Griff in den Baukasten

1964 Vor 50 Jahren beginnt in der DDR das erste von zwei Leben Halle-Neustadts. In der Kommune für Chemiearbeiter wächst auf grüner Wiese der Plattenbau in den blauen Himmel
goedzak | Community | Ausgabe 27/2014 31

Im Sommer 2013 ist Halle-Neustadt erstmals in seiner fast 50-jährigen Geschichte ernsthaft in Gefahr. Ein Jahrhunderthochwasser der Saale droht die Stadt der Plattenbauten zu fluten. Den Einwohnern wird empfohlen, ihre Häuser zu verlassen. Worauf sich kaum jemand einlässt. Die Verbundenheit mit dem eigenen Wohngebiet scheint groß. Auch wissen viele nicht, wohin sie gehen sollten.

Am 15. Juli 1964 hat der damalige SED-Bezirkschef Horst Sindermann den symbolischen Grundstein für die Stadt der Chemiearbeiter aus den Kombinaten Buna und Leuna gelegt. Die DDR will im mitteldeutschen Industrierevier die Bevölkerung besser mit angemessenem Wohnraum versorgen. Seit Gründung des zweiten deutschen Staates im Oktober 1949 ist die Wohnung keine Ware mehr, sondern Sozialleistung und Menschenrecht. Zum Chefarchitekten für den neuen Stadtteil – zunächst Halle-West, später Halle-Neustadt genannt – wird der Architekt Richard Paulick berufen, einst Assistent von Walter Gropius am Dessauer Bauhaus, 1933 als Nazi-Gegner zur Emigration nach China gezwungen und dort mit großen Bau- wie Stadtplanungsprojekten in Shanghai beschäftigt. In den 50er Jahren antizipiert Paulick folgsam die Stigmatisierung des modernen Bauens als „kulturimperialistisch“, ist beteiligt an Planungen für die Ostberliner Stalinallee und die Stahlarbeiterstadt Eisenhüttenstadt an der Oder. Dann aber wird 1955 auf der 1. Baukonferenz der DDR aus ökonomischer Notwendigkeit die Hinwendung zum typisierten und industrialisierten Wohnungsbau beschlossen. Die Konsequenz – Paulick kann wieder modern bauen.

Mehr Segen als Fluch

Nach Halle-West rollen nach dem 15. Juli 1964 die Planierraupen, Bagger, Kräne und Schwerlaster mit den vorgefertigten Platten – nach nur 18 Monaten auch die ersten Möbelwagen. In Dokumentarfilmen aus jener Zeit sieht man rührend junge Menschen Kinderwagen durch Erdhügel, über Baustraßen und an Baufahrzeugen vorbei schieben. Es gibt strahlend weiße Wohnblöcke inmitten einer Mondlandschaft. Sie werden eher als Zeichen der Hoffnung denn als Ausdruck einer seelenlosen Betonierung des Alltags empfunden. Dem altersmüden Halle mit einer teils ins Mittelalter zurückreichenden Bausubstanz zu entkommen, ist mehr Segen als Fluch.

Monotone Betonblöcke, schnurgerade Plattenwege und planierte Rasenflächen – so sieht Halle-Neustadt bis in die späten 70er Jahre hinein aus. Daran ändern auch Restaurants, Sporthallen, Springbrunnen und Fassadenmalereien wenig. Die Kritik lässt nicht auf sich warten. In Spielfilmen und Romanen, die in der DDR erscheinen, wird serieller Massenwohnungsbau auf der grünen Wiese als Akt der Naturzerstörung angegriffen. Genauso wie das Wegbaggern von Landschaften, um mehr Braunkohle zu fördern. Besonders die urbane Qualität der neuen Wohnareale erregt Missfallen. Beanstandet wird eine wenn nicht verrohende, so doch normierende und entindividualisierende Wirkung derart monotoner Architektur. In Ulrich Plenzdorfs Szenario zum Film Die Legende von Paul und Paula (Premiere 1973) und Günter de Bruyns Roman Buridans Esel (1967) wohnt angepasste Vernunft im komfortablen Neubau – individuelle Sehnsucht hingegen im maroden, verwinkelten Altbau.

Für Halle-Neustadt ist es der Architekt Andreas Lenk – Hauptfigur in Alfred Wellms Roman Morisco –, der Kritik formuliert: Der Architekt sei nur noch Bauleiter, klagt er, und habe keinen Einfluss darauf, welche Lebensqualität das Gebaute eigentlich erlaube. Architektur werde von den Kränen bestimmt. Lenk resigniert und verlässt die Großbaustelle Halle-Neustadt, um die Restaurierung eines Renaissanceschlösschens zu leiten. Seine persönliche Architektur-Utopie nennt er Helianthea II, eine historischen Vorbildern nachempfundene Idealstadt.

Alle Kritiker berufen sich auf vormoderne städtebauliche und ästhetische Wertvorstellungen. Im Wachsmann-Report von Michael Grüning aus dem Jahr 1985 ist eine Kritik aus entgegengesetzter Richtung nachzulesen. Für Konrad Wachsmann, einen Vordenker des Neuen Bauens im 20. Jahrhundert, ist die Architektur in Halle-Neustadt nicht zu weit, sondern nicht weit genug von der vorindustriellen Tradition entfernt. Er besucht das Alterswerk seines ehemaligen Mitstreiters Richard Paulick im Jahr 1979. Was er sieht, reizt ihn nicht, die Tatra-Limousine anhalten zu lassen und näher in Augenschein zu nehmen, woran er vorüberfährt.

In Sachen Modernisierung des Bauens allerdings ist in Halle-Neustadt durchaus einiges erreicht worden. Die Logistik auf einer Großbaustelle und das erstmalige Ausprobieren der vom DDR-Architekten Herbert Müller („Schalenmüller“) entwickelten Hyparschalen-Bauweise bei Funktionalbauten wie Kindergärten und Schwimmhallen gehören dazu. Der Masseneinsatz eines Baukastensystems (zunächst P2, später dann das WBS-70-Konzept) – die Vorfertigung der Elemente und Endmontage auf der Baustelle – führt nicht ganz zu den erhofften Resultaten. Doch hat sich dieses Schema als Möglichkeit eines rationalisierten Wohnungsbaus bewährt.

Wie die Ergebnisse des 1. Walter-Gropius-Seminars, das 1988 am Dessauer Bauhaus stattfand, beweisen, lag die reduzierte Variantenvielfalt der Wohnungsgrundrisse und der Quartiersstrukturen nicht am WBS-70-Baukasten selbst. Der damals prominent besetzte Workshop sollte Ideen anbieten, wie nach 1990 mit der Plattenbautechnologie weitergearbeitet werden könnte. Zu diesem Zeitpunkt wollte die DDR-Führung die Wohnungsfrage als soziales Problem gelöst haben. Das heißt, der Massenwohnungsbau musste nicht wie gehabt weitergehen. Eine Arbeitsgruppe um den Westberliner Architekten Hinrich Baller stellte in Dessau ein Konzept vor, das mit den WBS-70-Grundelementen das Bauen von innerstädtischen Townhouses mit flexiblen Wohnungsgrundrissen zwischen 36 und 144 Quadratmetern ermöglichte.

Viel rückgebaut

Stattdessen begann mit der Wende die zweite Hälfte der heute 50-jährigen Existenz von Halle-Neustadt – eine Zeit der Depression. Die DDR-Chemieunternehmen wurden an internationale Konzerne verkauft. Dow Chemical reduzierte die Buna-Belegschaft auf einen Bruchteil. Die „Arbeiterschließfächer“ von Halle-Neustadt wurden zu Refugien eines Hartz-IV-Prekariats, die windigen Räume zwischen den Blöcken zu Aufmarschgebieten von Faschos. So jedenfalls die Darstellung in den überregionalen Medien. Was sich tatsächlich ereignet hat, deutet auf soziale Segregation. Wohnheime für Studenten und Arbeitsmigranten aus Vietnam mussten schließen. Viele Neustädter zogen der Arbeit nach, in Eigenheime oder in die Hallesche Altstadt. Von dort kommen inzwischen jene, die sich sanierte Wohnungen im Paulusviertel nicht mehr leisten können. Und es kommen neue Migranten. Inzwischen ist in Halle-Neustadt viel rückgebaut und saniert worden, was an Wohnblöcken erhalten blieb. Die Verkehrsinfrastruktur wurde verbessert.

Sitzt man heute bei schönem Wetter am Tulpenbrunnen, hört man nichts als Kinderlärm und Vogelzwitschern – wie auf einem Dorfplatz. Auf dem Klingeltableau finden sich ein paar deutsche, viele asiatische, arabische und osteuropäische Namen, einige mit einem „Dr.“ davor. Und wenn man von der Dachterrasse eines 20-Geschossers den großartigen Rundumblick über die Doppelstadt mit ihren Grünzügen, zum Südpark, nach Passendorf, der Gartenstadt Nietleben, dem Stadtwald Dölauer Heide mit dem Heidesee, der Saaleaue, dem Hufeisensee oder der Rabeninsel genießt, dann fügt sich dem Blick alles zu einem vielfältigen urbanen Konglomerat, in dem eigentlich jeder nach seinem Gusto glücklich werden kann. Die drei Studenten der Maisonette-WG im 20. Stock jedenfalls finden es in Halle-Neustadt ideal.

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06:00 09.07.2014
Geschrieben von

goedzak

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goedzak

Ausgabe 39/2020

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