John Mary Head at Object Five

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Die Location erinnert mich immer an das Winterland Ballroom, San Francisco, wie es für das The Last Waltz-Konzert dekoriert war, und zwar einzig der gerefften dunkelroten Vorhänge und des Lüsters wegen, die den Bühnenraum bestimmen. Ansonsten ist der Laden natürlich viel, viel kleiner. Die Barhocker und Tischchen könnten so auch im Cavern oder Star Club gestanden haben, als Pete Best, Stuart Sutcliff und ihre halbstarken Kumpels da im Rowdy-Look abrockten.

Aber eigentlich ist das Objekt 5 in Halle viel schöner als Cavern und Star Club, und deshalb auch kein Rock’n’Roll-Schuppen im klassischen Sinne. Sonst würden Leute wie Gianmaria Testa hier nicht absteigen. Wobei Absteigen nicht ganz das richtige Wort ist. Die Protagonisten des Bühnengeschehens müssen, um in den Backstagebereich zu gelangen, erstmal eine steile Treppe raufkraxeln, was für hüftleidende Blues-Shouter wie Mitch Ryder schon mal ein Problem sein kann. Wenn’s dann losgeht, wenn das Publikum immer unruhiger wird vor Vorfreude, und die ersten Pfiffe kommen, dann erst steigt der Protagonist ab, hinab auf die kleine Bühne. Manche, wie Doc Wenz, Reverent Krug und ihre mardi gras.bb-Bläser, sind so gelenkig, dass sie die Treppe in ihre Show einbeziehen.

Auch Gianmaria Testa (55) kommt die Treppenstufen noch ganz gut rauf und runter. In der Pause sieht man ihn rauchend im Biergarten rumlaufen. Der kann vom Publikum auch nur über Treppen erreicht werden, denn er befindet sich ca. vier Meter über dem Bühnenniveau auf einem Porphyrfelsen, ist dschungelhaft grün überwuchert und von Lichterketten und blauen und grünen Sternen illuminiert – im Sommer ein Ort für Urlaub. Dem alkoholisierten Besucher macht mitunter die Tatsache zu schaffen, dass jeder Tisch nur über 1-2 Extra-Stufen erreicht werden kann.

Das Objekt 5, schräg gegenüber von Reichardts Garten gelegen, war ursprünglich wohl mal die Heimstatt eines Saalefischers, später Behausung von Handwerkern und Arbeitern. Ausschank und Garderobe befinden sich im Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert, Toiletten im Stall, Mischpult auf einer Art Balkon, Zuschauerraum und Bühne im jetzt überdachten Hof. Bis vor ein paar Jahren hing neben der Bühne noch ein verfassungsfeindliches Symbol im Großformat – Hammer, Zirkel, Ährenkranz.

Gianmaria Testa tritt solo mit Gitarren auf. Gut, dass sein Saitenspiel mehr ist als nur so begleitendes Geklimper. Der sonore Sprechgesang auf Italienisch, mit leicht angerauhter Latin-Lover-Stimme vorgetragen, hätte mir sonst auf die Dauer eines Konzertes nicht gereicht. Dem Großteil des Publikums wohl schon. Frauen ab dreißig, einige allein, die meisten in Begleitung von Freundinnen, Feindinnen, Kolleginnen, Bekanntinnen und vereinzelt von männlichen Partnern. Wenn hier Walter Trout oder Jean Paul Bourelly auftreten, sieht es geschlechtermäßig umgekehrt proportional aus und man erblickt mehr Bäuche. Bei Auftritten von Eleni Mandell ist es wieder anders.

Signore Testa ist so ziemlich der einzige italienische Musiker, dem ich was abgewinnen kann, und ich gebe auch gerne zu, dass er sehr aufregend italienisch spricht, was er ausgiebig zwischen den Canciones tut. Er erzählt skurrile Geschichten, z.B. über seine seit 15 Jahren an den Weihnachtsmann geschriebenen Briefe, in denen er diesen inständig bittet, nach Italien zu kommen, nicht um etwas mitzubringen, sondern um diesen oder jenen aus der gegenwärtigen Regierung mit hinweg zu nehmen, und er berichtet von italienischen Auswanderern, den heutigen Migranten, die versuchen, in überladenen Booten das Mittelmeer zu überwinden, über Menschen, die dabei ertrinken, und darüber, wie die behandelt werden, deren Boote heil an italienischen Stränden ankommen.

Es ist Ingrid aus Leipzig, die neben Testa auf der Bühne sitzt, der ich zu verdanken habe, dass ich den Inhalt der Geschichten verstehe. Sie wurde kurzfristig herbeitelefoniert, um zu übersetzen, und tut das mit beeindruckender Bühnenpräsenz.

Den Testa-Tipp habe ich aus einem Thriller von Jean-Claude Izzo aus Marseille. Einen gut’ Teil meiner Musik-Entdeckungen verdanke ich der Kriminalliteratur. Seit Kommissar Maigret von seiner Madame bekocht wurde, ist es regelrecht hip geworden, in Krimis Kulinarisches unterzubringen. Es gibt das Mafia-Kochbuch, Madame-Maigret-Rezepte, Krimi-Weinführer und inzwischen werden gar schon Krimis einzig zu dem Zweck, Gourmetverstand zu kommunizieren, geschrieben. Was eindeutig fehlt, wäre eine Geschichte der Popmusikrezeption in Kriminalromanen.

Åke Edwardsons Göteborger Kommissar Winter ist John Coltrane-Fan, sein Londoner Kollege MacDonald versucht, ihn von The Clash zu überzeugen, eine Figur in einem der Romane, ein Teenager, der mit seinen Altersgenossen nicht klar kommt, hört Page&Plants Album No Quarter, bei James Ellroy laufen lauter drogensüchtige Jazz-Musiker herum, die Zoot Suit Riots in Los Angeles 1943 spielen eine Rolle, es gibt ermittelnde Ex-Musiker, Kommissare als Hobby-Musiker, Brenner schwört auf Jimi Hendrix, Celil Okers privateye Remzi Ünal hört auf Fahrt durch Istanbul immerzu Kassetten mit Anadolu Rock von Moğollar und Emrah Karaca, Wolfgang Schorlaus Detektiv Georg Dengler nimmt sogar einen Ermittlungsauftrag von dem bekannten Bluesmusiker Junior Wells an, Ian Rankins John Rebus schläft jede Nacht im Sessel und hört dabei alte Vinyls...

Bei Jean-Claude Izzo gibt es immerhin im Anhang ein Glossar, in dem die Musiker aufgeführt sind, die sein Held Fabio Montale so gern hört. Seine Marseille-Trilogie handelt von diesem mediterranen okzitanischen ethnischen Gemisch, wie es sich quasi in Jahrtausenden herausgebildet hat. Diese plebejische Kultur, davon erzählt Izzo, ist im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung in höchster Gefahr. Eine kriminelle Allianz von Wirtschaft, Politik, Mafia, LePen-Faschismus und aufsteigendem Islamismus der verelendeten Maghrebiner zerstört die Stadt, vollendet das, was die deutschen Faschisten 1943 mit dem Plattmachen des alten Hafenviertels in Marseille begonnen hatten.

Aber es gibt Widerstand. Bei Izzo u.a. repräsentiert durch Künstler und Musiker, die aus der Subkultur kommen, die wie Gianmaria Testa die aktuellen Probleme thematisieren oder die volkstümliche Besonderheit der regionalen Kultur feiern. Auf Izzos Liste stehen z.B. auch Massilia Soundsystem, eine Band, die Reggae und HipHop mit südfranzösischer Folklore und maghrebinischen Einflüssen kreuzt.

Eines Tages haben wir sie in Lodève erwischt. In dieser wenig idyllischen Stadt im Languedoc, die auf den ersten Blick einen eher heruntergekommenen Eindruck macht, gibt es jährlich im Sommer ein Festval der mediterranen Posie. In der ganzen Stadt sind kleine Bühnen und Podeste aufgebaut, wo Dichterinnen aus allen Mittelmeeranliegerländern lesen. Und abends gibt’s Konzerte. Man isst auf dem Marktplatz Moules-frites von Papptellern, trinkt dazu in kleine Volvic-Flaschen abgefüllten Rotwein und marschiert dann zum Konzert mit Massilia Soundsystem. Was hier ein Gig für Dancefloor-, Dub- und Hiphop-Fans wäre, ist dort ein Event für alle Generationen. Die vier Jungs an den Mikros singen okzitanisch, blasen mit Schalmeien über den Beat und alle tanzen Gavotte. Da kann man sich sauwohl fühlen!

Im Objekt 5 in Halle wechselt Gianmaria Testa für zwei, drei Songs zur E-Guitarre, was er Ingrid als Übergang zum Bluesrock-Teil des Abends übersetzen lässt, Scherz. Die Geschichte dazu handelt von einem Auftritt in NYC, wo Signore Testa ohne Übersetzer mit dem Englischen klarkommen musste. Er beherrscht es ungefähr so gut wie Deutsch. Das Publikum bekommt folgenden Satz zu hören: „Dear John Mary Head, please wear your jackett!“, eine sms von seiner Frau. Ingrid muss auch das übersetzen:“Lieber Gianmaria Testa, bitte, wo ist deine Jacke?!“

22:26 10.05.2010
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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