Kritik des Himmels

Gott / los Über religiösen und anti-religiösen Dünkel
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Und wenn sich hier eine Tendenz zeigt, alles niederzumachen und von unterschiedslos allem zu suggerieren, es gehöre in den Mülleimer, weil ja auch die demokratischen Institutionen in Wahrheit gar keine seien usw. usf., dann muß man dem entgegentreten. (Michael Jäger)

Hin und wieder begegnet einem offen nichtreligiösen Menschen der mehr oder weniger versteckte Hochmut eines religiösen.(*) Mir persönlich ist das selten passiert. Aber es ist schon nervend, wenn man in den Repliken auf Äußerungen zu irgendwelchen irgendwie weltanschaulichen Fragen (z.B. "Jugendweihe oder Konfirmation?") diese schlecht versteckte, leicht resignative "Nachsicht" spürt, die einem flüstert: "Du Dummerchen, du bist verdammt, im Niederen zu verharren..." Naja, mit ein bisschen Selbstbewusstsein lässt sich das ganz gut aushalten.

Damit ist das Thema des religiösen Dünkels hier auch schon erledigt und wir kommen zu seinem gegenteiligen Pendant.

Als linke Religionskritik ist es gemeint oder stellt sich selbst so dar, aber oft genug ist das, was wir dann zu sehen bekommen, nichts als ein Bashing religiöser Personen und eine ahistorische Verachtung von Religion und religiösen Institutionen. Auch die qualifizierteren Konzepte - z.B. des Evolutionsbiologen und "neuen Atheisten" Richard Dawkins - zeichnen sich durch einen eher niederkomplexen Starrsinn aus. Die Physik, die Biologie und die Theorie der Meme (Dawkins, 1976) haben eigentlich bis auf geringfügige Reste alle Geheimnisse aufgeklärt. Die Welt ist nicht nur erkennbar, sie ist erkannt! Wozu dann noch Religion, wenn nicht zur wahnhaften Manipulation der Massen?! Schon Engels nannte das ziemlich boshaft einen "vulgären Reiseprediger-Materialismus".

Religion scheint als eine Art Kindermärchen, ein Verdummungs- oder Gefügigkeitszauber verstanden zu werden, der einfach durch gutgläubiges Weitererzählen so mächtig und dann als Herrschaftsideologie brauchbar geworden ist. Aber einer der größten religiösen Eiferer des frühen 16. Jahrhunderts war ein gewisser Thomas Müntzer, der doch heute - zurecht - als Anführer einer sozialen Bewegung gilt. Die aufrührerischen Bauern, "die räuberischen und mörderischen Rotten" (Luther, der theologisch wahrscheinlich deutlich fortschrittlicher war als Müntzer) brauchten nämlich auch eine Ideologie für ihren Aufruhr. Es ist die Religion als Ideologie ein kommunikatives Instrument zur weltanschaulichen Motivierung von Massen. Muss ich noch ausdrücklich auf die Befreiungstheologie hinweisen? Nicht ganz ohne Modifikation zwar, aber diese Ideologie

Religion kann natürlich ebenso als ideologisches Instrument zu reaktionären Zwecken gebraucht werden - sie wurde es und wird es. Das macht sie vergleichbar mit der Ideologie eines Antikapitalismus in seiner Form als verkürzter, weil ahistorischer und undialektischer Antikapitalismus.

Richtig komisch wird es, wenn aus einem einzigen - wie bei solchen Gelegenheiten üblich aus dem Zusammenhang gerissenen -, oft genug auch noch falsch wiedergegebenen Zitat eine unangreifbare Autorisierung abgeleitet wird: Religion ist "Opium für das Volk!" (falsch bzw. Lenin) oder (wörtlich richtig) "Sie ist das Opium des Volkes!" Gerissen aus einem (Kon-)Text, der eben nicht nur den Ideologiecharakter von Religion als Manipulationsmedium beschreibt, sondern ihre Brauchbarkeit dafür auch damit erklärt, dass das Volk dieses "Opium" zunächst sich selbst verschafft, weil es es bitter nötig hat. Mit dem marxschen Religionsverständnis kann man ganz entspannt auch sehen, dass die Religionen als Basisideologien am Anfang weniger eine Trostfunktion, als vielmehr eine Protest- und Auflehnungskomponente hatten, dass sie selbst in ihrer schon zu Herrschaftszwecken institutionalisierten Form noch aufklärerische, zivilisierende, humanisierende Funktion und Wirkung hatten. Kreuzzüge, Dschihad, Inquisition, Fatwa, Genitalverstümmelungen und die moralisierende Disziplinierung der Unterschichten sind nur die eine Seite der Medaille.

Karl Marx rotiert bei dem "atheistischen" Gebrabbel, 170 Jahre nach Feuerbach, nicht im Grabe, er wird sich seine sarkastischen Gedanken in den Bart murmeln. Direkt schade, dass wir das nicht mehr zu lesen kriegen können. Aber es gibt ja immerhin einiges zu studieren. Die "Kritik des Himmels", das sei der Atheismus, schreibt der junge Marx bereits im Jahre 1844 in der "Heiligen Familie", und fährt fort: "Aber nötig ist die Kritik der Erde"! "Die heilige Familie" ist eine Art Lossagung von den Linkshegelianern wie Bruno Bauer, in deren Kreisen Karl und Friedrich eine Weile agiert hatten. Untertitel "Kritik der kritischen Kritik", eine höhnische Metapher für eine Kritik, die sich im Selbstzweck erschöpft, und die von der Ideologie, ihrem Gegenstand, nicht in die materielle Welt findet. Die Zusammenarbeit mit Engels, der Marx einige neue Einblicke in die Praxis (!) der zur Analyse und Kritik anstehenden kapitalistischen Gesellschaften verschafft haben dürfte (Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845), trug mit dieser gemeinsam verfassten Schrift erste Früchte. Oder schauen wir, wie Engels das ausdrückt: "Der Atheismus, als bloße Negation der Religion und stets sich auf Religion beziehend, (ist) ohne sie selbst nichts, und (ist) daher selbst noch eine Religion." (Engels an Bernstein, 1884).

Es ist ein "linkes" Trauerspiel mit einer Ideologiekritik, die Ideologie mit Realität verwechselt, und folglich glaubt, eine "böse" Ideologie abzuschaffen, hieße, die Realität zu verbessern. Ein Marxist weiß, erst die praktische Veränderung der Realität verändert die Bedingungen der Ideologieproduktion. Diese Erkenntnis hat Karl Marx sagen lassen, dass die Religionskritik mit Ludwig Feuerbachs Schrift "Das Wesen des Christentums" (1841) erledigt sei. Er selbst hat sich dann mit dem Thema kaum einmal beschäftigt, jedenfalls nicht auf so eine umfassende und systematische Art wie Ludwig Feuerbach.

"Die tatsächliche Grundlage der religiösen Wiederspiegelung dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex selbst." schrieb Engels 1877 im Anti-Dühring. Knapp 140 Jahre später kann man seine Zeit immer noch mit der kritischen Kritik der "religiösen Wiederspiegelung" und dem Versuch des Herbeiredens ihres endlichen Endes verplempern. Aber dieses Ende ist Zukunftsmusik. Das wird passieren oder nicht. Vielleicht wird "Absterben der Religion" ja auch "nur" bedeuten, dass die Institutionen absterben, dass die Religionen ihren instrumentellen Macht- und Gewaltcharakter verlieren, wieder oder überhaupt erstmals zu einer ganz individuellen, selbstbestimmten Form der Reflektion der eigenen Existenz werden. Vielleicht wird Religiosität auch einfach als ein Modus des Umgehens mit dem immer wieder neuen Nichterkannten bzw. Nochnichterkennbaren erhalten bleiben. Oder es werden "nur" noch die Kinder sein, die nach einer magisch-mythischen eine quasi-religiöse Phase ihrer Weltsicht und -reflektion durchleben werden.

Sicher ist nur, dass Religion und Glauben und ihre Institutionalisierungen wie alles sich verändern werden. Nur manche atheistische Linke, darin den verhassten Konservativen auf groteske Weise gleich, wollen sich nicht verändern. Einige von denen werden sich sicher fragen, ob ich hier dem Kreationismus, der Esoterik oder gar der Homöopathie das Wort reden will. Nein, will ich nicht. Der Stand der Wissenschaften muss natürlich gegen jeden (quasi-)religiösen Eiferer, gegen jeden Rollback-Versuch verteidigt werden.

Mir, dem Apatheisten, ist also die Gretchenfrage wumpe. Aber ein religiöser Mensch, der verlässlich neben mir steht, wenn es an die "Kritik der Erde", also an das praktische Handeln zur Veränderung der Gesellschaft geht, wird mir immer viel, viel lieber als jeder Maul-Atheist sein.

gez. Goedzak, gottlos

Ein Atheist sagt: "Es gibt keine Götter, der Gottesglaube muss ausgemerzt werden!" Ein Agnostiker sagt: "Ich weiß nicht und kann es auch nicht wissen, ob es irgendwelche Götter gibt oder nicht." Ein Ignostiker sagt: "Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Götter gibt, und es würde auch keine Rolle spielen." Ein Apatheist sagt: "Für die irdischen Belange ist es völlig egal, ob es Götter gibt oder nicht. Und deshalb ist es auch egal, ob ich glaube, dass es Götter gibt oder nicht."

(*) Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass das jemand so verstanden hat: Der Satz bezieht sich nicht auf das vorangestellte Zitat!
09:59 08.06.2016
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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