Pop-Prolet

Pop John Fogerty ist ein wahrer Arbeiter unter den Popmusikern. Und jetzt auch schon 75
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Pop-Prolet
John Fogerty ist eine Skurrilität im Popgeschäft

Foto: Christopher Polk/Getty Image

Nein, einen goldenen Löffel hatte er nie in der Hand. Keine Sternenbanneraugen. ("Fortunate Son") Er war der Farmer Jody ("It Came Out Of The Sky", beide aus: Willy And The Poorboys, 1969), der sich von seinem Trecker herunter lustig machte über den Vatikan, das Weiße Haus, die Filmindustrie und Ronald Reagan.

Und nun ist er auch schon 75. Geboren am 28. Mai 1945 in einem Hospital in Berkeley, California. Aufgewachsen in El Cerrito. Ein natural born Nonkonformist. Der seinen Individualismus trotzig praktizierte, statt ihn zu performen. Eine Skurrilität im Popgeschäft. Was verbindet einen John Fogerty mit einem Jim Morrison? Nichts. Mit einem Mick Jagger auch nicht viel mehr. Und mit all den Hippies schon gar nichts. Ein wahrer Arbeiter unter den Popmusikern. Und zwar ein handwerksstolzer Facharbeiter. Aber genauso wenig geschäftstüchtig wie alle Proleten. Was Fogerty mit dem damaligen Plattenfirmen-Hai Saul Zaentz passierte - Hits für nass schreiben zu müssen - wäre einem Mick Jagger niemals unterlaufen. Und wer - außer ein John Fogerty - würde den Kommunisten Pete Seeger als "den größten Entertainer aller Zeiten" bezeichnen (nachzulesen hier)? Naja, vielleicht noch Bruce Springsteen.

Countryboy, Prolet, oder jedenfalls unterste Kleinstadtbürgerschublade – irgendsowas ist John Fogerty, was sein soziales Herkommen angeht. Im Unterschied zu zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen (Janis Joplin, Jimi Hendrix u.v.a.m.) ist er nicht aus dieser Herkunft geflohen, sondern hat sie wie ein "inneres Kind" an- und ins Erwachsenenleben mitgenommen. Auch das kann einsam machen. Vielleicht genauso einsam, wie das die Verletzungen bewirken, die denen zugefügt wurden, die das dann als gockelnde Rampensäue auf den Bühnen der weiten Welt ausperformen. Oder noch einsamer. Weil letztere ja wenigstens mit ihresgleichen fraterniseren können. Nichts schmiedet mehr zusammen, als die Angst vor und Unfähigkeit zur Nähe. Nichts schreckt mehr ab als jemand, der Nähe nicht nur sucht, sondern auch fähig zu ihr ist."Give out the warm, it comes back cold." ("Need Someone to Hold", von: Mardi Gras, 1972 - allerdings geschrieben von Clifford / Cook). In Abwandlung eines bekannten Spruchs: Pass' immer schön auf, dass du dir nur das wünscht, was nicht in Erfüllung gehen kann. Und falls es plötzlich doch in Erfüllung zu gehen droht, dann tue alles, um das zu verhindern. (Achtung, das gilt nur für den zwischenmenschlichen, nicht für den geschäftlichen Bereich!) Immerhin, John hatte Martha, geheiratet mit zwanzig (drei gemeinsame Kinder) und hat seit 1991 Julie (vier).

John Fogerty träumte seinen Kino-Traum vom Süden. Der passt wunderbar zur plebejischen Mentalität. Seine "Swamp-Rock"-Varianten vom ewigen Folksong sind so sinnlich! Hier geht alles auf und unter die Haut. Schlamm, Hitze, Arbeit, Tanz, Berührung. Ins Köpfchen dann erst als wirkliche Erfahrung, nicht direkt in die Hirnregion, wo das symbolische, distinktive Kulturkapital gehortet wird.

Apropos Süden. Ich mache mal Schluss mit dem Versuch einer Laudatio und verlinke auf einen alten Beitrag, in dem John Fogerty nur am Rande eine Rolle spielt. Passt aber trotzdem.

12:10 28.05.2020
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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