Ich als Gliedermaschine

Falzen im Akkord Das serielle Herstellen des Parallelmittenfalzes, auch V-Falz genannt, ist eine stupide Tätigkeit, die ziemlich anregend sein kann - auch geistig!
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Ich als Gliedermaschine

Foto: George Marks / AFP / Getty Images

Steht sie am Fließband und macht den einen Griff / bis ihn beendet der Sirene Pfiff / Hat zwei Hände, die wissen, was sie soll'n / manchmal müde und manchmal angeschwoll'n / Und ihre warme, erfinderische Hand / wird zur Maschine acht Stunden lang am Band / Doch mit dem Kopf kann sie machen, was sie will / denn der Kopf hat immer frei dabei. (Kurt Demmler, Songtext für Peter "Cäsar" Gläser)

„So ist die Maschinerie nicht einfach gesehen, wie sie erscheint, sondern begriffen, wie sie ist!“ (Lothar Kühne, Gegenstand und Raum)

Die Aufgabe

Zweihundert Blatt Papier im Format A3, deren eine Seite in der rechten Hälfte mit einem Text bedruckt ist, so zu falten, dass ein Faltblatt im A4-Format mit dem Text auf der Titelseite entsteht.

Das Tun

Die zweihundert aus dem Kopierer gezogenen Blätter werden mit der bedruckten Seite nach oben auf einen Stapel und dieser links auf der Tischplatte abgelegt. Der kleine Finger, der Ringfinger und der Mittelfinger der linken Hand drücken das jeweils oberste Blatt an dessen rechter unterer Ecke leicht gegen den Stapel, der Zeigefinger schwebt in der Luft, die Daumenkuppe tastet einen winzigen Augenblick die untere Außenkante des Stapels entlang und hebt dann – fast wie durch Zauberhand – allein das oberste Blatt ab. Gelingt dies einmal nicht, weil die Blattkante ein Millimeterbruchteil in das Stapelinnere versetzt ist, vollführt die Zeigefingerkuppe den gleichen Vorgang an der rechten Außenkante des Stapels. Alsdann gleitet der Daumen unter die abgehobene Blattecke und drückt diese gegen die Zeigefingerkuppe, die über dieser geblieben war.

Mit Schwung bewegt die linke Hand das Blatt in die Luft, wendet es im Flug und lässt es so auf den Tisch sinken, dass es im Hochformat mit der unbedruckten Seite nach unten und mit etwas Überstand über die Tischkante vor mir zu liegen kommt.

Das Blatt wird an den beiden unteren Ecken gegriffen – und zwar in folgender Weise: Die vier Finger der linken Hand legen sich ganz unten kurz vor der linken Ecke, die Finger der rechten Hand spiegelverkehrt auf den unteren Rand über der rechten Blattecke, um das Blatt kurz auf der Tischplatte zu fixieren. Die Hände heben die untere Blatthälfte an und schlagen sie, sie dabei nach oben wendend, auf die obere Hälfte um. Dabei wird der aufgedruckte Text nach oben gekehrt.

Während der Daumen der linken Hand die jetzt unten liegende Blatthälfte durch leichten Druck auf dem Tisch fixiert, und Zeige- und Mittelfinger der selben Hand, noch in Bereitschaft über der oberen Blatthälfte schweben, fassen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die obere Kante der oberen Blatthälfte und justieren sie unter scharfer Kontrolle meiner brillenbewehrten Adleraugen exakt deckungsgleich auf der Oberkante der unteren Blatthälfte.

In dem Moment, wo dieser Vorgang abgeschlossen ist, pressen sich die bis dahin schwebenden Kuppen von Zeige- und Mittelfinger der linken Hand auf die obere Blatthälfte und fixieren diese somit in der gewünschten genau deckungsgleichen Lage zur unten liegenden Blatthälfte. Die Aufgabe der Fixierung in dieser Lage wechselt dann kurz zur rechten Hand, die beide Hälften des A3-Blatts in der Mitte der oberen Kante zusammen- und auf die Tischplatte drückt.

Die linke Hand schwebt aber sogleich heran, entlässt die rechte aus dieser Position, so dass diese über die Mitte der beiden Blatthälften mit leichtem, aber unablässigem Druck auf das Papier nach unten streicht, dabei den bis eben noch rundlich gewölbten Blattumschlag in der Mitte knickt und dann durch einen ähnlichen Streichvorgang auf dem Umschlag, einmal nach rechts und einmal nach links, den Faltknick exakt durch die Mitte des ehemaligen A3-Blatts vollendet.

Nach den ersten zwölf Bogen beginnt die Sache Spaß zu machen. Viele kleine Erfolgserlebnisse folgen aufeinander: Wenn es der Daumen wieder geschafft hat, das nächste 0,01 mm dünne Blatt, so dünn wie die Papillarlinien auf seiner Kuppe, vom Stapel abzuheben; wenn das A3-Blatt in einer eleganten Bewegung durch die Luft geschwebt ist und in der gewünschten Lage vor mir auf dem Tisch landet; wenn das Umschlagen der unteren Hälfte des Blatts auf das obere und das korrekte Fixieren Ecke auf Ecke, Kante auf Kante, flüssig aufeinander folgen und auf Anhieb gelingen; wenn die Kuppe des rechten Zeigefingers erspürt, wie unter ihrem leichten Druck das noch elastische, rundgebogene Papier zu einer scharfen Falte knickt... Und schließlich wenn ich den seiner weiteren Verwendung harrenden fertigen Stapel von 200 A4-Faltblättern, als käme er aus einer Falzmaschine, vor mir liegen sehe.


Gedanken beim Tun

Was passiert hier eigentlich? Bin ich eine Maschine, eine „Gliedermaschine“ à la Descartes?

Die erste Maschine im Sinne der „Großen Maschinerie“ des Kapitalismus war ja kein Apparat aus Stahl und Energie, sondern der in einem bestimmten ganz neuen logistischen Sinne organisierte und gesteuerte Zusammenhang von agierenden menschlichen Körpern und Köpfen. Karl Marx nennt "den aus vielen Teilarbeitern kombinierten Gesamtarbeiter" die "spezifische Maschinerie der Manufakturperiode". Lothar Kühne knüpft an: "Die Manufaktur entwickelte auf der Basis der sie tragenden lebendigen Arbeit gewissermaßen das funktionelle Modell des eigentlichen maschinellen Automaten. So modellierte dann das auf der isolierten lebendigen Arbeit beruhende Fließband die automatische Taktstraße. Jede Teilarbeit ist hier auf einen technologisch definierten Algorithmus zurückgeführt, der prinzipiell der Maschine übertragen werden kann. In der Manufaktur prägten sich bereits wesentliche raum-zeitliche Beziehungen des Arbeiters zu seinem Arbeitsgegenstand aus, die dann auf der Grundlage der mechanischen Maschinerie präzisiert und verfestigt wurden.“

Adam Smith, der Nationalökonom der Manufakturperiode, benutzt zwar nicht das Falzen als Beispiel, sondern das Nadelmachen. In „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) beschreibt er eine ungeheure Produktivitätssteigerung, die mittels der Aufsplittung handwerklicher Arbeitsabläufe in stückwerkliche Einzelschritte erreicht wurde. Smith spricht über die immens gesteigerte Effektivität der Einzelarbeiter, kaum aber über die Veränderungen der sinnlich-körperlichen Aspekte der Arbeit. Nur an einer Stelle redet er von "der größeren Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters“, aber dann auch nur davon als einer Voraussetzung für die Produktivitätssteigerung.

In Jost Ammans Ständebuch aus dem 16. Jahrhundert werden einem Nadler, der noch als Hand-, nicht als Stückwerker agiert, die gereimten Worte in den Mund gelegt:

Ich mach Nadel aus Eisendraht / Schneid die Läng jeder Gattung glatt / Darnach ichs feil / mach Öhr und Spitzen / Alsdann härt ichs in Feuers Hitzen / Darnach sind sie feil zu verkaufen / Die Krämer holen sie mit Haufen

Hier ist also der Hersteller der Nadeln noch der Handwerker, der allein für sein Produkt einsteht und alle Teilprozesse der Fertigung des Endprodukts aus dem Halbzeug Draht eigenhändig durchführt. Jede Nadel ein Unikat. Jedes Stück entsteht in einer chronologischen Folge von Einzelschritten, die sich jeweils aus dem vorhergehenden nach den Prämissen technologischer Zweckmäßigkeit ergeben. Jeder Gesamtvorgang ist die hinreichend aber nicht völlig identische Wiederholung eines vorangegangenen. Jeder neue Gesamtvorgang beginnt erst, wenn der vorangegangene abgeschlossen ist.

Zweihundert Jahre später sind die Teilprozesse der Nadelherstellung und die verwendeten Werkzeuge noch immer die gleichen - nichtsdestotrotz hat sich die logistische Struktur des Herstellungsvorgangs grundlegend verändert:

"Der Drahtrichter kann 600 Klafter Draht in einer Stunde grad machen...Wenn ein Packdraht, welcher 5 Klafter lang ist, in Stücke von 4 Zoll und neun Linien geschnitten werden soll, so gehören 22 Minuten dazu... Der Zuspitzer kann in einem Tag 15 Dutzend Tausende, starke und kleine Nadeln zuspitzen...In der Zeit von einer Minute macht der Nadelkopfschneider ungefähr 70 Schnitte mit der Schere...Eine Mannsperson kann in einer Minute 20 Nadelköpfe, sowohl große als auch kleine, stämpen...Ein Stämper bereitet gemeiniglich 1000 Nadeln in einer Stunde und 10 000 bis 12 000 in einem Tage..."

In diesen arbeitsorganisatorischen Überlegungen eines Ingenieurs der Manufakturperiode (um 1762) wird der Handwerker nunmehr als "Stückwerker" sichtbar.

"...so daß jeder Arbeiter nur einen Teil eines zusammengesetzten Werkes einzeln und in Menge macht... Auf diese Art können bekanntlich die Produkte der mechanischen Künste sehr viel wohlfeiler verkauft werden..."

Jede einzelne Nadel durchläuft auch hier chronologisch die Stadien eines quasi unveränderten technologischen Prozesses. Aber es gibt immer eine große Anzahl im Werden begriffener Nadeln, die gleichzeitig bzw. versetzt im Gesamtprozeß unterwegs sind. Das wesentliche zeitstrukturelle Moment der Nadeln besteht jetzt also in der punktuell genauen (pünktlichen) Koordination der parallel laufenden Teilprozesse nicht mehr auf das Einzelstück, sondern auf eine Menge Fertigprodukte hin. Damit hat sich das singuläre Handwerksprodukt zum seriellen Produkt gemausert. In seiner Erscheinungsgestalt ist das bei genauem Hinschauen schon erkennbar: Die äußere Ähnlichkeit der Nadeln ist bereits sehr viel größer, denn bei der immerwährenden Wiederholung der gleichen wenigen Handgriffe gewinnt der Stückwerker eine "gesteigerte Geschicklichkeit bei jeder einzelnen Arbeit", wie Adam Smith das nennt, oder - kritischer gesagt - der Arbeiter als Ausführer eines vorgeplanten technologischen Teilschritts tätigt diesen immer mechanischer - Stupidität erzeugt Gleichförmigkeit.

Zurück zum Falzen. Spaß hat’s ja gemacht, aber 200 Stück sind dann auch mal wieder genug.

https://lh5.googleusercontent.com/-Vs7ESyHVo6A/UfvJFU28PGI/AAAAAAAADj0/q_BamrtEVic/s800/Falzmaschine%252C19.jh.jpg

09:35 03.08.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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