Percy und der Backdoor Man

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Sommerferien sind die Zeit der Wiederholungen, alte Tatorte u. dgl. m. Deshalb und weil es einen weiteren Anlass gibt, republiziere ich hier zwei alte Texte, die mein nick-Vorgänger meisterfalk im Jahr 1 der Freitag-Community erst publiziert und dann depubliziert hatte.

PS: Genauer gesagt, es ist eine Collage aus Teilen beider Texte.

Backdoor Man

https://lh5.googleusercontent.com/-BwL7YTy6dmM/TjjlHvh-gnI/AAAAAAAABT8/pcRsHUfjGYo/s800/h025qs0.jpg

Ich hocke in der Ferkeltaxe, offiziell Triebwagen geheißen. Das klingt noch ein wenig wie Motorkutsche. In der Nordost-Uckermark gehen die Uhren langsamer. Der Triebwagen ist eine Dieselmotorkutsche auf Schienen, ein Schienenbus. Trieb-Wagen, welch schönes Wort. Ich weiß das aber noch nicht recht zu schätzen. Meine Triebe richten sich auf nicht viel mehr als Matchboxautos und Kokoseis.

Weiter vorn, gleich hinterm Schienenbusfahrer, sitzen zwei ältere Damen, zu deren langer Lebenserfahrung auch die vielfältigen Praktiken der Triebunterdrückung gehören. Zwei Bänke hinter mir lümmelt ein Bursche, der fest entschlossen ist, in seinem Leben möglichst wenig Triebverzicht zu üben.

Ich bin schon groß und darf deshalb ganz alleine mit dem Sieheoben in das 8 km entfernte Ackerbürgerstädtchen B. fahren. Zwei Bäcker, ein Fleischer, eine Apotheke, ein Schuhgeschäft, ein Gemischtwarenladen - ich bin im Auftrage der Mama unterwegs.

Der Knabe hinter mir hat eine Kofferheule in Gebrauch. Gut hörbar ertönt Beatmusik in Mittelwellenqualität. Der Kopf des Jungen wippt in vertikaler Richtung, leidlich im Takt. Ich wippe innerlich mit, mehr traue ich mich noch nicht.

Die Beatles und die Lords sind auch mir nicht mehr unbekannt, aber was jetzt plötzlich losgeht, ist unerhört. Gitarrenriffs wie Beilschläge, ein Wummerbass springt bei, dann schreit eine Kastratenstimme Juuh niet kuh ling beebie oder sowas und erst nach einer endlosen halben Minute donnert ein Schlagzeug los. Ich schiele ängstlich-neugierig zu den Frauen, die haben ihren Schwatz abgebrochen und gucken schwer empört. Es wird ihnen nichts geschenkt. Die Stromgitarre klingt stellenweise wie die Dorfsirene mittwochs um eins. Dann beginnt eine elektrische Kakophonie, in die der „Sänger“ sich steigernde obszöne Laute hineinkreischt. Das Ganze kulminiert in einem akustischen Orgasmus („Laaaaaaaaaaff...“), den als solchen zu erkennen ich noch nicht in der Lage bin.

Die beiden Damen bewegen ihre Köpfe ruckartig in horizontaler Richtung hin und her, also, also, das ist doch... Der Triebwagen hält passenderweise, die Frauen können entfliehen. Ich glaube nicht, dass sie etwas vom Text verstanden haben. Way down inside / honey you need it oder I'm gonna give ya every inch of my love... Im Gegensatz zu mir war ihnen aber sofort klar, worum es in dem Song geht, wahrscheinlich sogar besser als dem Burschen mit dem Kofferradio.

So geschehen im Jahre 1970 nach der Niederkunft Unserer Lieben Frau in einem Triebwagen der Deutschen Reichsbahn.

Jahrzehnte später - der Mann, der bei 00:33 min des Led Zeppelin Songs Whole Lotta Love anfängt, die Felle zu prügeln, ist längst tot, und die Schienen der Prenzlauer Kreisbahnen sind via Stahlwerk als Leopard-Panzer reinkarniert, da machen der (ehemals) orgiastische Sänger und seine Kumpel, ob tot oder lebendig, immer noch gelegentlich Schlagzeilen.

Bei der renommierten Rockkritik hatte Led Zeppelin nie einen guten Ruf. Das deutsche Super-Rocklexikon (Graves/Schmidt-Joos) glaubt auch in seiner letzten Ausgabe noch, „beschränkte Kreativität“ feststellen zu müssen. Der „gute Journalismus“ ist sich in seiner Beurteilung bis heute sicher. Am Vorabend des sogenannten Reunion-Konzerts vom Dezember 2007, das eigentlich eine praktische Ehrung des verstorbenen Ahmet Ertegün, dem Gründer des Blackmusic-Labels Atlantic Records, war, schrieb die taz mal wieder über den prollig-kitschigen und schwer sexistischen Rockismus. Der Hauptvorwurf ist aber eigentlich wie immer an dieser Stelle das Fehlen der Götterspeise des postmodernen Bildungsbürgers: Ironie. „Ihr harter Rock funktioniert heute bloß als Parodie – denn wer feiert heute noch den Schwanz als Zentrum des Universums?“

Besonders angetan hatte es Musikredakteur Tobias Rapp die Zeile aus Whole Lotta Love I wanna be your backdoor man, worunter er sich nur das vorstellen konnte, was in jüngerer Zeit der HipHopper Sido in seinem Arschfick-Song meint (der ist natürlich voll ironisch). Na, die Kommentatoren haben dem Herrn Rapp aber den Kopf gewaschen, ‚backdoor man’ sei eine alte Bluesfigur, der Liebhaber, der durch die Hintertür schleicht (vom backyard her), sobald der Ehemann vorne raus ist, usw. Einer zitiert den Bluessong einer Frau (!) aus den 1950er Jahren: "Cause I'm a slow rollin' mama / And I need a big long rollin' pin / To get it ready and just right / For my red hot oven..." (LaVern Baker, war vor Led Zeppelin bei Atlantic Records).

Dass es auch im Pop-Bereich Musik gibt, die mehr ist als Attitüde, subkulturelle Symbolik oder was immer für ein selbstreferentielles Dekonstruktionspipapo, nämlich einfach Musik, die nicht erst im Gehirn sortiert wird, sondern gleich in den Magen fährt oder auch an andere Körperstellen, das scheint ein völlig uninteressantes Phänomen zu sein.

Percy und der Prinz


https://lh6.googleusercontent.com/-L6ZKm2N-vOA/TjjkNQg4f-I/AAAAAAAABTw/aBBogZ83mgw/s800/robert-plant-prince-charles-2009-7-10-7-10-6.jpg

Der Prinz steht wahrscheinlich auf einem Podest, sonst würde er den 1,85-Meter-Typen vor sich nicht derart überragen. Dieser Kerl, ein ‚alter Mann’, sagen viele, denn tatsächlich ist er nun in einem Alter, wo es deutlich mehr jüngere als ältere Mitmenschen gibt, dieser alte Mann also steht da vor seinem Prinzen - die Queen vergibt nur wirklich hochwertige Orden - und empfängt aus dessen Händen den Commander Of The Order Of The British Empire. Den Orden gibt es in diversen Stufen. Jimmy Page, Eric Clapton, sogar Rod Steward und ne Menge andere britische Rockstars haben ihn. Zu den ersten zählten 1965 die Beatles. Drei Jahre später gab John Lennon seinen zurück, „aus Protest gegen Großbritanniens Beteiligung im Nigeria-Biafra-Krieg und wegen der britischen Unterstützung der USA in Vietnam, und weil mein Song ‚Cold Turkey’ die Charts hinunter rutscht.“

Unser alter Knabe nimmt ihn jedoch erstmal entgegen. Er guckt den Prinzen recht freundlich, um nicht zu sagen untertänigst an. Ein schicklicher dunkelblauer Anzug, sieht aus wie extra gekauft, bisschen Geklimper, echt Silber, und, ja, man muss es so sagen, zottige Haare, keltisch rotblond (getönt?), Kinnbart, buschige Augenbrauen, etwas Doppelkinn.

Mr Robert Plant, nick name Percy, der Counter-Tenor des Rock, 62 Jahre alt, einst ein göttlicher Bluessängerknabe, jetzt ein alter Haudegen der Weltpopularmusik, der es sich zur Ehre anrechnet, wenn ihm arabische Musiker, die hier keiner kennt, freundlich auf die Schulter klopfen.

Natürlich stürzen sich die Journalisten auf so einen, wenn die Zeremonie vorbei ist. Und was fragen sie? Kann man sich ja denken: 1. Darf man das als wilder Rock’n’Roller, einen Orden vom Establishment annehmen? 2. Wann gibt es die Led-Zeppelin-Reunion-Tour? – Antwort zu 1.): Jimmy hat ihn ja auch. Antwort zu 2.): Auf dem Ohr bin ich taub.


Meine Anerkennung, Percy! Du hast Charakter! Bestimmt gibt es außer mir noch ein paar (wenige) Led-Zeppelin- und Robert-Plant-Fans, denen der Gedanke an so eine gigantomanische Nostalgie-Welttournee Pickel wachsen lässt. Allerdings, dieses eine Konzert im Dezember 2007 in London zum Gedenken an Ahmet Ertegün, den Gründer von Atlantic Records, das war schon ein innerer Vorbeimarsch zu sehen, wie Ihr da abgeräumt habt, entgegen der üblichen Unkerei all der hippen oder saturierten Feuilletonisten, ihr wäret auch nichts weiter als Altesack-Schweinerocker, die für Geld jede Peinlichkeit verbrechen, die sich denken lässt. Auf Ozzy Osbourne mag das zutreffen. Zwei Stunden glasklarer und glasharter Electricblues, dass die Leute wie im Dschumm vor Begeisterung aus der Halle taumelten und der versammelte britische Popadel anerkennend mit dem Kopf wackelte.

Jimmy, John Paul und Jason waren anschließend so berauscht, dass sie gleich weitermachen wollten. Als Du nein sagtest, Du seiest mit Wichtigerem beschäftigt, hieß es gar, sie suchten einen anderen Sänger. Einen anderen Sänger?!!! Heiliger Strohsack! Wenn die das wirklich machen, sind sie für mich gestorben.

Aber weißte was, Percy? Macht doch folgendes: Jimmy und Du, ihr verkriecht Euch wie damals im Bron-Yr-Aur-Cottage, schreibt ein paar Songs, möglichst weit weg vom Zep-Sound (das kommt doch von selbst wieder durch, wenn Ihr zwei zusammen seid, siehe ‚Walking Into Clarksdale’), Blues, Folk, Tende von den Tuareg usw., das zeigt Ihr dann John Paul, damit er sich nicht wieder ausgeschlossen fühlt, der gibt seins dazu, dann raus mit dem Album, anschließend ne kleine Tour. Aber nennt es um Himmels Willen nicht ‚Led Zeppelin’, sonst kriegen meine Tochter und ich keine Karte ab.

Von der soll ich Dir einen schönen Gruß bestellen!


Bis demnächst mal, hoffe ich!


Tja, und dieses demnächst ist heute: Robert Plant mit Band in Berlin auf der Zitadelle Spandau, einziges Deutschland-Konzert! – Und deshalb muss ich jetzt los, die Mitfahrgelegenheit wartet nicht...


08:52 03.08.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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