In My Time Of Dying

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35 Jahre in der Welt: Physical Graffiti

30 Jahre tot: John Bonham

noch ganz munter: Robert Plant

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Indian summer wie im Buche. Ahorn noch grün, glasklare Luft, warm undfrisch, Sonne, der Himmel so blau, dass es den Verächter dieser Farbe mit ihr versöhnt. Mittagspause, Biergartentisch, Erbsensuppe, neben mir zwei junge Typen, Military Caps, Pils vom Fass. Ich horche auf, als der eine sagt Die haben alle nur geklaut. Nimm’ zum Beispiel Led Zeppelin, wusste ich auch noch nicht, lauter altes Blueszeug, Riffs, Textzeilen... Die beiden sind vielleicht 20, 25, Studententypen. Whole lotta love ist von Willie Dixon. Und auf dem neuen Album von Robert Plant sind nur Covers bis auf einen Song. Wow, denke ich, hab ich mit 20 die Musik meiner Eltern gehört? Nö, unvorstellbar! Diese Jugend!


Abends zu Hause lege ich endlich die Scheibe auf, die ich schon am VÖ-Tag 10.September gekauft hatte: Band Of Joy, Robert Plant, mit Patty Griffin, Co-Gesang, Buddy Miller, Gitarre, Darrell Scott, alles von Madoline über Banjo bis Akkordeon. Prima Platte, prima Gitarrenarbeit, Plants Falsett hier frisch und voller Drang wie bei Led Zeppelin, da das melancholische Geraune eines alten Mannes. Möchte sein, mit 61.

Band Of Joy ist nicht die Reanimierung, aber eine Anspielung auf die Band, in der Plant und sein Jugendkumpel John Bonham ihre ersten Meriten verdienten. Diese Aktion kommt im Herbst 2010 nicht von ungefähr. Am 25. September, heute vor genau 30 Jahren ist John Bonham, der erste Schläger unter den Schlagzeugern, gestorben.

Robert Plant ist im Auftrage des Herrn unterwegs. Waiting on the long black train / Blues fell down like showers of rain. Der Herr ist der Blues, es kann auch der Teufel sein. Satan your kingdom must come down. Aber erst, wenn du mir die Saiten verhext hast. – Dieses Graben im Bodensatz der heidnischen Volksmusik war im Grunde schon immer die Manie der beiden Herren Robert Plant und Jimmy Page. Es ist frappierend, wie sich gerade bei Led Zeppelin der Gegensatz zwischen manischem Musikantentum und subkultureller Fan-Attitüde darstellte. Das wirkt bis heute nach. Was wollen die Fans? Led-Zeppelin-Reunion!!! Was will Robert Plant? Musik machen. Im vielschichtigen Flöz der Folk-Musik wühlen, die Wurzeln finden. Als 20jähriger kann man das nicht verstehen, dachte ich, weil ich es als 20jähriger nicht verstanden hatte. Um zu erkennen, dass es eine Geschichte für alles gibt, muss man erst selber ein ausreichend langes Stück Geschichte er-lebt haben.

Once in Persia reigned a king / (...) / Trains of camels through the sand / Brought him gems from samarkand. Die Wurzeln gehen durch das ganze Erdreich. Alle bauen mit Kalk, kochen mit Hitze und tasten mit den Fingerkuppen. Alle leiden, alle lieben. Und alle kennen den Rhythmus.

Vor 35 Jahren war das arabische Element bei Led Zeppelin eher noch ein testosterongesättigtes Sehnen nach einer kitschigen Vorstellung:

Kashmir (Physical Graffiti, 1975)

Oh pilot of the storm who leaves no trace

Like thoughts inside a dream

Who hid the path that led me to that place

Of yellow desert screen.

My shangri-la beneath the summer moon

I will return again.

Sure as the dust that floats high in June

When movin' through Kashmir.

Plants Shangri-La, na ja, erlebt bei einem Wüstentrip in Südmarokko. Aber erst Bonzos Drums treiben das Ding zum Rock’n’Roll und drüber hinaus.

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Später findet sich der Blues überall, nicht nur im keltischen Gebüsch, auch auf dem Marktplatz von Marrakesch, eben überall, wo Blut in Adern fließt. Und es zeigt sich, dass der Rhythmus ein archaisches Mantra ist, Pulsschlag von Körpern, der mit Götzendiensten aller Art nichts zu tun hat. Im Anfang war der Rhythmus.

If you play North African chord progressions, quite often you'll find that it's similar to the way that Pentangle, or whomever, played, there's a similarity between European and North African folk musics. The early Cheb Khaled stuff, I used to buy the cassettes in Morocco, and go home and work out the chord progressions, and it was 'Matty Groves'! Everybody's going round the same things. (Robert Plant, 2010)


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New York im März 2009. Die Sonne strahlt gleißendes Licht, aber noch keine Wärme. In den Straßenschluchten türmen sich Schneeberge. Ich laufe und laufe, kreuz und quer durch Manhattan, hin und her über die Brooklyn-Bridge, shipper über den Hudson River nach Ellis Island, wo die Leute aus aller Herren Länder den Amerika-Check bestehen mussten, stehe am African Burial Ground an den Gräbern von Afroamerikanern des 17. und 18. Jahrhunderts, die noch die Kultur ihrer Herkunftsländer in Afrika erkennen lassen, werfe einen Blick auf die Fat Black Pussycat-Kneipe, in der Bob Dylan Songs geschrieben haben soll, stehe vor dem Apollo-Theatre in Harlem, dem Neu-Kölln von Manhattan.

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Schließlich lande ich im East Village in 96-98 St.-Marks-Pl und stehe vor einem historischen Plattencover in Übergröße. Die Fassaden der beiden Brownstones aus dem 19. Jahrhundert bilden das Cover zu dem Led-Zeppelin-Doppelalbum Physical Graffiti, das am 24. Februar 1975 veröffentlicht wurde. 35 Jahre später sieht alles noch haargenauso aus! Nicht renoviert und nicht verfallen. Frappierend! Mick Jagger war auch hier, 1981, und wartete auf einen Freund namens Keith.

Ein bisschen komme ich mir vor wie dieser Typ aus Juliett, Naked von Nick Hornby, der auf den Spuren seines Idols ganz Amerika durchstreift. Leider (oder zum Glück) habe ich keine Begleiterin bei mir, die das alles über sich ergehen lassen muss. So kann ich niemandem mitteilen, dass die Mülltonnen nicht mehr die originalen von dem Cover-Foto sind.

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Später esse ich Hummus in einem winzigen Laden um die Ecke, trinke arabischen Kaffee und kaufe dann in einem schmuddligen Kellershop eine Scheibe von Alexis Korners CCS mit einer Cover-Version von Whole Lotta Love. Jazz Rock.

Voller Bläsereinsatz.

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(für "Armin der Cherusker", gestorben am 25. September 2010)


21:37 25.09.2010
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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