Männerrollen

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Männertag ist, wenn Mann eine Frau treffen kann, weil ihr Mann Männer trifft.

(Uckermärkisches Sprichwort)

Gartentür aufschließen, Treppe runter, rechterhand Kellertür aufschließen, Fahrrad packen, nach links um die Ecke schlenzen, Rücklicht zieht unter leisem ‚Ratsch’ den Strich im Putz ein Zehntelmillimeter tiefer, Treppe hoch, Rad abstellen, Treppe runter, Kellertür abschließen, Treppe hoch, Gartentür abschließen, Hände an Lenker, linker Fuß auf’s Pedal, rechtes Bein, Rad rollt schon, über’n Sattel schwingen, lostreten, hochschalten.

Zehn Zentimeter reichen eigentlich. Breiter muss ein Radweg nicht sein, vorausgesetzt, man hat noch gute Augen und sichere Hände am Lenker, na, und keinen Alkohol im Blut, natürlich.

Ich fahre im Rinnstein, die Schlackesteine sind ebener als die Katzenköpfe der Straße. Gullirost in Sicht, checken, wie tief, zu tief, kurzer Schlenker nach links, wieder nach rechts, Ampel 50 Meter voraus, drei Autos. Augen sausen die Bordsteinkante entlang, da, ein Stück Kante ausgebrochen, Ruck nach rechts, rauf auf den Gehweg, Pärchen mit Kinderwagen von vorn, Pneus auf dem Bordstein halten, rechter Ellenbogen touchiert Laternenmast, vor’m ersten Auto auf die Fahrbahn hoppsen, Check rechts, nichts, Check links, nichts, zutreten, empörtes Hupen hinter mir. Nächste Ampel ist auch rot, belebte Kreuzung, anhalten. Telefon checken, sms, bin unterwegs.

Lindenallee, nach genau 7 Bäumen auf den abgekippten Bordstein zuhalten, Gehweg kreuzen, am verlodderten Spielplatz vorbei, vor der bröckligen Kinderwagenrampe abbremsen, besser keine Flugphase riskieren, runterrollen, weitertreten.

Die Seitenstraße hochblicken, ja, Kirchhofstor ist offen, Hand raus, Schulterblick, der überholt trotzdem, als er vorbei ist, Linksschlenker, Gleis 1, Linksschlenker, Gleis 2, Gegenverkehr aufhalten, abbiegen, hoch zum Kirchtor, Kirchhof passieren, auf anderer Seite runter, Trampelpfad im Efeu neben der Treppe, Hände an den Bremsen, unten Gehweg kreuzen, Mist, wieder das Schlagloch übersehen, leichtes Anspannen der Muskulatur und Heben aus dem Sattel, Bumms, Wirbelsäule dankbar.

Vorbei am Burg-Tor, auf den Parkeingang zielend, kurz vor der frisch restaurierten Bordsteinkante, abbremsen, runterschalten, das Vorderrad hochrucken, das Hinterrad nachziehen, dann den Parkweg zum Fluss runterdüsen, scharf bremsen, abspringen, Rad die Treppe runtertragen, aufsitzen.

Auf der Uferpromenade ist jede Menge Birkenlaub unterwegs. Es liegt Gesang resp. Gegröle in der Luft. Meine Beinmuskeln sind jetzt bestens gelaunt, die Keulen kreisen, die Pneus surren. Vor mir schwärmen ältere Herr- und Damschaften platzgreifend in Richtung Dampferanlegestelle. Zwei Damen am Rande scheinen mir noch am meisten Platz zu lassen, aber ohne Klingeln wird es nicht gehen. Ich läute, die Damen tauschen aufgeschreckt die Plätze, was mein Problem nicht löst. Vollbremsung. Schimpfen.

Dann bin ich an dem heruntergekommenen Ausflugslokal, ein Alsterwasser an der Saale könnte jetzt nicht schaden. Terrasse voll, aber ich finde einen Platz. Am Nebentisch eine Genderdiskussion. Ein Typ, der ein wenig wie Kowalski aus Vanishing Point aussieht, rattert mit leicht schweizerischem Akzent Statistiken runter. Der Kumpel daneben trägt ein T-Shirt mit einem grafischen Gebilde, das wohl weibliche Brüste darstellen soll, sagt, meine Holde verdient zu wenig, ich sollte ihr einen Zweitjob besorgen. Der dritte Bursche starrt nur finster schweigend zu einer jungen Familie zwei Tische weiter, sagt dann irgendwie zusammenhanglos, Weiber, schlimmer sind nur noch alte Weiber.

Die Kellnerin kommt an den Tisch, stellt Bierkrüge hin, verteilt Bussis und sagt, ich versteh’ euch, Jungs, ihr seid wenigstens noch Kerle. Dann stellt sie mir das Alster hin, macht mir Äuglein, also, diese besoffenen Machos, was? Ihr Kellnerinnenkostüm ist hochgeschlossen, sieht fast wie ein Beffchen aus.

Sms - wo bleibst du denn? Ich lasse den Alster-Rest stehen und kurbele weiter. Vor mir auf dem Schotterweg zwei Herren, die die ganze Breite des Weges einnehmen. Der eine hält linker-, der andere rechterhand einen Flaschenhals umklammert. Zwischen ihnen ist ein Abstand, der mir reichen würde, wäre da nicht der Bierkasten. Ein Klingeln will ich nicht noch mal riskieren, also rechts auf der Grasnarbe vorbei. Leider macht der Typ gleichzeitig einen Ausfallschritt, in dem Kasten sind schon ein paar Flaschen leer. Ein Geräusch wie Flaschenglas auf Rahmenstahl, ein zorniger, etwas verwaschen artikulierter Ruf, in dem die Worte ‚schwuler W******’ vorkommen, dann bin ich außer Reichweite.


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Es vergehen noch ein paar Kilometer, dasehe ich neben einem kleinen Auto mit auswärtigem Kennzeichen einen überaus hübschen Jüngling stehen. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Budapester, grauer Hut mit schwarzem Band, recht unzweckmäßig, das Outfit, für die Gegend, aber sehr attraktiv! Nur das Menjoubärtchen ist etwas too much. Der Bursche sieht mich kommen, grient, verschwindet dann aber zwischen zwei Büschen. Ich stoppe – er hätte nicht grienen dürfen.

Den Pfad kenne ich, er führt zu einem versteckten Plätzchen über dem Fluss. Dort steht er, der junge Mann. Na, mein Freund, so ganz allein unterwegs am Männertag?!Er benutzt Parfüm, registriere ich. Über seine Schulter sehe ich eine Decke mit Picnic-Schmeckerchen, die Flasche Wein ist aber schon halb leer. Ein prüfender Blick in sein Gesicht, das alberne Menjoubärtchen bröckelt bereits. Dann Arme um meinen Nacken, ein unmännliches, beschwippstes Kichern, komm, lass’ uns aufhören mit dem Quatsch. Ich raune ihr in’s Ohr, besoffene Kerle sind ja schon nervend, aber besoffene Weiber... Kinnhaken. Bumm. Aus.


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22:34 13.05.2010
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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