Unter Frauen

Im Matriarchat Parallelgesellschaften - bloß gut, dass es sie gibt!!!
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(Ach, heute ist doch der Internationale Frauentag!)

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Prolog im Himmel


Da steht er nun vor seinem Schöpfer und muss erkennen, dass es eine Schöpferin ist. Er hatte schon davon gehört. Überraschend ist nur, dass SIE nicht wie Alanis Morissette, sondern wie Erykah Badu aussieht. Das gefällt ihm, auch das freundliche Willkommenslächeln. SIE missdeutet aber seinen zunächst irritierten Blick und fragt Oder hättest Du lieber einen Herrn als Schöpfer? Pling, Richard von Weizsäcker lächelt ihn nachsichtig an. Nein, nein, stammelt er. Morgan Freeman? Nein, auch nicht. Schwupps ist Erykah wieder da. Nun müssen die Aufnahmeformalitäten erledigt werden. Möchtest du in den Eva-Garten oder in den Adam-Wald? - Äh, wäre das für immer und ewig? – Vielleicht. Denke gut nach!

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Am letzten Tag des Sommers 200x kamen die Möbelpacker. Der Lift fuhr auf und ab, während die Sonne hinter blauschwarzen Wolken verschwand und der Wind auffrischte. Kiste auf Kiste verschwand aus der Wohnung. Eine nach links, eine nach rechts, eine auf den Wagen, der nach rechts fahren würde, eine auf den Wagen, der nach links fahren würde. Das Packen hatte eine Woche gedauert, die letzte gemeinsame Unternehmung einer Familie, fast so fröhlich getan wie Jahre zuvor das Renovieren. Jetzt standen die Frau und der Mann nur noch herum. Und jetzt kamen die Tränen, die Trauer, eine Umarmung, als wäre der andere die letzte Rettung. Die Möbelpacker sahen nicht hin. Sie kannten das.

Ein goldener Herbsttag, lange nach dem heißen und mitten im kalten Krieg. Als das Knäblein kollabiert, ist seine 17jährige Mutter nicht zu Hause, Stillen ist altmodisch, die Lehre muss weitergeführt werden, der Vater, kaum dem Nachkriegsjungenalter entwachsen, fährt irgendwo Trecker, Babynahrung kostet Geld. Aber Oma ist da. Sie schleppt das halbtote Kind zu ihrem Pastor, lässt es vorsorglich ‚nottaufen’, und ruft dann den Arzt. Krankenwagen. Klinik. Mama kommt angehetzt. Kind bleibt am Leben. Lehre wird abgebrochen.

Opa, Handwerker und Kleinunternehmer i. R., hat sich alles ganz anders vorgestellt, vor allem den Schwiegersohn. Deshalb macht er sich bald auf in den Himmel der Dorfschmiede. Die Frauen übernehmen. Mama erweist sich als gute Tochter, hat das Sagen, unangefochten. Oma ist die Wirtschafterin in Haus, Hof, Garten, Stall und Keller, und ‚nur der geduldete Gast’, wie oft hört das Knäblein sie das vor sich hintuttern, wenn es mal wieder Zoff gegeben hatte. Es bedrückt ihn. Noch bevor ihm der erste Schritt gelingt, kriegt er einen Bruder. Und lange vor seinem ersten Schultag sind sie schon zu viert.

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Etwa zu dieser Zeit steht ein kleines Mädchen vor seinem Vater, dem Gott, der so gut ist, schützt, tröstet, alles weiß, sagt, was richtig ist, straft, wenn das richtige nicht getan wird, sich verhüllt, immer so lange, bis er endlich wieder sein gutes Gesicht zeigt. Und die Mutter, nicht daneben, sondern dahinter, sprachlos, immer weniger wichtig, schließlich verachtet, weil sie tut, was auch das Mädchen tut, alles zu versuchen, sich die Liebe des Herrn zu verdienen. Denn verdienen muss man sich die Liebe, eine Grunderfahrung. Die Liebe, ein schönes Wetter, das nie lange genug dauert. You left your mark on me / it’s permanent, a tattoo peirce the skin / and the blood runs through

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Seine Mutter auf Arbeit in der ‚Kolchose’, am Sonnabend zum ‚Vergnügen’ in den Dorfsaal, von da kommt sie manchmal angeschickert am Arm des Papa heim, so fremd, dass es ihn ängstigt. Noch viel mehr hätte ihn geängstigt, was er erst Jahre später erfuhr: Dass Papas großer West-Bruder, der für dieses Deutschland, das schlechte von früher, ein Bein hergegeben hatte, für einen Seitensprung immer noch attraktiv genug war.

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Oma in Küche, Keller und Kirche, und dann ist da noch die alte Tante, verrunzelt, immer stumm, nur am Arbeiten, in der Dachstube neben der Räucherkammer hausend. Abends bringt der Knabe ihr belegte Brote und den Muckefuck in der abgestoßenen Keramikkanne. Niemals sagt sie auch nur ein einziges Wort. Manchmal streichelt sie seinen Handrücken. Sie schüttelt die Federbetten wie die Frau Holle in den Märchen, die Oma jeden Abend aus den Büchern der Dorfschulbücherei vorliest. Lokomotiven heißen Luise, Krokodile fressen die Sonne, Dachsmütter merken nicht, dass Kinder fehlen, weil sie nur bis zwei zählen können, Brüder werden in Raben verwandelt – lustig, angsteinflößend und faszinierend.

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Selber lesen können, das wärs. Der Wunsch erfüllt sich, Frau Barthold sorgt dafür. Sie hat zwei Klassen in der Dorfschule vor sich. Es dauert nicht lange, da darf er mit den Großen vorlesen.

Später kommt ein Fernsehapparat ins Haus. Auch nicht schlecht. Nun kann er endlich mitreden, wenn Frau Barthold die Kinder fragt, wie denn die Fernsehuhr aussieht. Nur das Radio macht ihm Angst. Denn Mama sitzt immer ganz dicht davor, eine Stimme sagt ernste Sachen, in seinen Ohren klingt sie böse. Er hat solche Angst, dass bald etwas Schlimmes passiert. Heimlich dreht er den Sender weg. Es nützt nichts. Zum Glück bleibt der Krieg im Fernsehen.

Im Erntekindergarten war die Welt noch in Ordnung. Tante Irene holt Brause aus dem Dorfkonsumladen und nach dem Trinken, vor dem Mittagsschlaf werden alle Kinder getopft. Im Sandkasten wird ihm der Apfel der Erkenntnis überreicht. Von Heike. Sein Piepstengelchen findet sie ulkig.

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Es dauert aber ein paar Jahre, bis der Happen vom Apfel der Erkenntnis allmählich Wirkung zeigt. Cousine Gabi, die später einen alten Mann von 29 Jahren heiratet, und das hochnäsige Mädchen aus der Parallelklasse zählen nicht. Zuviel Märchen im Kopf, / zu wenig Rock’n’Roll im Bauch, jedenfalls bis zum Ende der letzten Sommerferien.

Jenseits des Ackerbürgerstädtchens trifft er Hanna aus Polen und Christa aus Preußen. Die Mädels stehen auf wuschelköpfige, braunäugige hübsche Jungs, die sie um den Finger wickeln können; eigentlich aber wollen sie um den Finger gewickelt werden.

Ada aber, von ganz anderer Sorte, die an der Spindeldrehmaschine herumturnt wie kaum einer von den Jungs, die im dritten Lehrjahr ein Kind bekam, den Vater vom Fleck weg heiratete und ihm ihren Familiennamen aufdrängte, weitere 3 Kinder von ihm verlangte und bekam, und jedes Jahrzehnt ein neues Haus bauen muss, traut er sich nur heimlich anzuhimmeln. Aber Freundschaft für’s Leben wird es. Inzwischen hopsen schon die ersten Kinder ihrer Kinder auf seinen Knien herum.

Die Freundin schleppt Freundinnen an. Sibylle aus Halle 3 erzählt von ihrer Mutter, die in den Westen ging, die sechsjährige Tochter zurück lassend, und sie ganz bestimmt eines Tages zu sich holen wird. Sibylle hat es gern, wenn er sie beim Shoppen begleitet. Einem Jungen würde sowas keinen Spaß machen, aber ein Mann kann da nicht nein sagen. Zum ersten Mal erlebt er die Weltvergessenheit einer Frau, die in einem neuen Kleid vor einem Spiegel steht. Etwas später beginnt er zu ahnen, wie einem schicken Mantel zumute sein muss, der nach dem Einkauf schnell an Glanz verliert. Pretty hairdos, pretty hairdos / worn by lonly girls / sparkly rhinestones, sparkly rhinestones / shine on lonly girls

Angela, der Tomboy, holt die Taschenuhr aus der 5-Pocket-Jeans, der erste Mensch, außer ein paar alten Opas und ihm selbst, den er so eine Uhr tragen sieht. Das erste von zwei Malen im Leben, wo er den Zeitpunkt des Verliebens auf die Sekunde genau angeben kann. Er wird ihr Uni-Freund, zu Hause hat sie noch den Heimat-Freund. Kann man nichts machen, lieber so als gar nicht. Der dritte, ein Kumpel, ist ihr Tod. Der kann nicht gut genug Motorrad fahren. Regen schlug, die um sie standen / waren bleicher noch als sie / ist der Mensch einmal zuschanden / schweigt man, wenn er schrie.

Und Petra G., die starke, unabhängige, unstete, die sich ihn greift, was ihn stolz wie ein Pfau macht; ein paar Monate, verrückt nach den Maßstäben eines Dorfbengels, die Umsetzung aller sexuellen Theorien in die Praxis, schwüle Nächte im Großen Garten, in der Sonne im Apfelbaum-Paradies und nachts ganz oben auf der Strohmiete, nur nochein bisschen kühle Luft und viel luftleerer Raum zwischen ihnen und den Sternen. Die wilde Mathilde, / wenn die dich mal betrügt, / verzeih es ihr milde, / du hast halt nicht genügt. Vor dem milden Verzeihen kam erstmal das Leiden-wie-ein-Hund.

Aus Liebeskummer ein Studium schmeißen?! Es gibt schlechtere Gründe.

Und so ging’s weiter. Später wird ihn eine Frau fragen: Was hattest du für einen Lebensplan, damals, als wir 25 waren? Er hatte keinen, traf zwar Entscheidungen, ließ sich nicht treiben, aber ging, als wär’ der Weg das Ziel. Und Frauen säumen seinen Weg.

Petra L., die ihm in seine Arbeit als ihre Baby-Jahr-Vertretung im Jugendklubhaus ständig hineinredet, und später stinksauer wird, weil er ihre Erwartungen doch nicht erfüllt, dafür aber seine eigenen. Die dicke Eva S. mit dem viel älteren dicken Mann und dem dicken Sohn, erzählt jeden Donnerstagmorgen haarklein von Sue Ellen und Pamela und telefoniert dann mit Pausenclowns, Nachtwäschemodels und Schlagersängern, um den nächsten ‚Tanzabend für Paare’ vorzubereiten.

Frau Barthold und Frau Grohl, die Lehrerinnen aus der Zwergschule, jung und diensteifrig die eine, alt und mütterlich die andere, bekommen Nachfolgerinnen an der Uni. Die eine, die ihm wie ein weiblicher Hagestolz vorkommt, kritisiert den Stand der Frauenemanzipation in der DDR; die andere, so unmütterlich wie seine eigene Mutter, wird seine Mentorin.

Irgendwann ist auch der nicht so zielorientierte Dorfbengel halbwegs im Berufsleben angekommen und beobachtet die Kollegen, die sich Hahnenkämpfe liefern und sich zwischendurch bei den Kolleginnen anbiedern.

Er geht lieber zu anderen Frauen in die Hallen und Säle. Holly G., wie sie da steht, ihre zerschrammte Gretsch handhabt, singend Your love is a lie / and you love, a liar, early-sixties-outfit, knicksend, dankbar und auch ein bisschen ironisch lächeld, wenn die Leute klatschen und huh! rufen, weil sie super begeistert sind, er ist total hin und weg, geht nach dem Gig backstage und bietet ihr die Ehe an, versprechend, als Hausmann für sie zu sorgen, wenn sie von anstrengenden Touren nach Haus kommt, gerne auch Tourbegleiter zu spielen, im Blitzlichtgewitter schräg hinter ihr stehen... Sie fragt: Kannst Du Haggis zubereiten? Als ihm einen Moment das Gesicht zur Ekelmiene entgleitet, sagt sie Schade! und dreht sich um. Den nächsten Antrag macht er ihrer Kollegin Eleni M. in Joes Pub in NYC. Shut up! Du bist mir zu alt! Dann bot sich noch Patti als Gelegenheit an, aber die war IHM zu alt.


Nun steht er vor dem kleinen Mädchen, das jetzt die Frau ist, die erste und einzige, bei der er an’s Altwerden denken konnte, an’s gemeinsame. Sie sagt, dass sie ihn bewundert, dass sie ihn gar nicht wert sei, dass sie ihm nicht ebenbürtig sei, dass er eine klügere, schönere verdient hätte. Das sagte sie, kaum dass sie sich kennengelernt hatten, und das sagte sie auch noch, als sie schon zwei Töchter hatten. Aber ihre Liebe gibt es trotzdem nicht umsonst. Er soll immer anders sein. Er soll alles richtig machen. Ihr Gesicht bleibt sonst verschlossen, und das schließlich einmal zu oft und zu lange. Irgendwann hat er aufgehört, auf schön’ Wetter zu warten. Die Möbelpacker kennen das. Could I change his mind / or could he change mine?


Epilog ebenda

Erykah räuspert sich. Das ist ja alles sehr interessant, aber wohin nun? In den „Eva & Lilith-Garten“ oder den „Adam, Kain & Abel-Wald“?

Ist das wie die Wahl zwischen Himmel und Hölle? Was ist Himmel, was ist Hölle? Soll ich bestraft werden, weil ich nicht genug zur Hervorbringung selbstbewusster, starker Weiber beigetragen habe? Oder belohnt, weil ich eher ein Vater mit mütterlichen Anteilen war?

Er fühlt sich examiniert: Was habe ich im Krieg gegen den Vater-Terror geleistet? Was habe ich für eine gesunde Lebensweise ohne Mutter-Vergiftung beigetragen? Werden meine Töchter gute, nicht frühgestörte Mütter sein?!!!

Erykah: Du redest, als ginge es immer noch um Kopf und Kragen! Entspann’ dich! Ich verrate dir was: Du musst dich gar nicht entscheiden! Du darfst gehen, wohin du möchtest.

Du bist über’n Jordan, Junge!

There’s no need to hurry so / We’ll be dead before we’re through...



Für Ada, Alwine, Anette, Angela, Anna, Frau Barthold, Caterina, Charlotte, Christa, Christiane, Dorothea, Eleni M., Elfriede J., Frauke, Gabriele, Frau Grohl, Hanna, Hedwig, Heike, Holly G., Tante Irene, Janina, Elif A., Elina, Karin D., Karin H., Katharina, Lene, Lieselotte W.-H., Lucinda W., Magdalena, Maria, Marie, Margret, Patti S., Petra, Petra G., Petra L., Sabine, Rebecca, Rose-Marie, Rosemarie, Sibylle, Silvia, Tamara, Teresa, Therese, Tori A., Ulrike und noch viele andere aus dem großen Mädchen-Team!


Und, heute am 12. März 2010, aus gegebenen Anlass: Dank und viel Glück für CHRISAMAR!!!

"Ohne meine Fehler bin ich unvollständig." (M. S.)



(Die Zitate stammen aus Songs von Lucinda Williams, Eleni Mandell, Holly Golightly, sowie Renft, Silly und Pankow. Ein paar Begriffe sind bei H.-J. Maaz geklaut.)


10:52 08.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

Kommentare 58

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