Onkel Ho aus Ha-Neu

Ordnung und Utopie Was ist Gestalten? Formen für Funktionen finden? Oder Funktionen kritisieren, neu bestimmen und in Form bringen? Zum Lebenswerk des Designtheoretikers Horst Oehlke
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So hat er sich mit einem verschmitzten Lächeln immer vorgestellt, besonders gern den Kindern von Freunden und Kollegen und später auch seiner Schüler. Onkel Horst aus Halle-Neustadt, wo er eine winzige Plattenbauwohnung (kaum über 20 qm) als Zweitwohnsitz innehatte. Eigentlich war der gebürtige Vogtländer ein überzeugter (Ost-)Berliner. Die Wohnung in Schöneweide, die er mit Ehefrau und zwei Töchtern bewohnte, war auch nicht viel größer, aber mit Hilfe einer Unmenge von Ideen und viel handwerklichem Geschick, das den Schreinern, die die Inneneinrichtung von Segelbootkajüten herstellen, alle Ehre genmacht hätte, so ausgestattet, dass wirklich jeder Winkel optimal ausgenutzt war. Wenn man diese Wohnung gesehen hatte, konnte man sich auch gut ein Bild davon machen, wes Geistes Kind der Designer und Designtheoretiker Horst Oehlke war: kein Stylist, sondern ein natural born Funktionalist.

Der selbst gegebene Spitzname war natürlich eine Anspielung auf Ho Chi Minh aus Hanoi in Vietnam, einem Land, das Horst Oehlke oft besucht hatte. Er pflegte die Partnerbeziehungen mit vietnamesischen Designern und zu einer nordvietnamesischen Kunsthochschule. Das war Dienstauftrag und Herzensangelegenheit. Er hatte eine Neigung zur ostasiatischen Philosophie und Lebensanschauung. Jedes Jahr erhielten Freunde und Kollegen eine Neujahrskarte zum Jahr der Ratte, der Schlange oder des Affen, was gerade im chinesisch-uigurischen Kalender angesagt war. Der Holzschnitt mit dem jeweiligen putzigen Tier war selbst angefertigt.


Horst Oehlke ist in seinem Berufsleben als Designer einen für diese Profession im 20. Jahrhundert exemplarischen Weg gegangen. Er absolvierte Anfang der 1950er Jahre als künstlerisch begabter junger Mann ein werkkünstlerisches Studium, arbeitete dann als Textilgestalter. Von 1957-61 gehörte er zu der ersten Generation der Industrial Design-Studenten in der DDR, die unter dem Eindruck des Ulmer Funktionalismus an die Gestaltung einer technisch bestimmten Lebensumwelt gingen.

Die von ihm empfundene Notwendigkeit, das Berufsbild des Designers ständig in Frage zu stellen, brachte ihn zur Designtheorie.

Er kann als der Begründer dieser Disziplin in der DDR gelten. Als Autor designtheoretischer Publikationen erwarb er sich einen guten Ruf in vielen europäischen Ländern. Als Hochschullehrer führte er das Lehrfach Designtheorie ein und gründete die Forschungsabteilung Theorie und Methodik an der Burg in Halle. Die von ihm eröffnete und bis 1996 organisierte Reihe der designwissenschaftlichen Kolloquia an der Hochschule für industrielle Formgestaltung, später Hochschule für Kunst und Design, heute Kunsthochschule Halle war eine Institution in der DDR-Designszene und fand ebenso in der Bundesrepublik Beachtung.

Daran, dass die ehemalige Kunstgewerbeschule Giebichenstein zu einer modernen Hochschule für industrielle Formgestaltung, so ihr Name von 1958 bis 1989, wurde, hatte er einen entscheidenden Anteil. Die Hochschule für Kunst und Design, wie sie von 1989 bis 2009 hieß, hat er noch einige Jahre mitgeprägt.

Am 7. November 2011 wäre er achtzig Jahre alt geworden.

Mit der kürzlichen Umbenennung der BURG in eine Kunsthochschule (ohne Erwähnung des Designs in ihrem Namen), mit der sich diejenigen durchsetzten, für die die Gestaltung der praktischen Lebensumwelt nichts weiter ist als Kunst, die sich nützlich macht, wäre er nicht einverstanden gewesen. Für ihn hatte Gestaltung nichts mit Bekunstung zu tun, sondern war einfach der Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen.

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Ordnung als Utopie - die Unsicherheit überwinden, die Angst vor dem Unbekannten, vor den überall lauernden Gefahren beherrschen, Wege durch den Dschungel der ungeordneten Welt definieren, das Fremde sich aneignen. Der Gestalter dabei als praktischer Aufklärer.

Aufklärung ist hier nicht nur zu verstehen als Hilfe zur Überwindung der der Unwissenheit geschuldeten Unmündigkeit, sondern auch als Erkundung und Eroberung des Geländes, des Raums. Ja, des Raums, denn aufklärerisch-emanzipative praktische Gestaltung ist nicht in erster Linie das Handhabbar- oder gar nur Erkennbarmachen der einzelnen Dinge im Lebensraum. Noch weniger ist sie ein Beschriften dieser Dinge mit was auch immer für Erzählungen. Sie ist ein In-Beziehung-setzen der Einzeldinge mit dem Sinn ihrer Minimierung und dem Ziel des Raum- und damit des Freiheitsgewinns. Und Freiheitsgewinn heißt Gewinn an Denkzeit, Handlungsmöglichkeiten und Muße zum Genuss.

Ein Irrtum drohte, dem viele unterlagen: Ordnung zu denken als endgültig festzulegendes System, damit wieder etwas zu setzen, was nicht begriffen und angeeignet, sondern hingenommen werden muss. Was nicht Material und Ausgangspunkt für Entwicklung sein darf, dessen Infragestellung als Verunsicherung verstanden wird.

Das bot Angriffsflächen für die selbsternannten Verteidiger des Individuellen gegen das Gemeinschaftliche, des Gefühls gegen das Vernünftige, der Spontanität gegen das Geplante, die mit diesen platten Dichotomien in Wahrheit nichts im Sinn haben, als Emanzipation und Befreiung der Menschen durch die freie Aneignung und Beherrschung ihrer Lebensbedingungen zu verhindern.

Gestaltung wird begriffen als Ordnung für den Moment, als Ordnung bis auf weiteres. Über den Moment hinaus muss die Ordnung transformiert, aufgelöst, wenn nötig zerstört werden, um die Möglichkeit der Neuordnung zu schaffen. Und die entsprechend verstandene Theorie der Gestaltung ist die Frage nach den Ordnungsgesetzen und der Versuch, Mittel und Methoden für die praktische Herstellung von Ordnung zu entwickeln. Das Kriterium dieser Ordnung sind nicht die technischen, logistischen und auch nicht die abstrakt-ästhetischen Aspekte der Dinge, sondern die Humanität des Gebrauchs.

Gestaltung einfach nur zu begreifen als künstlerische Verschönerung des von anderen Akteuren nach nichtkünstlerischen Kriterien vordefinierten Praktischen, vergibt dem Gestalter die Chance, die Struktur, die Funktion und die Gestalt der Dinge als integralen Zusammenhang zu begreifen, der erst die humane Qualität der artifiziellen Welt ausmacht bzw. ausmachen kann. So lässt er sich zum bloßen Stylisten erniedrigen.

Die Interpretation der Funktion und die konstruktive Festlegung der Struktur leisten in der arbeitsteilig organisierten und von bestimmten Interessen gesteuerten Welt des (post-)industriellen Kapitalismus die Techniker. Ihre Kriterien sind technische. Die Ziele und Motive der Produktion praktischer Gegenstände legen Ökonomen nach gänzlich unpraktischen Kriterien fest, denn ihr Auftrag ist ein rein ökonomischer. Wer artikuliert die Bedürfnisse der Menschen nach der Erfüllung ihrer praktischer Zwecke, nach Genuss, nach dem erfüllenden Erleben der eigenen Körperlichkeit und Geistigkeit?

Die werden als Kaufmotiv durchaus ernst genommen, aber billiger und effektiver nach den Kriterien der Mehrwertschöpfung ist es und wird deshalb so praktiziert, diese Bedürfnisse nur illusionär zu befriedigen, den Eindruck zu erzeugen, der Kaufakt, nicht der Gebrauch wäre der entscheidende Vorgang, das Haben, nicht das Benutzen wäre der eigentliche Genuss. Der Gestalter sieht sich mit dem Ansinnen konfrontiert, die Zeichen und Symbole der Verlockung durch Illusionen an die Dinge zu legen. Dazu reicht es, der Stylist zu sein, und stört es nachgerade, mehr zu wollen.

Die Humanität der Dinge besteht aber darin, realer Bedürfnisbefriedigung dienen zu können. Dazu wiederum muss ihre Funktionalität analysiert, kritisiert und neu festgelegt, ihre Struktur entsprechend geplant und dieser Zusammenhang in einer adäquaten Gestalt zur Erscheinung gebracht werden. Dies, und nicht nur ihr Styling, als originäre Aufgabe des Gestalters aufzufassen – darin bestand das Konzept der Formgestaltergeneration Horst Oehlkes, die das Bauhaus bewunderte, und im Geiste der HfG Ulm lernte, lehrte und arbeitete. Sie nannten es die Verwissenschaftlichung des Designs.

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Auf den ersten Blick scheint es, als sei dieses geradezu manische Theoretisieren lustfeindlich, verkopft, und die stylischen Inszenierungen derjenigen, die die verheißungsvollsten Geschichten auf die Kuhhaut der Produkte projizieren, dagegen eine Hommage an die Emotionalität, eine Feier des Genusses. Die Traumfabriken des stylistischen Designs spucken aber nichts als leere Versprechen aus, die nicht eingelöst werden, die nicht eingelöst werden können, und vor allem, die nicht eingelöst werden sollen. Denn der beste Kunde ist der unbefriedigte, das erwünschte Konsumverhalten die Waren-Nymphomanie oder -Satyriasis.

Seine Studenten nannten ihn ‚den Ö’. In einer Umfrage der Studentenzeitung Forum wurde er von ihnen 1986 zum beliebtesten Hochschullehrer der DDR gewählt. Im Oktober 2010 ist Horst Oehlke gestorben. Die Trauerfeier in einer kleinen Dorfkirche in Berlin-Kaulsdorf war das letzte Beisammensein eines gar nicht so kleinen Kreises befreundeter Designerinnen und Designer, die sich in ihrem Alltag mit ihren Jobs mal mehr, mal weniger erfolgreich durchschlagen, mit ihrem Lehrer, Mentor und Freund, dem sie zu verdanken haben, dafür nicht so schlecht gerüstet zu sein.

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Foto: Eva Mahn, 1996

11:43 12.11.2011
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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