Jürgen Ehle gniedelt nicht

On tour Zweimal "Pankow", zweimal Krieg

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(für Wolfram Heinrich - wegen dem hier)

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In Leipzig kann ich Greta überreden, den Anschlusszug nach Dresden sausen zu lassen. Die Bahnhofsbuchhandlung am Querbahnsteig ist riesig, sie scheint der Deutschen Nationalbibliothek Konkurrenz machen zu wollen. Aber anders als in jener kriegt man hier einen guten Espresso. Ich erzähle ihr von den Nächten, die ich hier verbracht habe, als der gigantisch hohe Saal noch eine müde Mitropa-Gaststätte war. Sowas passierte damals, wenn man Freunde besuchen wollte, die kein Telefon hatten, weswegen man dann erst an ihrer Wohnungstür erfuhr, dass sie nicht da waren, oder wenn einen an der Autobahnauffahrt keiner mitgenommen, wenn man den letzten Zug verpasst hatte oder wenn wegen Schneeverwehungen gar kein Zug mehr fuhr. Bei der Episode mit dem Typen, der mich abschleppen wollte, guckt Greta ungläubig. Sieht man mir den hübschen Burschen, der ich mal war, denn gar nicht mehr an?!

ich wachte auf / und war ein alter mann / und ich sah die gefahr / ich war allein / das war nicht neu / doch ich wusste, von nun an wird’s für immer sein

Ich mag den Bahnhof, mochte ihn schon, als er noch ein riesiger steinern grauer Sack(-bahnhof) war. In dem anderen Leipziger Sack, einem Schönefelder Ballsaal mit Kneipe Sächsischer Hof, zur DDR-Zeit das FDJ-Jugendklubhaus „Jörgen Schmidtchen“ (offizielle Bezeichnung) fand eines der ersten Konzerte in der nun 30jährigen Karriere der Rock-Band Pankow statt. Es war die Sachsen-Premiere ihres Rock-Musicals Paule Panke – Ein Tag im Leben eines Lehrlings. Auf der Bühne: das Band-Equipment und sonst als Kulisse ein großer Paravant aus Alu-Folie, eine Fabrik-Uhr und ein eisernes Bettgestell, das als Lodderbett, als Straßenbahn und als Werkbank dient. Dazwischen turnt Paule alias André Herzberg herum, ein dünner lockenköpfiger jüdischer Bengel mit viel Komödianten-Talent. – Vor der Bühne: Die versammelte südliche Häfte der Avantgarde des ‚lyrischen’ DDR-Rocks, die mal sehen wollte, was diese Rotzbengel so zustande bringen. Und ein Haufen Leipziger

jungs und mädels aus unser’m block / die haben heute Bock auf Rock

und außerdem die Nase voll von Karat und den Puhdys.

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Den nächsten Zug nehmen wir dann. Programm in Dresden: ein Museumsbesuch und ein Rock’n’Roll-Konzert.

die hände tief in der hose vergraben / spürt er seinen freund / wie immer, wenn er wache steht / hat er von ihr geträumt / er will keinen traum, er will sie richtig / und ihr bild lässt ihm keine ruh’ / jetzt guckt er sich um / es ist keiner zu seh’n / da fassen seine Hände zu

Im neuen Militärhistorischen Museum der ganz uneigennützig spendablen Bundeswehr (Eintritt noch frei bis Jahresende) stehen wir vor einem typischen Soldatenspind der NVA, wie es übrigens auch im KdF- und NVA-Nostalgiemuseum in Prora/Rügen besichtigt werden kann. Auf nachdrückliche Anfrage von Greta krame ich ein paar von meinen Armeeerinnerungen heraus. Die Zeit war lästig bis lustig, sonst aber nicht weiter schlimm. Sogar der EK-Terror, dem auch ich ausgesetzt war, konnte als interessante Erfahrung verbucht werden. Im Museum wird auf dieses Phänomen bei der NVA hingewiesen. In der Bundeswehr gab es sowas nicht?

jetzt denkt er an die jungs in seinem zimmer / die spielen so gern das alte spiel / wenn du heute kuschst, kannst du morgen treten / doch er hat keine lust, so zu sein wie sie / so ein’ spinner wie ihn, den haben sie gerne / und er weiß, morgen muss er ran

Die Ausstellungen sind so lecker gemacht, wie das in neuen Museen heute eben üblich ist. Es wird nicht nur von Waffentechnik, Uniformen und Strategie und Taktik gehandelt, schon gar nicht werden Militär und Krieg als Bewährungsfelder für männliche Ehre und Heldenmut hingestellt. Man hat sich Mühe gegeben, auch die Gewalt, die Zerstörung und das Leiden der Zivilbevölkerung zu zeigen. Außerdem thematisieren die Austellungsmacher mentalitäts- und kulturgeschichtliche Aspekte, wie Körperlichkeit in militärischen Formationen, die Rezeption des Militärischen in Jugendkulturen und Mode und sogar den Einsatz von Tieren beim Militär.


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Trotzdem mag ich Wolfgang Wippermann nicht zustimmen, der im Freitag vom 13. Oktober 2011 schreibt, es würde nicht der Eindruck erzeugt, Krieg sei ein allgemeines anthropologisches und letzlich unvermeidliches Phänomen. Doch, dass es das ist, soll man denken, wenn man das Haus verlässt. Der Krieg lässt sich nicht aus der Welt schaffen, es kommt nur darauf an, dass die Guten (nämlich ‚wir’) die besseren Waffen und die überlegene Moral haben. Dann siegen ‚wir’ schneller und verlustärmer und können der Zivilbevölkerung helfen, so zu werden wie ‚wir’.

Es handelt sich um subtiles Storytelling. Die vordergründige thesen-visualisierende Installationskunst und die in den musealen Inszenierungen vorgeführte Kritik an der Gewalt und ihren Folgen dient letzlich nur der Imagepflege eines Heeres, dass wieder im Krieg steht.

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Dagegen war die verschwundene DDR-Ausstellung lächerlich plump: der gute Krieg ist ein sauberer Krieg gegen den kriegstreiberischen Imperialismus, der schmutzig ist und all die Greuel und Leiden zu verantworten hat und für sie bestraft gehört. Die NVA, damals eine Armee auf Friedenswacht, wird heute so gesehen: ideologiegesteuert und latent bis offen aggressiv!


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Wenn man in dieser Stadt rumläuft, begegnet einem der Opferkult recht häufig. Kein Wunder also, dass das Dresden-Bombardement vom Februar 1945 auch in diesem Museum eine Rolle spielt. Wipperman sieht in der Formensprache der Libeskind-Architektur eine Verbeugung vor diesem Opfer-Mythos. Das mag sein. Auf mich hat der Keil eher wie ein martialisches Symbol für Militanz gewirkt. Da passt es gut, dass sich im Außengelände wieder deutsche und russische Panzer (zur Zeit allerdings friedlich) gegenüber stehen.


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Greta und ich sparen uns den Blick aus der Spitze des Keils auf die Reinkarnation der Frauenkirche und verlassen das Gelände. Ein paar hundert Meter entfernt treffen wir eine kleine Gruppe Sowjetsoldaten, denen wir verschwörerisch zublinzeln.


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Auf dem Weg zum Konzert im Alten Schlachthof meint Greta, dass für einen Museumsbesuch vor einem Rock-Konzert ein anderes Museum mit einer friedlicheren Thematik besser gepasst hätte. Ich erinnere sie daran, dass manche Jugendzeitschriften in der DDR noch in den sechziger jahren behauptet hatten, der Rock’n’Roll diene dazu, junge Männer aufzuputschen und zu enthemmen, um sie auf ihren Einsatz im imperialistischen Krieg vorzubereiten.

Pankow, das ist die Band, über die der westdeutsche Musikjournalist Olaf Leitner geschrieben hatte: Schon der Name war ein Hieb: PANKOW (...) Den wahnwitzigsten Coup des DDRock leistete sich Pankow, als es die Bigband der inzwischen auf Gorbi vereidigten "Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte" mit auf Tournee nahm, um mit ihr jene Songs zu intonieren, die Jahre zuvor SED-Funktionäre wutschnaubend torpediert hätten - mit eben diesen Soldaten als Drohpotential an der Seite. So ändern sich Zeiten und Symbole. - Die New York Times schrieb: Pankow (...) a dynamic band that combines the energy of the Clash with the innovation of the Talking Heads. - Christoph Dieckmann: Die Riffs und Hooks von Pankow kann einem kein HNO-Arzt wieder aus den Ohren ziehen.

Pankow-Verächter gibt es auch. Michael Rudolph nannte Jürgen Ehle den Lutz Rathenow der Gitarre, was immer er damit auch sagen wollte – und natürlich die sich forever young fühlenden Popmusikjournalisten, die den üblichen Hohn über Musiker ausgießen, die sich mit über 50 noch auf die Bühne trauen - und meine Quartals-Freundin, selber kaum jünger und nicht mehr so rank und schlank wie damals, findet Herzbergs Bauch unmöglich.

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Greta sagt, guck dir den dicken Herzberg an, wie ein Brummkreisel. Immerhin, sage ich, er kreiselt noch ganz schön. Im Stillen muss ich ihr Recht geben. Der Sänger ist superpräsent, treibt die Band an, nicht weniger als die Rhythm-Section Ingo Yorck (bass) und Stefan Dohanetz (drums), aber seine Körpersprache ist doch etwas behäbiger geworden. Ehle, der Gitarrist dagegen gehört zum Typus Kleine-Männer-werden-niemals-alt!

Wenn der schnoddrige André mit seiner verschliffenen, träge verschleppten Gesangsphonetik die Attitüde liefert, dann ist es Jürgen, der dem Bandauftritt die Seele gibt. Der jungenhafte Typ, klein, zierlich, in einem früheren Pankow-Song die Gitarren-Ballerina genannt, pflegt einen spartanischen Riff-Stil, aber sein Gitarrenspiel ist auf eine unglaublich attraktive Weise körperlich. Seine Bewegungen sind elegant, fließend, und wenn Clapton Mr Slow Hand ist, dann kann man Jürgen den Mr Guitar Body nennen. Standbein, Spielbein, Hüftschwung, Spielbein, Standbein, Schulterkreisen, grazile Griff-Gesten – zurückhaltende Bewegungen, die doch so tänzerisch anmuten. Die Riffs kommen trocken und knapp wie bei Keith Richards, als dessen Zonen-Ausgabe Jürgen Ehle von phantasielosen Musikjournalisten oft bezeichnet wird, aber Jürgens Stil ist viel, viel eleganter als der von Keith - und außerdem hat er noch keine Arthritis!

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Obwohl Pankow heute keine rein ostdeutsch besetzte Band mehr sind (Kulle Dziuk, Keyboarder, Bruder von Danny, kommt aus Duisburg) findet sich in der Liste der Tourdates kein einziger Auftrittsort im Westen. An der Qualität dieser Band kann es nicht liegen. Songwriting, Life-Performance – diese Band rockt! Es ist ja das alte Lied, die westdeutschen Stars waren im Osten gut bekannt, umgekehrt sah es und sieht es anders aus. Dabei fällt doch gerade an den westdeutschen Top-Acts wie Lindenberg, Grönemeyer, Westernhagen, ja sogar bei den Ärzten und den Toten Hosen auf: starke, meinetwegen auch sympathische Attitüde, aber musikalisch eher konventionell, Mainstream-Rock. Dagegen ist Pankow eine echte Rock’n’Roll-Perle von ganz eigenem Glanz.

Dass sie heute noch erfolgreich touren, liegt an den treuen ostdeutschen Fans, bei denen aber die Jugenderinnerungen einen Großteil der Motivation ausmachen. Die neuen Alben finden freundliche Aufnahme und werden durchaus geschätzt, aber nur mit ihnen allein würden Pankow auch im Osten auf keinen grünen Zweig mehr kommen. Es ist, wie es ist. Das neue Album Neuer Tag in Pankow spielt aber auch mit den eigenen und den Erinnerungen der Fans. In mehreren Songs werden Textpassagen der alten Hits melancholisch variiert oder es kommen Figuren vor, die in den Alben vor 25 Jahren als unangepasste Teenager, nun als vom Leben gebeutelte Erwachsene dargestellt sind (Paule Panke, Mathilde, Karlineken,...)

an der bushaltestelle kam mathilde nach der arbeit an / in der schaufensterscheibe vom bäcker seh’ ich immer noch ihr spiegelbild / aufruhr in den augen und’n Kind an der Hand

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Wenn die fünf Jungs, fast alle 50 und aufwärts, am Ende des Konzerts eine Linie bilden, sich die Arme auf die Schultern legen, sich unisono vor den treuen Fans verbeugen, mag man gar nicht glauben, dass ihr neuestes Album nicht in freudvoll kollektivistischer Weise, soll heißen, in dem Raum-Zeit-Kontinuum eines Aufnahmestudios, produziert wurde. Nein, ein jeder von ihnen werkelte daheim an seinen Parts, schickte die Datein herum, änderte, schickte wieder, bis Mastermind Jürgen Ehle zufrieden war und alles zusammenschmiss.

Das Ergebnis ist ein reifes Rocksong-Album, wie es erwachsen gewordenen Musikern gut ansteht. Aber es klingt immer noch ganz so, als hätte da eine Posse von gleichgesinnten Freunden zwei Wochen unter Zuhilfename von Nikotin, Koffein und anderen Genussmitteln eingesperrt in einem Studio gearbeitet.

Das Publikum beim Konzert in Dresden ist wie immer ganz aus dem Häuschen, singt aus vollem Hals die Texte mit. Die Band ist glücklich. Greta sagt, wo kommen die ganzen 30jährigen her?

Die heimeligen Dresdner Advent- und Striezelmärkte haben schon geschlossen, als wir recht schweigsam zurück zur Pension wandern.

...dann geh’n sie in die garderobe / und waschen sich die farbe ab / schnell ins hotel, es ist schon spät / mal gucken, ob die show da noch weitergeht

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Drei Wochen später

Greta ist wieder da, wo sie hinzugehören meint. Zum Abschlusskonzert der 2011er Pankow-Tour im Postbahnhof am Ostbahnhof in Berlin gehe ich aber auch in weiblicher Begleitung. Die junge Dame, noch deutlich unter Dreißig, ist gar keine so große Ausnahme im rappelvollen Saal, fast wundert es einen. Das Publikum, kräftig vorgeglüht von der Support-Band The Baby Universal, tobt, die Band schwebt 30 cm über den Bühnenbrettern. Der Bassist Ingo Yorck, sonst eben bassistenmäßig zurückhaltend, stößt unvermittelt Urschreie aus. Das Adrenalin treibt die schönsten Blüten.

wo gestern noch die mauer stand / geh’n zwei spazieren / hand in hand / junge, was willst du mehr?

Eine Szene zwischendurch hat fast symbolischen Charakter. Christian ‚Kuno’ Kunert, Singersongwriter, der bisher überlebende Teil des Duos Pannach&Kunert, vorher Sänger und Gitarrist bei der DDR-Kultband Renft, kommt auf die Bühne, um mit Ehle und Herzberg seinen 1986er Song Der Tag, an dem die Mauer fiel zu singen und zu spielen. Dieser Mann ist richtig alt geworden und wirkt nicht mehr sehr gesund, worüber er auch noch Witze reißt. Fast behutsam reicht ihm Hannes Scheffler, der Gitarrist von Baby Universal die Klampfe und geleitet ihn nach dem Song wieder nach backstage. Da waren drei Generationen Rock’n’Roller gemeinsam auf der Bühne.

wie mein vater hat vater blues / einen sohn, den ich nicht nennen muss / wenn ich heute vor dem radio hock / sind wir brüder, ich und der rock / wie ich schwitze, woher kommt das wohl? / soviel hitze hat der rock´n´roll

Mitten im Publikumspulk treffen wir Heiner Witte, Gitarrist der Bluesrock-Band Engerling, im Westen bekannt als die Tour- und Studio-Band von Mitch Ryder. Er ist gekommen, um Jürgen Ehle Rhythmus-Gitarre spielen zu sehen, wie er sagt. Sein ‚Chef’ Mitch, das alte Nebelhorn aus Detroit, verlangt, dass sich seine beiden Gitarristen bei Live-Auftritten Gniedel-Duelle liefern. Aber Jürgen Ehle gniedelt nicht!

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Am nächsten Vormittag wanke ich vereinsamt und verkatert zum Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst. Es fällt kalter Nieselregen, aber ein Ohrwurm macht mir die Situation erträglicher: Er will anders sein (Pankow, Keine Stars,1986). Das prägnante Bläser-Motiv des Songs wird heutzutage vom Keyboarder Kulle Dziuk intoniert, damals aber stand bei Live-Auftritten die volle Wucht des Orchesters der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte dahinter, eine Perestrojka-Sympathie-Kundgebung der Band.


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Als ich Schüler einer Polytechnischen Oberschule der DDR war, gehörte ein Besuch in diesem ehemaligen sowjetischen Museum für den Großen Vaterländischen Krieg der Völker der Sowjetunion genauso zum obligatorischen Programm wie eine Fahrt zur Gedenkstätte KZ Buchenwald.

Das Museum in der Villa, in der am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Nazi-Wehrmacht unterzeichnet wurde, ist vor Jahren (fast) völlig neu gestaltet worden und befindet sich heute in Trägerschaft verschiedener russicher und deutscher Institutionen. Den Ausstellungen ist anzumerken, dass hier um einen Kompromiss zwischen teils sehr konträren Auffassungen zum Krieg gegen die Sowjetunion gerungen wurde. Verschwiegen wird nun nichts mehr. Die Ausstellungsgestaltung ist eher konventionell, wichtiger aber ist, dieses Museum löst ein, was das in Dresden nur verspricht.

Es wird anschaulich, dass Krieg kein Menschheitsfluch, sondern konkrete Politik ist. Es wird anschaulich, dass es nicht das ‚Böse’ an sich ist, was Menschen zu Gewalttätern macht, sondern dass sie dazu aus bestimmtem Kalkül gebracht werden. Es wird anschaulich, was unter diesen Umständen die einen Menschen den anderen antun. Die Leiden der Zivilbevölkerung, in Dresden geradezu ästhetisierend inszeniertes Thema, werden hier nüchtern in Foto- und Textdokumenten gezeigt. Und das haut einen um.

Als ich wieder in den Regen trete und den Weg zum S-Bahnhof laufe, ist der Kater verschwunden.

Fotos:

1 Katy Otto (2011)

2/3 Andreas Liebich (1982)

4-12/14-16 goedzak (2011)

13 Zeitfixierer (2009)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was fehlt sind sozialistischer Realismus und proletarischer Sarkasmus.
goedzak

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