Ideologie

Vielseitig brauchbar Eine Idee kann schnell zur Lüge werden - und von da ist es bis zur Illusion nur noch ein kleiner Schritt
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Ideologie ist eine notwendige Form weltanschaulicher und politischer Kommunikation. Menschliche Kreationen, Artefakte aller Art, können nicht ohne Gestalt in die Welt. Was ohne Gestalt* ist, ist nicht. Genauso könnte man sagen, dass die politische Auseinandersetzung, die Kommunikation um Interessen, ihre Durchsetzung, um gesellschaftliche Bestandssicherung oder Veränderungen, nicht anders als in ideologischer Form geführt werden kann. Gesellschaftliche Diskurse finden im Medium der Ideologie oder gar nicht statt. Ideologie ist ihre Gestalt, wenngleich nicht ihr Inhalt! Der bleibt allerdings von seiner ideologischen Erscheinungsgestalt nicht ganz unbeeinflusst!**

Nun gibt es Gestalten des Kitsches, des Stylings und Gestalten der offen gezeigten praktischen Funktionalität. Der Kitsch ist eine Gestalt des Sebstbetrugs, das Styling eine des bewussten Betrugs an anderen, die funktionale Gestalt eine offene Ansage zu Zwecken und Absichten.

Da man gesehen hat, dass buchstäblich jede Formalgestalt, auch die klassisch-funktionalistische Dekorlosigkeit, zu einem dekorativen Styling umgewidmet werden kann, müssen wir nun auch sehen, wie jede ideologische Gestalt, also jedes Ideologem, in einem eben nicht offenen funktionalen, also aufrichtig interessengeleiteten, sondern in einem täuschenden, manipulativen oder auch illusionären Sinn benutzt werden kann. Dazu bedarf es nichtmal einer oder nur einer geringfügigen Modifizierung der Inhalte, sondern eher einer Art Bricolage, also einer Neukombinierung von Versatzstücken.

Täuschung und Manipulation sind Taktiken einer zielgerichteten, aber verdeckten Interessenverfolgung, die Illusion dementsprechend ein Zeichen einer Selbsttäuschung, eines Verstoßes gegen die eigenen Interessen. Beide sind meist in symbiotischer Verschränkung anzutreffen. Die ideologische Funktionalgestalt unterscheidet sich vom ideologischen Styling oder vom Weltanschauungskitsch durch ein ihre populistischen und simplifizierenden Tendenzen unterlaufendes Mindestmaß an Dialektik!

Doch zurück zu der These, ein jedes Ideologem, zu verstehen als weltanschaulicher Inhalt in einer ideologischen Form, könne zu quasi jedem manipulativen oder illusionären Zweck umgenutzt werden, auch wenn der Zweck scheinbar dem weltanschaulichen Restinhalt diametral entgegensteht.

Dazu ein paar Beispiele.

Antikapitalismus in seiner historisch-dialektischen, analytischen Form ist offen funktional und dient progressiven, emanzipativen sozialen Interessen. Antikapitalismus in manipulativ-täuschender Form, wie etwa im Faschismus oder dem sich selbst so bezeichnenden "Nationalsozialismus" (selbstredend auch in der aktualisierten Form als "Nationaler Sozialismus") ist eine gezielte Strategie der manipulierenden Motivation von Massen, gegen ihre ureigenen Interessen zu handeln, jedenfalls nicht emanzipativen, sondern Herrschaftsinteressen zu dienen.

Der NS-Antisemitismus, der natürlich nicht ohne den mit ihm verbundenen illusionären Antikapitalismus als sein Katalysator zu denken ist, ist ein Beispiel für die Symbiose von manipulativer und illusionärer Ideologie. Die, die ihn propagieren, setzen ihn kühl kalkulierend instrumentell ein. Die, die ihn auszuagieren haben als politische Gewaltpraxis der faschistischen Herrschaftssicherung, hängen ihm dumm und fanatisch an. Vergessen werden dürfen aber auch die nicht, die den Antisemitismus als Herrschaftsideologie nicht propagieren, ihm auch nichtmal anhängen, aber am meisten von ihm profitieren: das Kapital, das sich auch durch ihn aus einer tiefen Krise retten konnte.

Die Akzeptanz der manipulativen ideologischen Form bei denen, deren Interessen diese nicht wirklich bedient, macht sie zur illusionären Form. Manipulativ oder illusionär antikapitalistische Ideologeme gibt es natürlich noch in vielfältig anderer, sprich esoterischer, romantischer oder sonstwie retrospektiver Form.

Ziemlich auf den Hund gekommen ist die Ideologie des Antifaschismus. Jeder ist ein glühender Antifaschist, und die Faschisten sind die anderen. Die, die am bittersten beklagen, das andere mit der Nazi-Keule auf sie einschlagen, schwingen sie selbst am wildesten. Jüngstes Beispiel: Volkstribun Jebsens Nazi-Verdikt über Jutta Ditfurth. Die "Junge Freiheit", Le Pen, alle haben mit Faschisten nix am Hut - und nennen diejenigen Faschisten, von denen sie sich "in die rechtsextreme Ecke" gestellt fühlen.

Weitere Beispiele von willkürlich benutzten Ideologemen sind:

p.c. und anti-p.c.

Wissenschaftsskepsis und -euphorie

Pazifismus und Bellizismus

Individualismus und Kollektivismus

Umweltschutz

Tierschutz

Anti-Islamismus

u.v.a.m.

Der Anti-Antikapitalismus der Neo- und Ordoliberalen ist offen interessenfunktional, also "ehrlich". Der Anti-Antikapitalismus wiederum derer, die im Antikapitalismus aus tendenziell nationalistischer Israelparteilichkeit oder schwärmerischem Philosemitismus prinzipiell einen "strukturellen Antisemitismus" sehen wollen, ist illusionär-kitschig. Wie immer spielt auch hier die Kitsch-Ideologie der konservativ-funktionalistischen oder manipulativ kalkulierten Ideologie in die Hände.

Ein sehr prägnantes Beispiel ist natürlich der Nationalismus. Ein historisierender Begriff der Nation sieht den Nationalstaat als eine historisch angemessene, notwendige politische und gesellschaftliche Form, einerseits die Weiterentwicklung der menschlichen Produktivkräfte und Vergesellschaftungsformen zu ermöglichen und andererseits vor dem Hintergrund bestimmer Interessen Herrschaft und Beherschtsein zu organisieren. Der Nationalstaat bietet dem „Früh“-Kapital, das sich bis dahin mühselig auf Pferdefuhrwerken und Segelschiffen zwischen lokalen Kontoren und globaler Verwirklichung bewegt hatte, nun eine über seine ursprüngliche Akkumulation hinausgehende bzw. diese fortsetzende Homebase. Die Arbeiter werden in diesem Rahmen als überregional mobiles, von allerlei hinderlichen lokalen Bindungen befreites Arbeitskräftereservoir vorgehalten und können sich so erstmals als Klasse konstituieren.

Beide, die Kapitaleigner wie die Arbeitskrafteigner, sind im Nationalstaat wie das Huhn im Ei. Sie drängen ins Offene, ins Internationale, ins Globale. "Die Arbeiter haben kein Vaterland.", so steht es im Kommunistischen Manifest. Diese bei Marx und Engels proto-ideologische, weil auf Analyse beruhende, nüchterne Aussage wird von vielen Seiten angegriffen. Manipulativ-demagogisch von denen, die die Arbeiter für ihre national definierten Interessen benutzen wollen, illusionär von den Arbeitern, die sich in eine Konkurrenz mit Arbeitern anderswo auf der Welt drängen lassen, und von denen, die in der Nation eine anti-kapitalistische bzw. anti-globalistische Schutzmacht sehen. (Ein paar rechte und auch "linke" Unterschichtverächter brabbeln da auch noch mit.)

Die Ideologie der Propagierung des Nationalstaats, der Nationalismus, hat progressive funktionalistische Gestalt, solange das selbstbestimmte Nationbuildung eine historisch progressive, weil gesellschaftlich weiterentwickelnde Bedeutung hat. Auch der gegenwärtige russische Nationalismus hat nach den Erfahrungen der neunziger Jahre etwas von dieser historischen Legitimität. Doch das Reaktionäre ist immer schon mit angelegt. Der zivile bürgerliche Staat als Rechtsstaat garantiert Grund- und Menschenrechte, die für die Entwicklung der Kräfte, die über ihn und seine kapitalistische Verfasstheit hinaustreiben, existenziell sind. Genau deshalb werden sie ja auch (wie gegenwärtig nicht nur in Russland), wenn es mit dem Darüberhinaustreiben brenzlig zu werden droht, zuverlässig ausgehebelt. Zu den Techniken des Aushebelns gehört der Schachzug, in solchen Situationen an der Nationalstaatlichkeit nicht mehr das zivile, grundrechtliche Moment, sondern das Moment des „nationalen“ Zusammenhalts zu betonen. Realiter wird damit die Interessenvertretung der einen zum nationalen Verrat stilisiert und als solcher verfolgt, damit die Interessen der anderen gewahrt werden können.

In reaktionär funktionalistischer Gestalt erscheinen die nationalistischen Inhalte, wenn sie etwa zum Kommuniziern der Interessen einer nationalen Kapitalfraktion gegen andere solche benutzt werden (wie 1914). Und sie haben illusionäre Gestalt, wenn sie von denen angenommen werden, die sich für sie in einem Krieg für die Interessen der anderen verheizen lassen.

Hundert Jahre später ist es teils noch so wie 1914, wenn nationale Kapitalfraktionen ein größeres Stück vom globalen Kuchen wollen (russischer Oligarchenkapitalismus, EU-Kapital, das sein Heil nicht mehr in der transatlantischen Alianz findet). Und sie hat einen noch viel reaktionäreren Charakter, wenn sich defacto seit langem global strukturiertes Kapital daran macht, seine Gegenmacht, das global schuftende lohnabhängige Proletariat und die über das Kapitalverhältnis längst hinausdrängenden produktiven Kräfte (z.B. die kollektiv vernetzten Entwickler und Anwender modernster Kommunikationstechnologien) in nationale Grüppchen aufzuteilen und gegeneinander auszuspielen, in dem die drohenden Krisenerscheinungen als von einem nationalen Außen (die angloamerikanische "Weltherrschafts"-Macht) hervorgerufen und von einem dagegen gesetzten nationalen Innen (wahlweise ein endlich "souverän" gewordenes Deutschland oder ein "Europa der Nationen" oder, recht verschwommen, das Abendland) abwehr- und lösbar dargestellt werden.

Die konservativen Teile der Mittelschichten, die ihre Sicherheiten im Beharren auf das verlustig zu gehen drohende Bestehende suchen, brauchen den Nationalismus als eine ( illusionäre) Palisade um ihre gefährdeten Pfründe. Die, die solches aus einer Anti-Haltung gegenüber dem globalen Kapital propagieren bzw. mit dieser reaktionären, kulturalistisch bemäntelten Haltung Bündnisse einzugehen bereit sind, tun dies in einer illusionären ideologischen Form, in Symbiose mit der manipulativen Form, und spielen damit dem offen nationalistischen Oligarchenkapitalismus, dem manipulativ patriotischen und letztlich auch dem offen globalistischen Kapital in die Hände.

* Gestalt darf hier nicht einfach nur als visuell wahrnehmbare physische Gestalt verstanden werden.

** In seiner ideologischen Gestalt ist der Inhalt natürlich immer auch mehr oder weniger tendenziös, populistisch, simplifizierend...

*** Kapital ist abstrakt und kann schon deshalb nicht „national“, also auf etwas lokal begrenztes zu beziehen sein. Mit „Kapital“ sind hier eigentlich Gruppen von Kapitalinhabern gemeint.

10:52 29.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

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