Pöse, pöse!

Bücherkalender Goedzak wirft einen Blick in die Abgründe des Bösen und sieht nur Pressblech
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Pöse, pöse!

Foto: jokebird/photocase

Die Kritik am sogenannten Gutmenschen war mal eine Kritik an der Doppelmoral, am Lippenbekenntnis, am gefühligen Gesinnungskitsch. Der Gutmensch im ursprünglichen Sinne ist einer, der das, was er kritisieren, also zunächst mal analysieren müsste, kurzerhand ganz ohne Analyse und Kritik zu etwas pauschal "bösem" erklärt. Der so verstandene Gutmensch kämpft gegen das Böse, indem er gegen die Bösmenschen kämpft. Gegen die von ihm identifizierten Bösmenschen kämpft er, indem er Keulen schwingend auf sie losrennt. Dabei kommen ganz verschiedene Keulen zum Einsatz. Einige wenige seien aufgezählt: die Faschismus-, auch Nazi-Keule genannt, die Antisemitismus-Keule, die Rassismus-Keule, die Sexismus-Keule, die Verschwörungstheorie-Keule usw. Dieses Gebaren der Gutmenschen, dieser Furor gegenüber den zu Bösmenschen erklärten Gegnern, wird von denjenigen, die sich gegen solchen Tugendterror wehren, gern mal dadurch karikiert, dass das so gern von den Gutmenschen verwendete "böse" durch das Ersetzen des weichen "B" gegen das harte Aggro-„P" ersetzt wird. Ein "pöser, pöser" Nazi ist demnach kein echter Nazi, sondern ein von Gutmenschen verleumdeter Montagsfriedenskämpfer oder sächsischer Heger und Pfleger der christlich-abendländischen Kultur - nur mal als Beispiel.

Eine lustige Verballhornung, so scheint es. Doch es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Wort "pöse" um eine Wortschöpfung mit einem sehr, sehr ernsthaften etymologischen Hintergrund handelt. Das Wort "pöse" ist durch einige phonetisch-evolutionäre Wandlungen, Anlautverhärtung, Auslautverweichlichung, Diphtongverschliff usw. usf. aus dem Wort "ponerös" entstanden. (Beachte, lieber Leser, mit dem Adjektiv "porös" hat das zwar nicht nichts, aber doch nur sehr wenig zu tun!) Ja, und ponerös ist schlicht und einfach das Adjektiv zu "Poneros", dem altgriechischen Wort für das Böse. Womit sich ein Kreis schließt.

Dies als notwendige Vorrede zur nun folgenden Buchbesprechung.

Es geht um das neue Standardwerk der inter-//-nationalen Kämpfer gegen die „Reiche des Bösen“ (erst die Sowjetunion, jetzt die Vereinigten Staaten von Amerika): Politische Ponerologie von Andrzej Łobaczewski (1921-2007), einem polnischen Psychologen mit dem Spezialgebiet Psychopathologie.

Hier erfährt man, wie psychisch gesündere Populationen systematisch von krankhaften Individuen unterwandert und unter Kontrolle gebracht werden. Die normalen Bevölkerungsteile werden solange getreten, bis sie sich der neuen Dynamik fügen und komplementäre Störungen entwickeln. (...) Endlich verstand man, dass nicht Dämonen oder die Abkehr vom Glauben aus Menschen Monster macht, sondern andere Faktoren. Narzisstische oder psychopathische Persönlichkeiten fühlen und denken nicht wie der Rest von uns (...) Ihnen macht es nichts aus, anderen Menschen jedes Maß an Leid zuzufügen. Es handelt sich um hintertriebene Charaktere, die ihr wahres Ich hinter einer gewöhnlichen oder auch charismatischen Fassade verbergen können. (...) Es sind die verrückten Militäroffiziere, korrupte Politiker, Hochstapler, Haustyrannen, Anlegerbetrüger, Pädophile, Wunderheiler, Sektenführer, Heiratsschwindler, Online-Kriminelle, Terroristen, Gotteskrieger und fanatische Revoluzzer. (...) Bis zu fünf Prozent jeder Bevölkerung sind dem narzisstischen und psychopathischen Spektrum zuzuordenen, ganz egal welche Hautfarbe oder welcher Glaube.

(aus einer Fan-Rezension)

Die Politische Ponerologie hilft gegen die keulenschwingenden Gutmenschen, denn auch die sind das Poneröse bzw. das Pöse. (Wohlgemerk hier nicht als Verballhornung des Bösen, sondern als dessen Hypertrophierung zu verstehen!!!) Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass die meisten Gutmenschen nicht die Primär-, sondern die Sekundär-Ponerösen sind. Als solche aber stehen sie einem Sieg über die genetisch-biologisch defekten Pösen, die uns beherrschen, einfach nur im Wege! Diese Gutmenschen sind also die (sekundären oder gar primären) Bösmenschen, und die „Bösmenschen“, gegen die sie ihre Keulen schwingen, sind wir alle, die eigentlichen Gutmenschen! Soweit klar? Die Politische Ponerologie ist die Wunder-Waffe im End-Kampf zwischen den (leider nicht, wie Occupy träumte, 99, sondern) grob geschätzt 66% Guten gegen, grob geschätzt 28% Sekundär- und um die 6% Primär-Pösen.

Soweit zur Erläuterung und nun zur Textkritik.

Ich habe mich durch das Buch, weit über 200 Seiten – ja, so muss man es sagen - gequält. Kam mir dabei wie ein Sichtkontrolleur am Fließband vor. Die Sätze ruckelten schier endlos an mir vorüber. Sie ähnelten sich wie ein Stück Pressblech dem anderen. Wenn ich wenigstens in jeden ein Loch hätte stanzen können, aber nein, ich musste sie lesen! Eine Arbeit, die man nur gegen gute Bezahlung machen sollte. Ich hab's für Euch getan.

Es ist direkt verwunderlich, aber es hatte auch was Gutes. Was die dröge (und wenn ich dröge sage, dann meine ich dröge) Sprache nicht schafft, das bringt mir die Qual des Lesens: den unbändigen Hass auf "mutante Psychopathen", die sich sowas wie Fließbänder, Industrie, die ganze Moderne, Transatlantikkabel, Kommunismus, Homoehe und Säcke voller zwischen den Zähnen knirschender Sätze ausgedacht haben. Nieder mit ihnen! Sie müssen persönlich identifiziert und abgeschottet werden!!!

Ich weiß nicht, ob der Autor am Ende seines Lebens nochmal in einen Spiegel geguckt hat. Vielleicht hatte er gar keinen. Er war ja arm und verfolgt und alles. Aber falls doch, wird er kein Spiegelbild gesehen haben können! Denn es ist traurigerweise etwas mit ihm passiert, was den guten Helden beim Kampf gegen die Mächte des Bösen oft passiert ist. Er schnitzte den Holzpflock, aber wurde gebissen, bevor er ihn der Bestie ins Herz stoßen konnte. So manchem Exorzisten ist der Teufel in den Leib gefahren, den er einem anderen (jungen, schönen - schluck...) Leib gerade ausgetrieben hatte. Andrzej schreibt auch davon. Ich bin ganz sicher, der Autor hat sich am Gegenstand seiner Forschungen infiziert. Das ist Tragik!

Und deshalb ist die Identifizierung des Psychopathen, die Beendigung unserer Interaktionen mit ihnen, ihre Abschottung von der Gesellschaft und die Beendigung unserer Rolle als ‚Nahrung‘ für sie oder als Objekte, die betrogen und benutzt werden können, die einzige effektive Strategie, die wir ausspielen können. (234)

Doch was passiert konkret nach der „Identifizierung“? Wo steckt in der Ponerologie, neben dem eben besprochenen Teil posttheologischer Dämonologie, die Soteriologie, die Lehre von der Erlösung? Und es fehlt auch weitgehend die Agathologie, die Lehre vom Guten. Alles muss man selber herausklamüsern. Das kann nicht Sinn und Zweck eines neuen weltlichen Katechismus sein! Zum Glück ist es immanent.

Versuchen wir es also einmal. Wer sind die Guten? Wir alle, die wir ohne Macht sind, ohne Kriegstrieb, ohne Reichtum, ohne die Sünde der einverständigen Marx-Lektüre, ohne sexuelle Perversionen, ohne unmoralische Gelüste usw., also ohne diesen nicht näher benannten biologisch-genetischen-psychopathologischen Knick.

Soweit klar, aber der Teufel liegt im Detail. Darf ich meiner Konsumfreude frönen? Darf ich Fleisch essen? Darf ich blasphemische Witze reißen? Darf ich meine ästhetisch-erotische Faszination am Gesicht von Conchita Wurst (nicht an ihrem Nachnamen) bekennen? Darf ich meinen Samen einfach so, ohne den Zweck der Fortpflanzung versprudeln? Ich finde keine richtige Antwort. Die Indizien deuten eher auf ein „Nur unter der Bedingung, dass...“, ein „Vorläufig noch...“ oder gleich auf ein „Nein!“

Was nur heißen kann, auch ich bin böse! Was des weiteren heißt, dass auch ich mich vor der gerechten Er- bzw. Endlösung fürchten muss, denn trotz aller Unbestimmtheit in den Aussagen scheint es für die Bösen auf lebenslange Internierung der „identifizierten“ Psychopathen („Abschottung“) hinauszulaufen. Oder gleich Kopf-ab. Oder Internierung/Abschottung und anschließende logistisch effektivierte Unschädlichmachung. Vielleicht noch Kastration als Option auf die Zukunft. Ich hoffe inständig, dass wenigstens auch Abschwören eine Alternative ist. Lieber auf Fleisch, (zweck)freie Liebe, deviante Sexpraktiken, x-erotische Anwandlungen und rahmengenähte Schuhe aus echtem Leder verzichten, als... ach, ich will gar nicht länger drüber nachdenken.

Ich glaube, dass der Ursprung der Ungleichheit der Menschen und die geschichtlichen Verläufe der Jahrtausende, wo Menschen viel Leid zugefügt wurde (...) nicht rein soziale Phänomene sind; ich glaube, dass es eine starke biologische Komponente für dieses Verhalten gibt. (...) Letztendlich werden nur Sozialwissenschaften mit einer großen Dosis an biologischen Wissenschaften fähig sein, diese menschliche Eigenschaft zu studieren und zu heilen.

Was Glenn R. Storey, ordentlicher Professor für Altphilologie und Anthropologie, University of Iowa, hier nur zaghaft andeutet, müsste viel deutlicher ausgesprochen werden.

Denn es ist ja nun nicht so, dass noch keine Alternativen bei der Vernichtung oder Paralysierung der Bösen (Kopf-ab, Internierung) oder zur Austreibung des Bösen aus den Psychopathen (Abschwören) entwickelt worden sind. Damit meine ich nicht den Exorzismus! Der ist als Methode nun doch langsam veraltet, obwohl er noch in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts mit einigem Erfolg angewendet wurde. Wir reden hier aber nicht von der theologischen, sondern von der wissenschaftlichen Ponerologie! Aber nichts davon wird erwähnt! Es gibt doch Psychopharmaka. Gut, die wurden ja auch vielfältig in die Dienste des Bösen gestellt, aber die Pillen können nichts dafür. Man kann sie also auch umnutzen. Oder man nimmt Psycho-Globuli, oder wie die heißen. Die können gar nicht für das Böse missbraucht werden, weil das Gute a priori in ihnen vorhanden ist. Oder man denke an die Psychochirurgie. Warum denn nicht, wenn nichts anderes mehr hilft! Ist doch besser als lebenslange Internierung oder Kopf-ab.

Ich war so voller froher Erwartung, endlich eine reale Erklärung und endgültige Lösung des Materialismus-Kapitalismus-Kommunismus-Carnivorismus-Internationalismus-Konsumismus-Gewalt- und Sexsucht-Problems zu haben – und dann diese Inkonsequenz, diese Feigheit vor dem Tugendterror der Politischen Korrektheit, die doch eines der perfidesten Brainwash-Instrumente der ponerösen Psychopathen ist! Wir brauchen die Pränataldiagnostik! Wir brauchen die Neue Eugenik! Und da müssen wir auch den Lebensschützern einmal ein ernstes Wörtchen sagen: Verzettelt euch nicht, schützt nur das schützenswerte Leben!

Fazit: Ein schlecht geschriebenes und – was viel schlimmer ist – feiges Buch, gut gemeint, aber völlig unzulänglich. Da müssen nun Andrzejs Schüler und Fans ran. Entwickelt eine Pränatalpsychoanalytik als Basis für die Prophylaktische Anti-Poneröse Abruptio (P.A.P.A.)! Es gibt viel zu tun!

07:25 10.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

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