Tucker Crowe fängt an zu leben

Erwachsen werden Anlass zum Rumgrübeln kann alles sein, sogar eine RomCom mit British Flair
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Wenn Tucker Crowe jemals einen der Nick-Hornby-Romane gelesen hätte, wäre sein Leben bestimmt anders verlaufen. Wer Tucker Crowe ist? Na, ein von dem Pop-Literaten Nick Hornby kreierter Indepentend-Singer/Songwriter-Popstar, der auf dem Höhepunkt einer nach 20 Jahren nur noch in die Jahre gekommenen Popmusik-Nerds bekannten Karriere spurlos verschwand.

Als Hornby Anfang 30 war, schrieb er darüber, wie 30jährige ihr Leben verdusseln, als er 40 war schrieb er darüber, wie 40-ist-das-neue-20-Jährige glauben, sie hätten ihr ganzes Leben noch vor sich und deshalb dürften sie erstmal noch ein bisschen davon verdusseln.

Inzwischen ist Hornby über die Marke 60 hinweg. Sechzig ist das neue Vierzig. Das ist auch völlig okay. Besser jedenfalls, als würden die Sechzigjährigen der Zählweise der 40-, 30- und 20jährigen folgen, die Pickel kriegen, wenn sie dran denken, selbst 60 zu sein. Die das für undenkbar halten, jemals soo alt zu sein. Obwohl sie natürlich ewig leben wollen. Forever young. Vielen 40- und sogar einigen 50-jährigen geht’s genauso.

Genau genommen ist es aber wohl doch nicht ratsam, sich irgendwie verzweifelt an die Vorstellung zu klammern, Sechzig ist das neue Vierzig ist das neue Zwanzig. Mir persönlich gefällt folgendes Konzept: Wenn die Dachse in Hans Falladas hübschem Kinderbuch Fridolin der freche Dachs ihre Jungen so zählen: „ein-zwei-viele“, egal, ob es drei, vier oder fünf kleine Dachse sind, könnte man das Lebensalter von uns Menschen folgendermaßen beziffern: 1-10-20-30-erwachsen-erwachsen-erwachsen. Vorausgesetzt natürlich, dass diejenigen, die ihr Alter mit „erwachsen“ angeben, auch wirklich erwachsen sind - versteht sich.

Hornbys Romane sind von Figuren bevölkert, bei denen Zweifel daran angebracht sind. In „Juliet, naked“ ist es Duncan, der Anführer von ein paar hundert weltweit vernetzten Tucker-Crowe-Kaffeesatzlesern. Zu denken gibt einem, dass die aber immer älter werden. Wie der Autor, wie wir, die Hornby-Leser der ersten Stunde. Duncan ist ein 15 Jahre gealterter Rob aus „High Fidelity“. Am Schluss von „High Fidelity“ scheint es fast, als würde Rob, Anfangdreißiger, nun endlich erwachsen werden. War eine trügerische Hoffnung. Also, guckt in den Spiegel, bevor ihr ins Kino geht – und dann nochmal, wenn ihr aus dem Kino nach Hause kommt.

„Juliet, naked“ ist eine Art amerikanische RomCom mit „British-Flair“, an dem die WASPs einen Narren gefressen zu haben scheinen. Fast alle Hornby-Verfilmungen sind Ami-Filme. Das British-Flair funktioniert auch im Post-Brexit-Continental-Europa, sprich Deutschland, denn hier läuft der Film in den Programmkinos, als wär er nur was für Cineasten bzw. britophile Genießer der gehobenen, sprich „Independent“-Popkultur. Es hilft, dass die Nebenrollen mit renommierten britischen Schauspielerinnen, die es bisher nicht nach Hollywood geschafft haben, besetzt sind. Die drei Hauptrollen teilen sich eine Australierin (Rose Byrne), ein Amerikaner (Ethan Hawke) und ein Ire (Chris O’Dowd).

Nun, eines ist ja heutzutage klar geworden: Es gibt ein Leben nach dem Kinderaufzucht-und-erfolgreich-im-Beruf-Leben, das sich mit Begriffen wie Rentnerdasein, Omi-/Opi- oder Greisinnen-Alter nicht adäquat beschreiben lässt.

Man fragt sich allerdings, ob Leute, die erst den Erfolgreich-im-Beruf-Teil auf volle Touren bringen, um dann mit Mitte Vierzig zeitversetzt die Kinderaufzucht-Phase zu starten, das überhaupt in Aussicht haben? Vielleicht, wenn die allgemeine Lebenserwartung auf 120 steigt. Besonders Frauen können sich heutzutage drauf freuen. Wenn ihre Männer das Wie-bloß-älter-werden-Problem lösen, indem sie urplötzlich zu einer 30 Jahre Jüngeren wegrennen, braucht es allerdings einen Moment, bis diese Freude einsetzt. Besser wär’s, sie würden dem zuvor kommen und den ewigen Knaben in den Wind schießen. Oder man einigt sich, wenn die Kids aus dem Haus sind, dass die Lebensabschnittspartnerschaft nun nicht mehr zielführend ist.

Hornbys Annie ist so eine Art Anhängsel ihres Duncan. Untrügliches Indiz: Sie begleitet ihn bei der nerdigen Nachverfolgung seines Hobbys, das sie beinahe für ihr eigenes hält. Darüber verdusseln beide ihr inzwischen 40-up-Leben. Bei genauerem Hinsehen tut das Duncan, weil er als Mann von heute nicht erwachsen werden kann. Annie aber, als Frau von heute (dem spätpatriarchalen Zeitalter / Postpatriarchat), weil sie wohl glaubt, das „wilde“, selbstbestimmte Leben gäb es nur unter Verzicht auf eine feste Beziehung zu einem Mann. Da muss frau ihre Wahl treffen. Annie hatte ihre getroffen. Jetzt aber kommt das „unerhörte Ereignis“, dass alles endlich in Frage stellt.

An dieser Stelle müsste gespoilert werden, was leider auch die Filmwerbung macht. Da entgeht einem eine kleine Freude an diesem lustigen dramaturgischen Einfall des Autors der Romanvorlage...

Vielleicht sind diese Muster ja an sich gar nicht so fragwürdig. Leben heißt doch sowieso, das meiste zu verpassen. Was also ist schlecht daran, 10, 15 Jahre als Leiterin des Heimatmuseums in einer englischen Provinzstadt zu leben, jeden Tag ein Tässchen Darjeeling mit Sahne zu trinken, einen lebendigen Menschen nachts neben sich im Bett zu haben, mit dem es bestimmt auch hin und wieder irgendwie schöne Momente gegeben hat, mit ihm auf Reisen zu gehen? Erstmal nix, aber im Detail wäre noch Luft nach oben. Wer bestimmt Ziel und Zweck der Reisen, wie ist es mit dem Kinderwunsch? Wie sieht’s generell mit der gegenseitigen Beachtung und Anerkennung aus? Das muss regelmäßig gecheckt und dann entschieden werden, ob der Lebensabschnitt andauern kann oder nicht. In dieser Annie-Duncan-Beziehung ist für ihn alles ganz selbstverständlich in Ordnung, und sie nimmt sich selbst nicht wichtig genug. Zunächst.

Achtung, jetzt doch noch etwas Spoiling: Duncan lebt, solange Tucker Crowe ein Mythos ist, Annie beginnt zu leben, als Tucker Crowe sich als normaler Mensch zeigt. Wunderbar. Frauen sind einfach lebensfähiger, auch wenn mans-plaining Guys nicht müde werden, das Gegenteil zu behaupten.

Am Schluss hat Annie ihr Projekt „Endlich ein Kind“ in Angriff genommen. Sie braucht dazu nichtmal einen Kerl. Tucker Crowe, inzwischen Stück über 50, erster Herzinfarkt hinter sich, liefert sowieso nicht das beste Erbmaterial. Aber für ne lustige Beziehung mit größter körperlicher Nähe ist er noch nicht zu kurzatmig. Na, viel Spaß, Annie, Tucker.

Man könnte Annies „Ich zieh nach London, arbeite in ner Galerie, besorg mir ein Kind und treff mich immer mal wieder mit diesem spätreifen Ex-Popstar, der nach 20 Jahren wieder ein Album gemacht hat.“- Filmfinale aber auch als typisches „Ami-RomCom-mit-British-Flair“-Happy-End für mittelschichtige 40-ist-heute-zum-Glück-was-ganz-anderes-Erwachsene begreifen. Und den Streifen demzufolge ein bisschen übelnehmen.

Man kann aber auch ganz erwachsen diesen Film einfach nur zum Spaß anschauen.

Juliet, naked, USA/GB, 2018; Regie: Jesse Peretz

08:50 19.11.2018
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Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

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