Mit Valerie June in der Arena

Tennessee in Thüringen Für ein paar berührende Songs muss man so einiges in Kauf nehmen
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Mit Valerie June in der Arena
Die Sängerin Valerie June
Foto: Rick Diamond/Getty Images for Americana Music

Großheringen ist ein Bahnhof, von dem man sagen könnte, kennste den, kennste alle Krähwinkelbahnhöfe dieser Welt, egal, ob sie in Usbekistan, Masuren, Andalusien oder Tennessee liegen. Der Schaffner im Regionalzug von Jena-Paradies klärt mich gründlich auf, wie ich mich beim Umsteigen verhalten sollte, um zu überleben: Nach dem vorletzten Halt in Camburg im Zug bis an sein Ende durchlaufen, denn in Großheringen sei Eile geboten. Nur 4 min Zeit, um vom Gleis 5 zum Gleis 1 zu hasten. Heute allerdings hätte der Anschlusszug 12 min Verspätung, was also nicht ganz soviel Eile nötig machen würde. Aaaber, wenn das Unwetter, das in diesem Moment in Jena niedergehen würde, inzwischen in Großheringen angekommen wäre, wäre es ratsam, noch nicht gleich auf Bahnsteig 1 raus zu gehen, sondern in der Unterführung zu bleiben, bis der Zug einfährt. Allerdings, wenn das Unwetter über alle Maßen heftig werden würde, bestünde die Gefahr, dass die Unterführung voll Wasser laufen könnte...

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So eingestimmt, springe ich in Großheringen aus dem hier endenden Zug, strebe der Unterführung zu, durchquere diese, die mich frappierend an die „Zone“ in Tarkowskis „Stalker“ erinnert und gelange am Gleis 1 wieder an die Erdoberfläche. In diesem Moment bricht das prophezeite Unwetter los. Mich bringen aber keine 100 l pro qm mehr zurück unter die Großheringer Erde. Zum Glück gibt es eine Art Unterstand, der das Schlimmste abhält.

Ich bin auf dem nächtlichen Nachhauseweg. Hab das alles nur wegen Miss Valerie June aus dem bereits erwähnten Bundesstaat Tennessee, die am frühen Abend dieses heiß-schwülen Tags mitten im netten Jena des Jahres 2017 auf dem Platz hinter dem Schnürboden des hiesigen Stadttheaters ein Konzert gab, auf mich genommen.

19 Uhr Einlass, 20 Uhr pünktlich Beginn – nach MESZ. Da lässt der Sonnenuntergang noch lange auf sich warten. Die Atmosphäre ist deshalb wie bei einem dieser Konzert- oder Discoabende meiner Teenie-Zeit, die extra für Nichtvolljährige am frühen Abend veranstaltet wurden. Es sind aber nicht nur die frühe Tageszeit und das grelle Mittsommerabendlicht, sondern auch die arena-artig gestaffelten Sitzreihen im Halbkreis und die brave Bestuhlung in front of the Bühne, die einen zweifeln lassen, ob sich hier eine wilde life-Atmosphäre einstellen kann. Die „Kultur-Arena Jena“, so nennen das hier die kommunalen Veranstalter, wirkt eher wie das Setting im Circus Maximus, wo der distanzierte Populus nach den Darbietungen der Gladiatoren die Daumen heben oder senken darf.

Valerie June scheint dieses Genius Loci wegen nicht ganz souverän, denn sie beginnt befangen, stimmwackelig, textunsicher. Irgendwie rührend.

Im Publikum sind jede Menge äußerst attraktive Damen sehr unterschiedlichen Alters, teils mit Partnern, teils mit Freundinnen resp. Partnerinnen, teils mit (viel zu) kleinen Kindern. Frau trägt Becher mit orangenen Flüssigkeiten, die verdächtig nach Aperol Spritz aussehen, in Händen. Viele olle Knacker - wie ich - und auch einige noch ollere Knacker - wie ich noch nicht -, stehen herum, nee, sitzen auf den Bänken. Aha, deswegen ist bestuhlt worden. Ich stehe. Ich stehe seit Jahrzehnten bei derartigen Konzerten und habe immer noch nicht vor, mit dem Sitzen anzufangen. Mein Rücken hat dafür bis auf weiteres volles Verständnis.

Es sind aber durchaus einige jüngere Menschen im Publikum. Wäre ja auch seltsam, schließlich ist die Performerin auch noch nicht so viel über Dreißig. Man sieht also ein paar Mittdreißiger, die auch stehen, und zwar demonstrativ. Eigentlich stehen sie nicht sondern grooven, und zwar demonstrativ. Die mit ihren zu Dutts gebundenen (nur die Männer) langen Haaren und Bärten (auch nur die Männer) und langen offenen Haaren (nur die Frauen) ganz genauso aussehen, wie sie allesamt mit 20 ausgesehen haben werden. Und sie haben vom ersten Ton an dieses, Pardon, entsetzlich blöde beseelte Grinsen im Gesicht, als wären sie des Messias ansichtig. Es muss nicht erwähnt werden, dass sie nach jedem Song, auch nach den ersten beiden mehr oder weniger vergeigten Warm-up-Songs, so begeistert "Huh" schreien, als hätten sie eben die Reinkarnation des Pop erlebt.

Valeries Anfangsverlegenheit scheinen sie gar nicht zu bemerken. Natürlich kennen sie alle Texte und singen sie auch noch mit (nur die Männer). Der Rest des Jenenser Mittelschicht-Publikums sitzt freundlich-aufgeschlossen auf den Bänken, brav und beiläufig Beifall klatschend. Und schwatzt ansonsten über dies und das, was so anliegt. Ist eben ’ne Party. Einziger Unterschied zum üblichen partymäßigen Chillen&Chatten: Die orangefarbenen Saisongetränke gibt’s hier nicht in Gläsern sondern 2-Euro-Pfand-Plastikbechern.

Das zweite Set bsteht aus Solo-Songs der Sängerin. Sie singt ihre manchmal zum Heulen schönen Lieder zur Gitarre oder Banjo, teils von ihrem Bassisten mit ’ner Gretsch begleitet. Jetzt ist sie ganz bei sich, die manchmal quäkige Stimme bekommt Fülle und Inbrunst. Das Publikum, bis auf die 5 verzückten Ausnahmen, guckt freundlich und schwatzt. Valerie singt trotzdem. Zischendurch höfliche Statements. Die Stadt ist "nice", das Publikum "lovely". Dann ist sie wieder weg, weil ganz bei sich.

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Nach 45 Minuten plötzlich Verbeugung und Abgang. Das Publikum unterbricht verdattert seine Partygespräche und ist verhalten empört. Ohne großes Zugabegeklatsche kommt die Band nebst Sängerin aber gleich nochmal zurück und spielt das übliche geplante Bonus-Set. Valerie ist jetzt gut gelaunt, albert rum und erreicht nun doch noch ein paar Leute, denen vielleicht durch den Break bewusst geworden ist, dass sie eine Chance verpasst haben.

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Erstaunlich und so elementar, diese Songs einer Schwarzen, die aus weißem Hillbilly-Stoff bestehen, die auch in den stillsten Momenten derart von Rhythmus durchsetzt sind, dass man nicht nur hört und sieht, sondern direkt körperlich spürt. Und der mitunter geradezu psychedelische Sound.

Mich nervt diese Konzert-Situation immer mehr, die man heute oft antrifft. Nix mit wild und so. Aber ich werde wieder hingehen. Ich weiß nicht, wo ich sonst diese Momente der Berührung erleben kann.

Und dann wird ist es auch wieder egal sein, ob ich nachts in Großheringen/Thüringen oder in Tullahoma/Tennessee auf einen Zug warte.

Valerie June:

Pushin' Against a Stone, 2013

The Order of Time, 2017

15:33 24.07.2017
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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