Sowjetischer Stolz

Kiewer Rus Über eine ukrainisch-russische Koproduktion
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Bei diesem Eurovisions-Ding sollen ja viele Russen für den ukrainischen Beitrag und genauso viele Ukrainer für den russischen gestimmt haben. Statistische Beweise gibt's keine - aber glaubhaft ist es. Vielleicht steckt ja doch noch ein bisschen Sowjetunion in den Leuten da zwischen Petersburg und Odessa. Das könnte - genauso, wie der Titoismus zwischen Zagreb, Sarajevo und Priština - ein Gegengift zu den herrschaftstechnisch-populistischen Blut-, Boden-und Seelen-Chauvinismen der Putins und Timoschenkos sein.

Vor einem Jahr kam ein Film gleichzeitig in die ukrainischen und in die russischen Kinos, der dann auch auf beiden Seiten der aktuellen Front ein großer Erfolg wurde. Es ist ein Film über eine Frau, die im Jahre 1916 in eine russische Arbeiterfamilie in der ukrainischen Stadt Bila Zerkwa, unweit von Kiew, geboren wurde. Diese fast 1000jährige Stadt gehörte in ihrer Geschichte zur Kiewer Rus, zu Litauen, zu Polen, zu Russland, zur Sowjetunion und heute eben zur unabhängigen Ukraine.

Die Familie von Ljudmila Michailowna Pawlitschenko, so ihr Name, zog ein paar Jahre nach ihrer Geburt nach Kiew. Dort wuchs sie auf, ging zur Schule, wurde Mitglied in einem Schützenverein, Metallarbeiterin und studierte schließlich an der Kiewer Universität. Dort verteigte sie im Jahre 1937 ihre Magisterarbeit in den Geschichtswissenschaften und hätte wohl promoviert und eine Universitätslaufbahn eingeschlagen, wenn, ja, wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre.

Es gibt diese Szene aus einem sowjetischen Film, vielleicht waren es auch Dokumentaraufnahmen, wo zehntausende Menschen auf einem Platz in einer sowjetischen Großstadt, vielleicht Moskau, vielleicht Kiew, zusammenstehen und stumm und bedrückt die Nachricht vom Überfall deutscher Truppen in dieser Juni-Nacht von 1941 über Lautsprecher vernehmen. Mich hat die Darstellung dieses Moments, wo ein friedliches Leben aprupt endet und alle wissen, dass etwas Entsetzliches auf sie zu kommt, immer mehr erschreckt als jede Schlachtszene.

Ljuda Pawlitschenko meldet sich wie tausende junge Frauen zum Militärdienst und wird Scharfschützin. Und zwar eine äußerst erfolgreiche. Bis zum Ende ihrer Einsätze wird sie 309 (!) Aggressoren, davon 36 feindliche Scharfschützen, erschossen haben. Ihr Name wird bekannt, man verehrt sie als Heldin. Wehrmachts-Scharfschützen, alles Männer, reißen sich um den Versuch, sie zur Strecke zu bringen. Die Partei schickt sie 1942 mit einer sowjetischen Delegation auf eine Reise nach Amerika zu den späteren Alliierten USA und Kanada. Sie ist die erste Bürgerin der UdSSR, die zu einer Audienz bei Präsident Roosevelt eingeladen ist. Mit dessen Ehefrau Eleanor reist sie durch die Staaten und wirbt für die Eröffnung der zweiten Front. Dabei kommen sich die beiden Frauen auch persönlich näher.

Woody Guthrie, der Folksänger und das Vorbild von Bob Dylans frühem Schaffen, singt ein Lied über sie. (Eine Szene des Films imaginiert eine Begegnung der beiden.) Der Text passt zu der berühmten Aufschrift auf seiner Gitarre ("This machine kills fascists!"):

Miss Pavlichenko's well known to fame;
Russia's your country, fighting is your game;
The whole world will love her for a long time to come,
For more than three hundred nazis fell by your gun.

CHORUS:
Fell by your gun, yes,
Fell by your gun
For more than three hundred nazis fell by your gun.

Miss Pavlichenko's well known to fame;
Russia's your country, fighting is your game;
Your smile shines as bright as any new morning sun.
But more than three hundred nazidogs fell by your gun.

In your mountains and canyons quiet as the deer.
Down in your bigtrees knowing no fear.
You lift up your sight. And down comes a hun.
And more than three hundred nazidogs fell by your gun.

In your hot summer's heat, in your cold wintery snow,
In all kinds of weather you track down your foe;
This world will love your sweet face the same way I've done,
'Cause more than three hundred nazzy hound fell by your gun.

I'd hate to drop in a parachute and land an enemy in your land.
If your Soviet people make it so hard on invadin' men;
I wouldn't crave to meet that wrong end of such a pretty lady's gun
If her name was Pavlichenko, and mine Three O One.

Der Film über das Leben dieser Frau, der 2015 gleichzeitig in Russland und in der Ukraine startete und in beiden Ländern zum Publikumserfolg wurde, ist eine russisch-ukrainische Koproduktion. Und was das Erstaunlichste ist: Er ist kein Helden-Epos, kein patriotischer Schinken, schon gar nicht ein Kriegsreißer. Reißerisch ist sein deutscher Vermarktungstitel: "Red Sniper - Die Todesschützin". Reißerisch oft, und mal mehr, mal weniger, ein bisschen fast immer mit russophobem oder maliziösem Unterton versehen, sind viele Rezensionen in der deutschen Presse. Da ist von "Lady Death" die Rede oder von der "Lady Sniper". In den einschlägigen Internetforen kommt dann auch das Wort, was in der Nazi-Propaganda und in den Berichten der Landser auf Heimaturlaub schon immer benutzt wurde: "Flintenweib"! Ein sowjet-russisches Flintenweib, dass Deutsche (!) gemordet hat!

Der Film ist ein Antikriegsfilm und ein Film über eine Frau, die kein passives Opfer eines wenngleich schrecklichen Krieges werden wollte. Ein kompliziertes Verhältnis zum Vater, Arbeiter, Bürgerkriegsveteran, KGB-Mitarbeiter, und die Verwobenheit in die politischen Zusammenhänge der Zeit werden angedeutet.

In den Foren der Kriegs- und Sniperfilm-Fans wird sich durchgängig enttäuscht geäußert. Kein Wunder, der Titel suggeriert einen Genrefilm a la Clint Eastwood. Dabei steht er in der Tradition von sowjetischen Filmen wie "Im Morgengrauen ist es noch still" (1972) und "Ballade vom Soldaten" (1961), die auch schon das Schicksal junger kämpfender Frauen und Männer im Krieg behandelt hatten. In die Kinos im Westen ist er trotzdem (oder genau deswegen) nicht gekommen, es blieb die DVD-Veröffentlichung im März 2016. Preise hat er im Westen auch nicht gerntet. Nur beim Internationalen Filmfestival in Peking, dass hier keiner kennt, obwohl es filmkünstlerisch gewiss nicht weniger bedeutend ist als die Berlinale, gab es einen ersten Preis für die Leistung der beeindruckenden Hauptdarstellerin Julia Peresild.

Im Film gibt es eine Szene, wo die Hauptheldin, die sich, historisch authentisch, in gutem Englisch äußert, von einem Mann aus dem Publikum wegen der stalinistischen Politik in der Sowjetunion angegriffen wird. Ljudmilla, Arbeitertochter und Arbeiterin, die studieren konnte, antwortet: Wenn Sie wüssten, wie wir in Russland vor der Revolution gelebt haben... Der Mann outet sich daraufhin als Exilrusse, der 1928 ausgereist sei, und meint, er wüsste sehr wohl, wie das Leben in Russland gewesen sei. Das Drehbuch sah vor, dass Ljudmilla darauf nichts zu entgegnen weiß. Sie hätte mit der Frage antworten können, ob der Mann in Russland, später in der Sowjetunion, Arbeiter oder Bauer gewesen sei. Die allermeisten Exilrussen waren eher adligen oder bürgerlichen Stands. Sie hätte also damit kontern können, dass der Mann dann wohl doch nicht so genau wüsste, wie man im zaristischen Russland gelebt hat.

Nicht nur diese Szene zeigt sich eine konventionelle Tendenz, bei den sozialen Fragen indifferent zu bleiben, den Krieg also als existenzielle Bedrohung der Nation zu interpretieren, und die Verteidigungs- und Opferbereitschaft von allgemeiner Heimatliebe motiviert zu deuten.

Die letzten Sonntag zuendegegangene Ausstellung "Krieg. Eine archäologische Spurensuche" im Hallenser Landesmuseum für Vorgeschichte definiert: "Krieg ist ein geplanter, und organisierter Waffengang zwischen autonomen Gruppen." (Begleitheft zur Ausstellung, S. 11) Zunächst sind diese "autonomen Gruppen" örtliche Sesshafte, die ihren Boden gegen fremde, unsesshafte Jägergruppen verteidigen. Später dann wird der Krieg verstaatlicht und bricht zwischen Nationen aus. Die sich bekriegenden "autonomen" Menschengruppen werden als sozial homogene Gruppen vorgestellt.

Der Film bleibt da im Vagen, bedient letztlich auch diese Vorstellung. Aber, wie gesagt, ganz anders als etwa Clint Eastwoods "American Sniper" ist dieser Film kein patriotisches Epos. Der sowjetische Patriotismus, der sich heute noch in der Bezeichnung für den Krieg gegen die Nazi-Wehrmacht und ihre Hilfstruppen als "Großer Vaterländischer Krieg der Völker der Sowjetunion" abbildet, war eine existenziell notwendige Form der Motivation für alle, die die Verteidigung des Sozialismus allein nicht mobilisiert hätte. Es standen als notwendig nicht "die Heimat" oder "der Sozialismus" zur Verteidigung an, sondern die "sozialistische Heimat". Insofern bildet der Film etwas Wahres ab.

Dass er, das Produkt eines Teams aus ukrainischem Regisseur und russischen Darstellerinnen, auf beiden Seiten der heutigen feindlichen Linien ein Kinoerfolg wurde, kann eigentlich nur zweierlei bedeuten: Es gibt einen Rest von sowjetischem Stolz bei den Leuten und/oder sie sind über den offiziell geförderten russischen wie ukrainischen Patriotismus hinaus.

Den "sowjetischen Stolz" könnte man eine produktive, nichtnationalistische Form von Patriotismus nennen. Er ist eben ein Hybrid aus "Sozialismus" und "Heimat" (und einer gar nicht so geringen Dosis Internationalismus - ich rede von individuell wirksamer Mentalität), tauglich nicht nur als Verteidigungs- und Opfermotivation, sondern auch als Aufbau-Stimmung. Die Aufgabe in der Vorkriegs-Sowjetunion hieß: "nachholende Modernisierung"! Selbst so ein oft platt interpretiertes "Machwerk" wie Nikolai Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde" erzählt davon.

In dem äußerst interessanten und hoch amüsanten Bericht von einer langen Reise durch die Sowjetunion des Jahres 1947, durch ein schwer kriegsversehrtes Land also, von John Steinbeck (Text) und Robert Capa (Fotos) begegnet dem Leser diese mentale Melange aus Heimatliebe, sozialistisch-realutopisch motivierter Tatkraft und gleichzeitiger Neugier auf die Modernität und Liberalität Amerikas. Steinbecks Text ist nicht russophil, nicht russophob und auch weder anti- noch prokommunistisch, er ist einfach realistisch, empathisch und natürlich auch voller Ironie gegenüber den erlebten propagandistischen und bürokratischen Zumutungen. Nebenbei gesagt: Auch die dümmlichen Vorbehalte gegenüber ihrem Reiseprojekt, die sie bereits zuhause erleben, kriegen ihr Fett weg.

Eleanor Roosevelt, das ist im Film die Rahmenhandlung, hat ihre jüngere Freundin Ljuda Pawlitschenko noch einmal 1957, längst tobte der kalte Krieg, bei Gelegenheit eines offiziellen Besuchs der Präsidentenwitwe in der UdSSR privat besucht. Eine menschliche ukrainisch-russisch-amerikanische Begegnung, wie sie in Steinbeck und Capas Buch auch vielfältig geschildert wird.


Film anschauen! Buch lesen! :-)

Битва за Севастополь (russ. Titel)

Незламна (ukrainischer Titel)

Red Sniper. Die Todesschützin (dtsch.Titel)

Regie: Sergey Mokritskiy

Darstellerinnen:

Yuliya Peresild (Ljuda Pawlitschenko); Joan Blackham (Eleanor Roosevelt); u.v.a.

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John Steinbeck / Robert Capa

A Russian Journey, New York 1948

Russische Reise, Unionsverlag, 2013

09:31 25.05.2016
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Geschrieben von

goedzak

Ich beginne wie ein Narr mit Fakten. (Volker Braun)
goedzak

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