Nicht spülmaschinenfest

Zwei Schicksale Haben etwa auch Tassen eine Seele?
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"Der Gegenstand ist jetzt über dem Tisch, er erscheint stehend, ruhig, aber in seinem Wesen, seinem tiefsten Triebe nach ist er bewegt, überall, nur nicht für den Gebrauch, aber dennoch so erscheinend, er sinkt nieder, fällt als Müll, steigt auf in die Erhabenheit der Kunst. Er erscheint noch immer ganz in Ruhe, wir schauen ihn an, greifen, haben ihn in unseren Händen. Aber nicht in unserer Macht." (*)

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Nach €-Maßstäben waren es Cent-Artikel, die beiden Porzellantassen, die sie und er an einem Augusttag in den Neunzigern in einem Kramladen in Mikołajki kauften. Ihr gefielen die Farben, ihm gefiel die Form. In ihrer Hütte, zurück von der Radtour auf sandigen masurischen Waldwegen, brühten sie sich darin einen fetten Kaffee auf. So hielten sie es dann an jedem Urlaubstag. Die blaue Tasse wählte sie, die grüne ihn als Bezugsperson, und so blieb es auch nach der Rückkehr in den Alltag. Keine der beiden Tassen ist jemals fremdgegangen, aber jeden Morgen landeten sie nach dem Frühstückskaffee nebeneinander im Geschirrspüler.

Bald danach trennten sich die Wege der blauen und der grünen Tasse, was schmerzlich für sie gewesen sein mag; kein gemeinsames Duschen mehr in der Spülmaschine, vorbei das traute Kuscheln im Küchenschrank.

Die Grüne wurde fürderhin von ihm mit den Händen gebadet wie ein Baby, die Blaue durfte sich mit täglich wechselnden Nachbarn weiterhin maschinell spülen lassen.

Die Trennung währte ein paar Jahre und endete kürzlich. Eine Tasse, die, obwohl unbeschädigt, im Abfalleimer landet, muss sich von ihrer Bezugsperson verraten fühlen. Ein Glück für die Blaue, dass er vorbei kam und sie mit zu sich nahm.

Das Wiedersehen war ein Schock. Die Grüne, sanft und schonend von sensiblen Händen behandelt, glänzt und funkelt wie eh und je, die Blaue, jahrelang traktiert mit Phosphaten, Tensiden und Bleichmitteln, angeschubbert von distanzlosen ‚dishwasher-safe cups and mugs’, sieht matt und vergraut aus, stonewashed. Nur die Figur hat nicht gelitten.

Doch glücklich wieder beisammen werden aus den beiden Tassen Kaffee, Kakao, grüner und schwarzer Tee, Aufgüsse von Rosmarin, Salbei, Minze oder Jasmin getrunken werden, bis eine davon zerbricht. Hin und wieder, wenn er zum Frühstück nicht allein ist, darf die, die gerade da ist, wählen zwischen der matten Blauen und der glänzend Grünen. Die meisten wählen glänzend grün, die, die matt blau wählen, bleiben länger.

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Wenn es beim Frühstück noch genauso gut läuft wie am Abend vorher, erzähle ich gern die Geschichte der Tassen, aus denen wir trinken. „Lubiana. Made in Poland“ – Eine sozialistische Porzellan-Firma, die es längst nicht mehr gibt, mutmaße ich dann. Die Geschirr produzierte für eine noch spülmaschinenfreie Welt. Die Pleite machte, als das EU-Zeug kam.

Irrtum! -Lubiana S.A., als staatliches Unternehmen gegründet 1969, privatisiert 1995, exportiert heute nach ganz Westeuropa und Nordamerika, stattet Hotels aus, beschäftigt 1341 Leute, und möchte „a company where values such as warmth, mutual assistance and harmony are cultivated“ sein und wünscht uns:„May meals consumed in our china-ware soothe strains, bear friendship and restore cheerfulness“!

Das mit friendship und cheerfulness scheint tatsächlich gelegentlich zu klappen, auch wenn es für die Gefühle keine Haltbarkeitsgarantie gibt. Wenn es beginnt langweilig oder gar lieblos zu werden, müssen vielleicht nur neue Tassen her?!


Oh, nein, sagt da eine, die schon öfter da war, und vielleicht bald wieder kommt. Kennst du das Tassengleichnis von Kühne? - Kühne wie Kühne & Nagel? - Blödmann, Lothar Kühne, der Philosoph!

"Ein Mann braucht ein Trinkgefäß und kauft bei einem versierten Tassenmacher eine gut geformte und haltbare Tasse. Sehr lange Zeit hat der Mann seine Freude an ihr, dann geht sie wegen Unachtsamkeit zu Bruch. Also marschiert der Mann wieder zu dem Tassenmacher. Der steht kurz vor der Pleite, weil er zu wenige Tassen verkauft, einfach, weil die Dinger zu gut sind und zu lange halten. Er macht dem Mann, seinem Kunden, nun eine Tasse, die genauso aussieht wie die erste, aber aus schlechterem Material und nachlässiger gefertigt ist. Der Kunde ist es zufrieden, wundert sich aber, dass diese Tasse schon nach kurzem Gebrauch zerbricht. Der Hersteller sieht erfreut den Mann bald wieder in seinem Geschäft. Als aber die dritte Tasse ebenfalls schnell entzwei geht, läuft der Mann diesmal am Laden des Tassenmachers vorbei und geht zu einem anderen. Der Hersteller denkt fieberhaft darüber nach, wie er den Kunden zurückgewinnen kann, ohne seinen Umsatz durch zu gute Haltbarkeit der Produkte zu schmälern. Auf dem Weg zurück von dem anderen Tassenmacher nach Hause lacht den Mann aus dem Schaufenster des ersten Tassenmachers eine wunderschöne, zierliche, fein ornamentierte Tasse an, die er spontan kauft. Zu Hause trinkt er aus der einen und betrachtet entzückt die andere Tasse.

Und so kam es, dass der Mann nun oft die Wege ging, denn die Trinktassen zerbrachen, die Schautassen wurden langweilig. Sein Zimmer, bisher ausgestattet mit einem Stuhl und einem Tisch, wurde aufgemöbelt mit Abfalleimer und Glasvitrine." (**)

Und was soll mir das nun sagen? – Es soll dich warnen zu glauben, du könntest dir mit einer Tasse Gefühle kaufen. – Ach so, die Warenästhetik, klar doch. Diese beiden Tassen aber habe ich gekauft und dann aus dem warenästhetischen Teufelskreis von Vermüllung, Bekunstung und Fremdemotionalisierung herausgenommen. Sie sind mit allen Sinnen gebraucht und verändert worden. Dabei habe ich mich auch selbst ein bisschen verändert. Und eben hast du aus der Blauen getrunken. Das geht nicht spurlos an ihr vorüber, und mir gehen deine gekräuselten Lippen am Tassenrand auch nicht mehr aus dem Sinn. – Und deshalb kannst du sie nicht wegwerfen! Na, gut, ich gönne dir dein kleines Utopia. Der Kühne nennt das ‚Behutsamkeit’, sein Begriff für ein kommunistisches Verhältnis zu den Gebrauchsdingen.

"Behutsamkeit ist nicht individuelle Versunkenheit in die Gegenständlichkeit. Die Menschen können erst dann die Gegenstände frei in ihr Leben einbeziehen wenn sie aus der Gebanntheit durch Gegenständliches gelöst sind. (...) Freies Verhalten zu ihren Gegenständen können die Menschen nur durch die freie Assoziation bilden. Das erfordert Kampf, der nicht wesenhaft um den neuen Gegenstand, sondern um die neue Gesellschaft geführt werden muss." (*)

Was soll das nun wieder heißen?! – Es geht nicht um’s Design, sondern die Freiheit zum Gebrauch! - Du bist echt anstrengend...

(*) Die Zitate stammen aus: Lothar Kühne, Gegenstand und Raum, Dresden 1981

(**) Das 'Tassengleichnis' ist in stark geraffter Form wiedergegeben.

Zu den Lieblingstassen von Maike Hank und anderen hier entlang...

21:12 09.02.2011
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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