Vaterlandslose Gesell:innen

Danke, Globalisierung Der Klassenkampf wird wieder spannend
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Im Freitag 34/2021 gibt es einen beachtenswerten Artikel von Mechthild Schrooten. Die Niedriglohnländer dieser Welt werden rar. China z.B. taugt nicht mehr zur „verlängerten Werkbank“ des Westens, wo für Minimallöhne zusammengeschustert wird, was im Westen geplant, konstruiert und designt wurde. Die Folge sei, dass die „abhängig Beschäftigten“ im Westen nicht mehr so einfach mit der Drohung, ihre Arbeitsplätze auszulagern, erpresst werden könnten. Die Beobachtung ist natürlich richtig. Der Verweis auf die internationalen Lohnentwicklungen vor allem im sog. globalen Süden ist ein wichtiger Fingerzeig, der Möglichkeiten eröffnet und der Linken eine praktisch-politische Knobelaufgabe stellt.

Wem gehört der Mehrwert?

Aber Formulierungen wie die vom „Verteilungskampf um den Mehrwert“ als Synonym für Lohnkämpfe (wie etwa den jüngsten der GDL) deuten auf ein Verständnis des Zusammenhangs von Kapital und Lohnarbeit („Kapitalseite“ und „abhängig Beschäftigte“ in den Worten Schrootens), das darauf hinausläuft, den Klassenkampf als eine Balgerei um Futteranteile zu verstehen.

„Kapitalseite oder abhängig Beschäftigte, welche Seite soll wie viel vom Mehrwert bekommen?“

Das wäre laut Schrooten „die alte Marx’sche Frage“ und „immer noch virulent und auch global relevant.“ Würden aber die abhängig Beschäftigten tatsächlich etwas vom Mehrwert abbekommen, hätten wir im Grunde schon ein bisschen Sozialismus, je nach dem, wie groß dieses „Stück“ ausfällt.

Nun ja, eigentlich stimmt das nicht. Sozialismus würde bedeuten, dass der Mehrwert vergesellschaftet wird. Was heute wiederum bedeutete, dass über seine Verwendung nicht privateigentümlich, sondern nach Gemeininteresse entschieden würde. Und das wiederum bedeutete eine Wirtschaftsentwicklung, die z.B. die Aussichten beim Umgang mit der Klimaentwicklung deutlich verbessern würde. Manchmal wird das auch „Wirtschaftsdemokratie“ genannt.

Das individuelle, genau wie auf der Kapitalseite private Abgreifen eines Stücks vom Mehrwert durch die abhängig Beschäftigten würde im Grunde eine privatkapitalistische, betriebs- und sogar nationalökonomische Dummheit bedeuten. Denn die eingekaufte Arbeitskraft wäre überteuert - und zwar im elementar ökonomischen Sinne. Auch bei der privaten Haushaltsführung ist es nicht ratsam, Dienstleistungen über ihren Wert zu bezahlen.

Das, was hinter den Lohnkämpfen im Kapitalismus generell steckt, ist der Kampf um die adäquate (!) Bezahlung der Arbeitskraft zu ihrem tatsächlichen Wert. Und die Ausgaben für diesen Wert gehen in die Unkosten der Produktion ein. Erst, was nach diesen übrig bleibt, ist der Mehrwert dieser Produktion. Die die Arbeit des Produzierens verrichtenden Lohnabhängigen kämen erst in einer Gesellschaftsform, die nach Gemeininteresse über den Mehrwert bestimmt, in den Genuss desselben. Aber auch der individuelle und familiäre Konsum wäre schon genussvoll, soweit er die erweiterte Reproduktion der menschlichen Wesenskräfte auf einem je aktuell adäquaten Niveau erlaubt. Die dazu nötigen Mittel sind der tatsächliche Wert der Arbeitskraft als Lebenskraft. Lohnkampf ist also ein Kampf, der der „Kapitalseite“ nicht den Mehrwert, sondern den Extra-Profit streitig macht.

„Wenn die Löhne steigen, schrumpfen die Renditen: Doch hier kennt das System keinen Humor. Dann wird umstrukturiert, es werden hektisch Produktionsprozesse ausgelagert, internationale Lieferketten etabliert, globale Unternehmenszusammenschlüsse geplant, Nullrunden bei den Löhnen gefordert, Löhne und Gehälter gesenkt, Menschen entlassen und dergleichen mehr. Seit den 1970ern nennen wir dies: ‚Globalisierung‘“.

schreibt Schrooten. Das ist aber nur eine konkrete Äußerungsform einer dem allgemeinen Kapital-Wesen von Anbeginn inhärenten Eigenschaft. Der Prozess der Globalisierung in den letzten 50 Jahren, genauer die Verlagerung privatwirtschaftlicher Produktionsstätten in Niedriglohngebiete, erscheint in dem Artikel als eine Folge der Lohnkämpfe im globalen Norden. Das ist ein folgenschwerer Irrtum. Die Lohnabhängigen sind nicht per se die Schuldigen an den Rationalisierungsbestrebungen des Kapitals. Die Entwicklung der technologischen und logistischen Produktionsmittel, Kapitalkonzentration, koloniale Raubzüge, geopolitische Strategien, schließlich die geschilderten Methoden der Lohnvermeidung - das alles ist nur dem Motiv der Profitmaximierung geschuldet. Und das heißt auch immer Streben nach Extraprofit.

Kapitalismus könnte so schön sein, wenn es in ihm keiner lebendigen Arbeit mehr bedürfte, er also vollautomatisiert (noch besser "artificially intelligent") funktionierte. Es würde hier zu weit führen, auf den tendenziellen Fall der Profitrate, der sich ergibt, weil die kapitalistische Rationalisierung den einzigen Mehrwert schaffenden Faktor, die Arbeitskraft lebendiger Beschäftigter, immer mehr zu reduzieren bestrebt ist, einzugehen. Einen Ausweg daraus meint das Kapital eben in der Lohnvermeidung durch die Ausbeutung von Arbeitskraft in Niedriglohnländern gefunden zu haben. Leider oder zum Glück beherrschen die Kapitalisten ihr eigenes System nicht.

Globalisierung und Internationalismus

Die Proletarier hätten kein Vaterland - über diesen Satz von Karl Marx ist seit Jahrzehnten nur noch gelacht worden. Und es sah ja auch tatsächlich so aus, als wäre das ein spinnerter Irrglaube. Die Arbeiter haben sich nicht nur in zwei Weltkriegen größtenteils bereitwillig patriotisch gegeneinander hetzen lassen, sie fühlen sich ja auch um ihr Eigenheim, ihre Autos, ihre Currywurst betrogen, wenn die Jobs in die Fremde zu anderen Arbeiter:innen verlagert werden.

Friedrich Engels schon hatte die Proletarier:innen vor den Verlockungen des Immobilienbesitzes gewarnt.

„Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet sie wieder an die Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten“,

schrieb er 1872. Damit bereits stellte sich die Erpressbarkeit der Arbeiterklasse und ihrer gewerkschaftlichen Interessenvertretungen her. Hier spielten Lohnerhöhungen eine den Kapitalinteressen sehr dienliche Rolle. Lohnsteigerungen schaffen (bescheidenen) Besitz. Und Besitzstände machen erpressbar. Außerdem wächst mit der kapitalistischen Rationalisierung der Bedarf nach immer qualifizierterer Arbeitskraft. Die herzustellen, ist teurer. Sie hat einen höheren Wert, kostet also einen höheren Lohn.

Bei den von Schrooten konstatierten Lohnsteigerungen in den bisherigen Niedriglohngebieten der Welt greift dieser Mechanismus ebenfalls. Das und die dort zunehmende Kraft der Lohnkämpfe sind die Ursachen für die tendenziellen Lohnsteigerungen. Und genau das ist eben auch „Globalisierung“! Globalisierung ist historisch keine besondere Perfidie des Kapitals, die den vaterlandsgebundenen, ihre jeweilige Muttersprache sprechenden Arbeiter:innen den Lohnkampf schwer machte. Globalisierung ist die globale Entfaltung des Kapital-Lohnarbeits-Antagonismus. Der globale historische Prozess verläuft diskontinuierlich. Das geschichtsblinde Kapital hat die so entstehenden Gefälle ausgenutzt und damit eben diesem Geschichtsprozess weiter auf die Sprünge geholfen. Diese Globalisierung ist ein gewissermaßen notwendiger Prozess, damit die „abhängig Beschäftigten“ den transnationalen, also internationalistischen Charakter ihrer Situation endlich wieder erkennen.

Die deutschen, die westeuropäischen Gewerkschaften, die politischen Vertretungen der Lohnabhängigen im Westen bzw. dem globalen Norden haben diese tatsächlich absehbare Entwicklung nicht sehen wollen bzw. ignoriert. Sie konzentrierten sich aus national-egoistischen und eurozentristischen Gründen darauf, einen genauso verbissenen wie erfolglosen Kampf um den Verbleib von Arbeitsplätzen, sprich Produktionsstätten, in Deutschland bzw. Westeuropa zu führen. Und ein opportunes (und opportunistisches) Mittel dazu waren Lohnverzicht und die Kapitulation vor allen möglichen politischen Methoden des Sozialabbaus. Sie hätten über den Marx-Satz nicht lachen und das gute alte Prinzip des proletarischen Internationalismus nicht fallen lassen dürfen, sondern es in praktische Politik umsetzen sollen. Sich mit Nachdruck internationalistisch solidarisch für die Kämpfe um höhere Löhne und Arbeiter:innenrechte überall auf der Welt einzusetzen, statt nur an hiesigen Privilegien zu klammern, hätte die nun nicht mehr zu übersehende Tendenz wahrscheinlich beschleunigt und wäre schneller positiv auf hiesige Kampfbedingungen durchgeschlagen.

Und hier liegt noch ein Hase im Pfeffer, wenn wir uns die in letzter Zeit auch in dieser Zeitung so unproduktiv ausgezankten Positionen innerhalb der Linken ansehen. Bezeichnenderweise reden beide Seiten - die sog. Wagenknecht-Linke und die identitäts- und kosmopolitische Linke - nicht über Internationalismus. Wagenknecht, die seltsamerweise immer noch als orthodoxe Marxistin gilt, verschweigt den internationalistischen Charakter des Widerspruchs von „Kapitalseite“ und „abhängig Beschäftigten“, weil er ihr strategisch nicht in den Kram passt. Die andere Seite führt einen Diskurs um einen ideellen, kulturell-symbolischen Kosmopolitismus (und bekommt dabei nichtmal den Widerspruch von Identitätskonzept und Multikulturalismus auf die Reihe).

Der Kern der dem Kapitalismus seit Anbeginn innewohnenden Globalisierungstendenz ist die globale Allgemeinsetzung des Konflikts zwischen den Kapitalinstitutionen und den lohnabhängig Beschäftigten. Das ist im Grunde ein alter Hut, aber für alle, denen das neu ist, eine positive Nachricht. Linke, besser gesagt sozialistische Politik muss nur die Konsequenzen daraus ziehen.

14:21 01.09.2021
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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