"Ich habe noch nie ein Volk geliebt!"

Denken und Fühlen Kann ein Debattenfilm, ein Film der Dialoge spannend sein? Im neuen Trotta-Film "Hannah Arendt" wird geredet und geredet und geredet. Man hört und sieht atemlos zu
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"Ich habe noch nie ein Volk geliebt!"

Foto: Screenshot Trailer

Natürlich ist da eine ganz klassische, um nicht zu sagen konventionelle Dramaturgie am Wirken. Unsere Heldin tritt auf, wir lernen ihr Beziehungsgefüge kennen; sie gerät in eine unerhörte Begebenheit, bewährt sich in ihr auf originäre Weise; dann wird sie angegriffen von Feinden, beleidigt, gar körperlich bedroht, verlassen von Freunden, unterstützt von wenigen Gerechten; schließlich kommt es zum Showdown, ein Gefecht mit Worten. Unsere Heldin triumphiert, das Auditorium applaudiert, sie hat die jungen Leute, damit die Zukunft gewonnen; die wenigen missgünstigen Figuren ziehen sprachlos ab.

Zwischendurch gibt es retardierende Momente, komische Situationen (immer wieder erstaunlich, wie berechnend Lacher im Publikum erzeugt werden können), Kostüm, Maske, Kulissen, Requisiten, alte Fahrzeuge, Original-Locations - alles vom feinsten.

Und es sind zwei handwerkliche ‚Tricks’ hervorzuheben. Im Film wird viel englisch und ein wenig hebräisch geredet. Köstlich der Akzent der deutsch-muttersprachlichen Figuren im Film, am meisten der der Hauptfigur. Die Untertitel lenken wie üblich ziemlich ab, aber man braucht sie schon mit Schulenglisch eigentlich kaum.

Höchst interessant ist, wie Originalfilmmaterial, hier Aufnahmen und O-Ton vom Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, einbezogen wird. Es geschieht bei Trotta nicht im üblichen Sinn des Einschiebens von Atmosphäre erzeugenden oder über die historischen Ereignisse informierenden Sequenzen. Die dokumentarischen Aufnahmen werden quasi als Spielszenen zwischen die anderen Szenen, manchmal gar als selbstverständliche Teile von Szenen, montiert. Adolf Eichman sitzt hinter seinen Aktenstapeln und trägt radebrechend seine Selbstrechtfertigung oder langatmige Erläuterungen vor. Zwischenschnitt auf Arendt (Barbara Sukowa - Großaufnahme), die angewidert/verächtlich/überrascht zuhört, spontan auflacht, als Eichmann im O-Ton über Eide und seinen Ehrbegriff redet. Eichmann als himself. Niemand hätte das besser darstellen können.

Doch es ist letztlich nicht die Dramaturgie, die die Spannung erzeugt, und nicht das Augenfutter, das den Film attraktiv macht. Es sind tatsächlich die dialogisch verhandelten Themen und Denkansätze, die einen Sog auf den Zuschauer ausüben.

Man könnte sagen, es ist der Widerspruch von Denken und Fühlen, von Verstehen und Aufklären einerseits und Hassen und Rächen auf der anderen Seite, das Grundthema des Films. In einer Szene wird Arendt von einem ihrer ältesten Freunde, Kurt Blumenfeld (Michael Degen), ein führender Zionist, entsetzt wie viele Juden über Arendts Thesen zum Holocaust-Täter Eichmann, gefragt: „Liebst du denn dein Volk nicht mehr?“ Die Antwort: „Ich habe noch nie ein Volk geliebt, warum soll ich denn die Juden lieben?“

Neben dieser Weigerung, das Konzept des (ethnisch-kulturalistisch definierten) Völkischen, das ja auch ein tragendes Element zumindest von einigen Richtungen des Zionismus ist, zur Grundlage historischer Analyse und politischen Denkens zu machen, ist es vor allem Arendts Ablehnung der Anerkennung eines angeblich allgemeinen, ahistorisch anthropologischen Charakters des Bösen, verbunden folgerichtig mit einer Sicht auf den Verbrecher-Spießer Eichmann, die jegliche Dämonisierung dieser Figur ausschließt, die Entsetzen, Ablehnung und Hass bei ihren Zeitgenossen auslösen. Ihr Verweis auf die Rolle der Judenräte im logistischen System des Holocaust, interpretiert als der Versuch, den Juden selbst die Schuld zu geben, ist nur eine Konsequenz dieser Haltung: Ich will denken und verstehen, nicht einfach fühlen, auch wenn es weh tut.

Der Film ist eine Irritation für alle, die in Unkenntnis ihrer Texte oder aber mit kalkulierter demagogischer Absicht die Philosophin Hannah Arendt als Gewährsfrau vor allem für das nur vorgeblich anti-totalitäre, in Wahrheit dezidiert anti-linke Gleichmachen von Rot und Braun hinstellen.

Und seine Premiere in den Kinos kommt gerade rechtzeitig, um mal ein nicht deprimierendes Beispiel einer Debatte um Antisemitismus, Antiantisemitismus und Rechthaberei zu genießen - ja, zu genießen!

Hannah Arendt, Regie: M. v. Trotta; Drehbuch: Pam Katz & M. v. Trotta; in der Hauptrolle Barbara Sukowa - Kinostart: 10.1 2013

Der Film schildert, neben einigen kurzen Rückblenden, hauptsächlich Arendts Beobachtungen beim Eichmann-Prozesses in Jerusalem und dann den Skandal um die Publizierung ihrer Artikelfolge unter dem Titel "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" in der Zeitschrift "The New Yorker".

Ein sehr lesenwerter Artikel zu Hannah Arendt und ihrer gern angeführten Totalitarismustheorie von Michael Jäger im Freitag hier!

16:53 13.01.2013
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Geschrieben von

goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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