Hundert Jahre Querfront

Vereint an den Feind "Gott mit uns!" Oder lieber Marx? Egal, in der Freitag-Community reichen sich „Linke“ und „Rechte“ am Beginn des dritten Weltkriegs endlich die Hände
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Wandbild in Warszawa, 2012; Foto: goedzak

Längst finde ich den Austausch mit Ihnen anregend und gut, (...) Und selbst die Gedanken von Ihnen, denen ich nicht zustimmen kann, finde ich bedenkenswert. Davor schützt mich selbst meine marxistisch-leninistische Schulbildung und meine Politschulung in der uniformierten Zeit nicht... :-) (Hinz an Kunz)

Und in der Tat, sie schreiben es selbst, gelten unser beider Sympathien der anderen Seite. Wie in Syrien übrigens auch. (Kunz an Hinz)

Dass der transatlantische Sklavendienst, äh, die Loyalität bröckelt, und zwar links wie rechts, ist kaum zu übersehen. (Kunz an alle)

Schon als die politische Links-Rechts-Topografie entstand (1789 rum), war die nationale Frage ein Dreh- und Angelpunkt politischer Ausrichtung. Die einen galten als die „vaterlandslosen Gesellen“, die anderen als die Patrioten des Vaterlands. Bei näherem Hinsehen stellte sich das etwas differenzierter dar. Die damalige französische Rechte folgte in den Koalitionskriegen den Interessen der vereinigten europäischen Aristokratie, während die Liberté-Linke stringent das bürgerliche nation buildung betrieb und für Unité und die Indivisibilité de la République sorgte. Auch 1870/71 war es eher die (neue) Linke in Paris, die zunächst als Verteidigerin nationaler Interessen gegen die transnationale Herrschaftsinteressen-Allianz von Thiers und Bismarck aufstand.

Eine Linke, die den Namen verdient, hat ein Nationen-Verständnis, dass man historisch, dialektisch und pragmatisch nennen muss. Blut und Boden, Leitkultur, ideologische Schwärmereien haben darin keinen Platz. Emanzipative Nationalbewegungen werden begrüßt und unterstützt, konservative und chauvinistische abgelehnt und bekämpft. Und kritisiert wird die Nation in jedem Fall, in dem man sie in ihre jeweiligen sozialen und ökonomischen Widersprüche zerlegt. Die Nation an sich wird als historisch entstanden und also historisch vergänglich angesehen.

Ab und zu rutscht die "Linke" auch mal in einen irrationalen nationalen Taumel. 1914 kannte Wilhelm II. plötzlich keine Parteien mehr, und die Sozialdemokratie weinte vor Freude, endlich auch vom Kaiser geliebt zu werden. Und so lagen sie sich alle in den Armen. (Alle? Nein! Ein kleines Grüppchen...usw., ist an dieser Stelle nicht ganz so wichtig.)

Ein nachholendes nation building im Sinne der europäischen Moderne fand in der Sowjetunion stand, sobald der Bürgerkrieg überstanden war. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ 1941-45 war der sowjetrussische Patriotismus dann eine überlebenswichtige Größe.

Das alles (und weitere Beispiele wie Jugoslawien etwa) aber ist gegenüber dem Konzept Internationalismus und gegen das prinzipielle Denken in sozialen Interessenkonstellationen über nationale Grenzen hinweg eher marginal. In einer fremden Nation einen Feind zu sehen, ist kein linkes Denken! In der eigenen Nation ein Bollwerk von Souveränität gegenüber den "globalistischen" Ambitionen z.B. der dominanten Nation Amerika (USA) zu sehen, ist eine typische rechtskonservative Denkfigur.

In den Jahren vor dem Beginn des 1. Weltkriegs gab es in Deutschland schon einmal ein Spektrum von Gruppierungen, sozialen, vor allem aber kulturellen Bewegungen, die man in heutiger Terminologie sowas wie eine „Neue“, „außerparlamentarische“ oder „alternative Linke“ hätte nennen können. Beide „Links“-Fraktionen, die politisch-parlamentarische und die Lebensreform-APO, standen im Spätsommer 1914 stramm hinter ihrem Kaiser.

Hundert Jahre später sieht das alles ein wenig anders aus - aber nur ein wenig. Neben das Wort Nation ist der Begriff Europa getreten. Nicht erst nach der Jahrtausendwende, sondern bereits im Tausendjährigen Reich. Europa, erwache! Wir schaffen ein Europa der Vaterländer! (Natürlich mit dem stärksten Vaterland an der Spitze!) Und natürlich gegen etwas. Hitler hatte schon Ende der zwanziger Jahre gemutmaßt, es würde um 1980 zu einem "Endkampf" um die Weltherrschaft zwischen den Vereinigten Staaten und den verbündeten europäischen Streitkräften um Großdeutschland kommen. Nun hat es 34 Jahre länger gedauert, bis der Endkampf gegen die "Hochburg des raffenden Kapitals" in Sichtweite gerückt ist, und das "perfide Albion" (Wilhelm II.) ist auch nicht mit im Boot, wie Hitler damals noch hoffte, aber was sind schon ein paar Jahre im großen göttlichen Weltharmonisierungsplan oder im teleologisch-materialistischen Geschichtsprozess!

Foto: G. Cloud

https://lh3.googleusercontent.com/-s3Lut-qHqOY/UxpL-NMARqI/AAAAAAAADvc/b3xEoal2KUs/s800/capitalism-kills.jpgDer Feind, von rechts wie von "links" betrachtet, ist heute also nur noch die außereuropäische Macht-Nation - Amerika, das einem "Weltauslutschungs-liberalismus angelsächsischer Provenienz" frönt . Die Wahrnehmung des Weltgeschehens wird entlang eines „transatlantischen Konflikts“ ausgerichtet. Die einen nennen Amerika dekadent, den Hort einer kulturzerstörenden Moderne, die anderen eine imperialistische Macht, und manchmal gehen sogar diese Begriffe durcheinander. Und wer da alles mit rumquirlt: Barfußlatscher und Bestiefelte, Homophobe und Homophile, Esoteriker und Rationalisten, Maskulisten und Feministen, Bellizisten und Pazifisten, Veganer und Carnivoren usw. usf.

Da liegen sie sich nun gerührt in den Armen, der Kunz und der Hinz, so froh, sich mal, bei aller kritischen Distanz, einander ehrlich auf die Schulter klopfen zu dürfen. Die Querfront gegen Amerika als Harmonieparadies für alle, die sich offiziell Harmoniesucht hienieden nicht gestatten dürfen.

Ein Zweckbündnis auf Augenhöhe, das scheint immer wieder die Verlockung der Querfront zu sein. Aber: Die Falle wird von rechts gestellt und von links tritt man rein. Die rote Frucht wird verdaut und raus kommt was braunes. Was auch sonst.

P.S.: Dass es auch eine spiegelverkehrte Querfront gibt, russophob und pro-amerikanisch, ist keine Entschuldigung.

Die zehn plus x Gebote für echtes Linkssein:

1. Du sollst kein Nationalist sein!

2. Du sollst kein Verächter der Moderne sein!

3. Du sollst Marx, Engels und Bert Brecht ehren!

4. Du sollst nicht bei Ideologiekritik stehen bleiben!

5. Du sollst keinen Retro-Utopien anhängen!

6. Du sollst den Menschen nicht in Körper, Geist und Seele auftrennen!

7. Du sollst mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen!

8. Du sollst Natur und Kultur nicht vergöttern!

9. Du sollst Gott einen guten Mann sein lassen!

10. Du sollst das Leben genießen!

11. Du sollst Verstand und Gefühl zusammenhalten!

12. Du sollst nicht nach einer absoluten Wahrheit streben!

13. Du sollst dich nicht auf das Ende der Geschichte freuen!

14. Du sollst so viel wie möglich dialektisch denken!

15. Du sollst so viel wie nötig logisch denken!

16. Du sollst dich und alles nicht so ernst nehmen!

09:45 03.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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Kommentare 391

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