Mit den Bärten in die Steinzeit?

Plauzige Überlegenheit Eine kleine Geschichtsstunde für Springer und den NDR
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Die Steinzeit als Metapher für eine ganz, ganz böse Rückständigkeit war ja schon immer beliebt.
Vietnam sollte einst „in die Steinzeit zurückgebombt“ werden. Versucht wurde es, sehr intensiv sogar. Auf die Fläche gerechnet wurden dort mehr Sprengmittel abgeworfen als je in einem anderen Krieg der Geschichte. (Nein, auch der „Bomben-Holocaust“ von Dresden, liebe AfD’ler, war harmlos dagegen.) Aber erfolgreich war das Unterfangen nicht. Am Ende des Krieges waren weit über eine Million Vietnamesinnen tot. Wälder waren entlaubt, Infrastruktur zerstört, hunderttausende Blindgänger steckten in Reisfeldern, aber das alles sind ja keine Merkmale der Steinzeit. Damals - im Paläo- und Neolithikum - gab es eine intakte, anthropogen erst nur sehr wenig beeinflusste Natur. Es gab zwar Krankheiten und Jagdunfälle, gelegentlich einen Mord, aber kein Massensterben, schon gar nicht durch Krieg, denn den gab es auch noch nicht.

Was „Steinzeit“ eigentlich heißt, wussten anscheinend im Hightech-Amerika nur die paar Archäologinnen, die sich mit der Vor- und Frühgeschichte der prä-kolumbianischen Besiedlung des amerikanischen Kontinents beschäftigten.

Inzwischen ist das Wissen über die Steinzeit, darüber, wie die Menschen damals zusammenlebten und welchen ideologischen und welterklärerischen Denkweisen sie anhingen, anscheinend immer noch nicht sehr weit verbreitet. Googelt doch mal „Taliban + Steinzeit“ oder „Islam + Steinzeit“. Ihr werdet staunen. Und euch amüsieren oder erzürnen, je nach Gusto. Dreihundert Jahre nach der Aufklärung kann man nur konstatieren - in BILD-liker Metaphorik ausgedrückt -, das historische Wissen der Leute, z.B. auch von vielen, die die Berufsbezeichnung „Journalist*in“ führen, befindet sich auf „Steinzeit“-Niveau. (Pardon, Steinzeitmenschen!)

Gut, wir wissen ja, dass die als sehr hoch geltende schulische Allgemeinbildung noch nie verhindert hat, dass etwa patriarchalisches Gebaren von Männern als „Höhlenmenschen“-Art bezeichnet wird, dass karnivore Ernährungsweisen als steinzeitlich bezeichnet werden. Dabei waren die Schöpfungsmythen der Neolithiker*innen noch lange nicht wie später mit einer männlichen Personage ausgestattet. Bevor das Weib zum Paria wurde (Eva, Megären, Hexen, Mermaids usw.), war es die Chefin in der Sphäre der überirdischen Wesen. Und die Frauen waren noch nicht ausschließlich an Care-Arbeit gebunden, wie in der Bronze-, Eisen, Dampfkraft- und Benzin-, und zu großen Teilen auch noch in der Coltan-Zeit. Sie gingen neben den Männern auf die Jagd und sorgten mit diesen dafür, dass immer genug Beeren, Kräuter, Pilze und Wurzeln zum Essen da waren. Auch was den Sex angeht, war die Steinzeit sehr viel un-sexistischer, als die behaupten, die das Wort als feministische Metapher für gegenwärtigen Sexismus benutzen. Die Frauen hatten die freie „female choice“. Auch wenn sie ganz sicher nicht, wie die feministische Biologistin Meike Stoverock und die frauenhassenden Incels in schönster Übereinstimmung behaupten, nur jeden fünften unter den Kerlen zur Paarung auswählten.

Könnte es Alternativen zur Beschimpfung des u.a. von den „Schülern“ (Taliban) bevorzugten Islam als „steinzeitlich“ geben, die irgendwie historisch halbwegs sinnvoll wären? Hmm, wie wär’s mit „viktorianischem Islam“? Oder mit calvinistischem, puritanischen usw. Islam? Oder einfach „urchristlicher“ Islam? Der Islam der Deobandi-Schule war eine Widerstandsideologie gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien, so wie das Urchristentum in Palästina gegen die römischen Fremdherrscher und das regionale Establishment gerichtet war.

Der neue (?) Taliban-Islam hat auch ein bisschen was von „Laptop und Lederhose“, oder? Smartphone und Perahan? Der Deobandi-Islam als religiös-ideologische Absicherung dessen, was sich die Bärte dort jetzt als Entwicklungsperspektive für Land und Volk vorstellen mögen. Russland, China, Indien, der Iran stehen schon bereit. Dann wird unter der Shahada-Flagge schön modernisiert. Es kann investiert werden. Gewerkschaften und andere Arbeitervertretungen, die stören könnten, wird es nicht geben. Der letzte, der sowas noch gefördert haben könnte, war ja Nadschibullāh, den die Sowjets damals notgedrungen sich selbst überließen. Wenn die AfD hierzulande einmal an die Macht kommt, werden die die Gegend vielleicht auch für profitable Investitionen brauchbar finden. Ideologisch steht dem so ein bisschen ihre vorgebliche Islamophobie entgegen. Aber eine gemeinsame Idee, das Ideal einer Volksgemeinschaft ohne Klassenkampf, ist ein guter Anknüpfungspunkt.

Die Landwirtschaft wird auch blühen. Dann exportiert diese nicht mehr nur Mohnprodukte. Vielleicht gibt’s noch ein paar gestrige Taliban-Typen, die mehr auf Subsistenz und so stehen, aber die werden sich nicht durchsetzen. Bodenschätze sind in Mengen da, einige aktuell sehr gefragte dabei. Lithium für potente E-Akkus aller Art z.B., vielleicht das neue Coltan, wenn es nach Elon Musk geht.

Wie in anderen Entwicklungsgebieten dieser Welt, werden die Machthaber sich entscheiden müssen, ob sie diese Ressourcen einfach teuer verhökern oder eine diese verarbeitende Industrie aufbauen wollen. Was hat das alles mit „Steinzeit“ zu tun?

Kürzlich sorgte das Bundesverfassungsgericht dafür, dass der ÖRR eine etwas höhere Monatsgebühr von uns allen einfordern darf. Ist okay, zahle ich eigentlich ohne Murren. Aber leider sehe ich, dass nicht nur die zum Glück von mir nicht alimentierte BILD die Taliban und den Islam in die Steinzeit rechnet, sondern auch z.B. das extra3-Magazin vom NDR. In deren Mediathek wird freudig ein Song präsentiert, in dem die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan als Rückfall in die Steinzeit dargestellt werden. Ein Highlight politisch-journalistischer Analyse. Und ein schönes Beispiel, das man in Diskussionen darum, was Satire ist, anführen kann.

Zurückbomben mit B-52 oder Zurückschießen mit AK-47 - die Dummheit vor der Geschichte höret nimmer auf.

17:44 26.08.2021
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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