die Frau will die Scheidung.

„Ich“ und “Ella”. Fünfzehn Jahre Ehe mit viel Streit, Liebe, Zugewinn und zwei Kindern. Plötzlich dann Ellas Ansage “Alles ist besser als noch ein Tag mit dir”. „Ich“ versteht es nicht, kriegt Wut und Angst, nimmt Benzodiazepin, wird finanziell ausgenommen, meldet sich bei Parship an, heiratet zum zweiten Mal, ist wieder glücklich. „Ich“ und Hannah in einer standesgemäßen Wohnung - nun in München. Ende. Zwischendurch jede Menge Statistiken über Ehen, Scheidungen und das angeblich so typische Gebaren von Männern und Frauen. „Jede Frau will einmal in ihrem Leben gefragt worden sein, ob sie zu einer Ehe bereit sei, so wie jeder Mann einmal das Einverständnis dazu hören möchte.“ (S. 48) In diesem Satz steckt die ganze Beziehungs- und Geschlechterphilosophie des Jan Fleischhauer. Wer „Why Men Don’t Listen and Women Can’t Read Maps“ gelesen oder „Caveman“ gesehen hat, kennt das zur Genüge.

„Wer braucht Bücher, die ihm sagen, was er eh schon weiß?“ fragte F. in seinem Bestseller „Unter Linken“, diesem „Schwarzbuch der Distinktionslinken“, und meinte damit natürlich nicht sein eigenes Buch. „Selbstbestätigungsliteratur“ nannte er in summa linke Bekenntnisbücher. Braucht keiner, da hatte er recht. Brauchen aber der Leser oder gar die Leserin diesen „Roman über die Liebe, ihr Ende und das Leben danach“? Wer liest Bücher, die ihm sagen, was er nicht wissen muss? Was erfahren hier Menschen in Scheidung, die kein Obere-Mitte-Eheleben mit dem für diese Schicht typischen Mann-Frau-Einkommensgefälle auf hohem Niveau in einer Charlottenburger Dachterrassenwohnung mit Designermöbeln und Hightech-Küche führen. Jeder, der nach einer wirklich existenziellen Trennung weiß, dass er sein Leben ändern muss, hat andere Sorgen, muss andere Fragen stellen.

Aber das ganze ist ja bloß ein Roman?! - Ach, woher, ist es nicht. Es soll auch gar keiner sein. Wird uns etwas erzählt? Ein paar Episödchen. Deren Funktion ist es, die aneinandergereihten typischen Fleischhauer-Kolumnen zu so etwas wie einem Text in Buchlänge zu verbinden. Werden uns lebendige Figuren gezeigt? Es fallen ein paar Namen – Ella, Sahra, Hannah. Zu erkennen sind sie nicht. Nur eine Figur wird einigermaßen plastisch: „Ich“. Und „Roman“, im Sinne von Fiktion, heißt das ganze, weil der Autor über sich selbst schreiben, das auch so verstanden wissen, es aber nicht zugeben will. Oder darf - auf Anraten der Anwälte?

Das Kapitel zu den anwaltlichen Auseinandersetzungen über die Aufteilung der Besitztümer einer betuchten bürgerlichen Familie - Geld, Besitz, Kinder – ist mit Abstand das ausführlichste. Wundert das jemanden? Die AfD ist zwar auch in Fleischhauers Kreisen „bäh“. Deren Forderung aber, zum Schuldprinzip im Scheidungsrecht zurückzukehren, findet er nicht ganz so abwegig. Finanziell wäre dann so eine Scheidung für den verlassenen Gatten mit höherem Einkommen sehr viel günstiger. Das Gebot des „Trennungsunterhalts“ im modernen bürgerlichen Scheidungsrecht, das den besser Verdienenden, meist den Mann also, verpflichtet, dem schlechter gestellten Partner bis zur Scheidung die Hälfte der Einkommensdifferenz zu zahlen, nennt der Autor „sozialistisch“. Die geliebten Keramikmesser aber, die der Hobby-Koch an seine kochunfähige Ex-Gattin abtreten soll, verteidigt er mit einem kommunistischen Argument: Nicht ihr Tauschwert muss berücksichtigt werden, sondern ihr Gebrauchswert steht dem zu, der etwas mit ihm anzufangen weiß.

Scheidungsgeschichten und Affären gehören inzwischen zum Image politischer Alphamännchen und werden nicht mehr nur durch die Yellow Press in die Wahlkämpfe getragen. Mal geht’s gut und mal daneben. Seehofer gewann, Torsten Albig stürzte ab. Fleischhauers „Roman“ machte sich gut in den Handbüchereien eines jeden Lohnschreibers, der künftig die Trennungsgeschichte eines Politpromis in eine imageträchtige „Erzählung“ umzudichten den Job hat. Kleine Prisen Asche auf’s eigene Haupt, ansonsten Geschlechterrollenklischees, auf die Protagonisten übertragen, ein leidender, finanziell über den Tisch gezogener, kämpfender und schließlich obsiegender Mann, der am Ende mit einem neuen Glück nach alten Mustern, nur mit passenderer Dame, belohnt wird.

Konservativer geht’s nicht.

Das Leben des „Ich“ ist danach, wie es davor war. Das grafisch infantile Buch-Cover in angesagter Kinderbuch-Ästhetik passt bestens. Alles wieder gut. Nix passiert.

Ein Ehepaar, gehobene Mittelschicht. Alles schick. Aber dann: Die Frau sagt urplötzlich zu ihrem besserverdienenden Gatten: „Alles ist besser als noch ein Tag mit Dir“. Bamm! Wie wird’s dem Kerl da wohl gehen? Und was ist mit dieser Frau los, was treibt die zum Scheidungsbegehren aus heiterem Himmel?

Solches Ungemach widerfahren ist dem Autoren des Buches „Unter Linken. Wie ich aus Versehen konservativ wurde“ – Jan Fleischhauer. Spiegel-Journalist, Kolumnist beim „Schwarzen Kanal“ auf SPON. Die Frucht dieser Lebenserfahrung nennt Fleischhauer einen „Roman über die Liebe, ihr Ende und das Leben danach“. (Knaus-Verlag, 2017) Ich hab mir den mal von vorn bis hinten durchgelesen. Naja, ein Roman ist es nicht. Es ist ein Fleischhauer.

11:18 10.11.2017
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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