Von Turm zu Turm

Umzüge Aus einem Elfenbeinturm in den nächsten. Eine Geschichte in drei Teilen. Wie gemacht zum Verfilmen
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(1) Was Gut und Böse ist, wird schnell klar

Eine deutsche Kleinstadt, Sommer 1943. Werner, Gymnasiast, süße sechzehn, Sohn einer Frau aus bourgeoiser Familie und eines Biologen, der sich aus einfachen Verhältnissen hochstudiert und –geforscht hat, zweifelt nicht an dem, was seine Nazi-Lehrer ihm erzählen, fühlt sich zwar irgendwie unwohl, hört aber auch nicht auf seinen Vater, der sich der Kriegsforschung der Nazis aus humanitären Gründen verweigert. Am liebsten träumt Werner von dem Heldentum, von der treuen Kameradschaft und der Liebe, wie sie in den Romanen, die er liest, vorkommen.

Doch dann macht er den Fehler, seine Ideale in der Realität zu suchen. Liebe: Er verknallt sich in eine Großbürgertochter, eine Kleinbürgertochter, eine Nazi-Braut und schließlich in ein proletarisches Waisenkind. – Treue Kameradschaft: Mit einigen Jungs aus seiner Gymnasialklasse ärgert er Lehrer, spielt einem HJ-Führer Streiche, begeht Mundraub u.dgl. mehr. – Heldenmut: Singend, voller Hochgefühl zieht er mit den Kumpels in den Krieg, zunächst mal als Flakhelfer. Es kommt, wie’s kommen muss, eines Tages hat er genug Verbrechen, Dreck und Blut gesehen, er erschießt eigenhändig seinen besten Kumpel, der ein Kriegsverbrecher geworden ist und begibt sich in Gefangenschaft.

Desillusioniert und demoralisiert kehrt er zurück. Findet den Vater rund um die Uhr arbeitend am Aufbau eines Chemiewerks in der Ostzone, daselbst auch das proletarische Waisenkind, das mit Feuereifer in der neugegründeten FDJ mitmischt. Kommt aber mit dem Neuen nicht klar, geht in die Westzonen, versuchts nochmal mit der Großbürgertochter, die sich aber aus pauschal-misanthropischen Gründen für ein tolstojisches Leben in der Einöde entschieden hat, trifft andere Bürgertöchter und bürgerliche Kriegsheimkehrer, die nix dazugelernt haben – und landet schließlich verzweifelt dann doch wieder in der Ostzone beim Vater und dem proletarischen Waisenkind, das aber einen FDJler mit ebenfalls proletarischen Wurzeln und einer Zuchthausstrafe wegen antifaschistischen Widerstands ihm, dem unentschlossenen Bürgerbengel vorzieht.

Naja, und so weiter. Zum Ende von Teil 1 geht Werner, der das Abitur nachgeholt und ein neues Proletariermädchen gefunden hat, zum Studium in eine anderen Stadt.

(2) So richtig gut sind die Guten auch nicht

Gut zwanzig Jahre danach. Werner (heißt jetzt Joachim) hat Medizin studiert und ist nun ein herausragender Wissenschaftler und Forscher an einem führenden DDR-Institut. Sein Schwiegervater (nicht wundern: aus dramaturgischen Gründen muss die Vater-Figur jetzt sein Schwiegervater sein) ist der Institutschef. Zwar kein SED-Mitglied, aber seine Verweigerung gegenüber den Nazis und seine Aufopferung für den Aufbau sind Bonus genug. Leider bleibt er in der Vorstellungswelt des Bildungsbürgertums befangen und verweigert sich den anstehenden notwendigen Reformen im DDR-Forschungsbetrieb. Der diese Reformen vehement vorantreibende Parteisekretär des Instituts, ein grundgütiger und entschlossener Mann, der selbst kein Wissenschaftler werden konnte, weil er seine besten Jahre im KZ zubringen musste, wird mittels einer Intrige ausgebremst, die von der Allianz eines skrupellosen Karrieristen, dem um seine Reputation als Forscher-Autorität und Direktor bangenden Schwiegervater und unseres Werner, äh, Joachim gesponnen wird.

Irgendwann muss der Joachim sich aber entscheiden. Dem geht einiges voraus, ist ja ein Roman, auch die Liebe kommt wieder vor. Schöne, aber zunächst vom Vater, dem Institutschef, dann vom Gemahl unterschätzte Ehefrau, auch Wissenschaftlerin, begehrt auf. Idealistische, intelligente, von der verspießerten Ostberliner Intelligenzia und deren Brut angeödete Abiturientin, die es zu den idealistischen, nichtprivilegierten Industrieproletariern in die Provinz zieht. Die beiden Frauen helfen dem Joachim schließlich, doch wieder auf die gute Seite zu kommen.

(3) Die Guten waren in Wahrheit die Bösen

Kappe 20 Jahre später. Werner/Joachim heißt jetzt Richard, ist nun selbst der Chef, Chefarzt. Aus der eigenständigen Karriere seiner Frau ist nicht so recht was geworden. Aber sie haben einen Sohn, Christian, von süßen sechzehn, der internatsbewohnender Bestabiturient ist, und der sich oft anhören muss, wie schwer es sein Vater in der Nachkriegszeit hatte. Der Richard hat nebenbei wieder ein hübsches Proletariermädchen gefunden, zu dem er sich aber nicht bekennen kann, denn die bürgerliche Moral, die jetzt euphemistisch ‚sozialistische’ Moral genannt wird, erlaubt ihm dies nicht. Überhaupt ist der Richard ein ganz schönes etabliertes Nomenklatur-Arschloch geworden. Nichtmal mehr für die verdeckte Kundschafterarbeit, die er vor vielen Jahren noch aus Idealismus getan hatte, kann er sich noch erwärmen.

Sein Junge kommt lange mit den Mädels nicht in die Puschen, auch dabei war der Vater von ganz anderem Holz. Ein Grübler, ein Träumer, der zwar nicht glauben mag, was ihm seine Sozi-Lehrer erzählen, der ihnen aber trotzdem leidlich nach dem Munde redet, um sich seine Chancen aufs Medizinstudium nicht zu versauen.

Dann aber endlich, angesichts der Verbrechen und der Unmenschlichkeit beim Militär (hier hätte ich gern den NVA-Einsatz in Tschechien, Sommer 1968, hereingenommen, schon weil der Vater als junger Bursche in Teil 1 mit der Wehrmacht in Böhmen war, aber das historische Timing ließ das nicht zu) wird ihm klar, dass er nicht länger den Weg des Vaters gehen kann.

Auch die Mutter wächst über sich hinaus. Das alte Regime bricht zusammen. Nach all den totalitären Jahren von 1933 bis 1989 beginnt endlich eine Zeit, in der die wirklich Guten frei leben und ihres Glückes Schmied sein dürfen. Was natürlich auch kein Zuckerschlecken ist, das darf man nicht verschweigen. Für Glückssüchtige ist das auch nicht das Wahre...

Epilog

Da man nach Auslesen eines spannenden Romans immer gern wüsste, wie es mit den Figuren, die einem so ans Herz gewachsen sind, weiter geht, hier noch ein paar Ideen für Teil 4.

Gut zwanzig Jahre später. Christian, Mediziner, Ärzte ohne Grenzen, aus Freiheitsidealismus Militärarzt in Afghanistan, PTBS, leichtere Form, schmeißt den Arztberuf (Schulmedizin, Pharmaindustrie), wechselt von den Grünen zu den Piraten, wird weitere zehn Jahre später mit den Stimmen der Regierungskoalition (Reform-FDP, Grüne, Piraten) zum Bundespräsidenten gewählt.

Aber das muss ein anderer schreiben. Ich habe auserzählt.

Okay, ich gebe es zu, alles nur geklaut:

(1) Dieter Noll, Die Abenteuer des Werner Holt, 1960/63

(2) Dieter Noll, Kippenberg, 1979

(3) Uwe Tellkamp, Der Turm, 2008

Und was das Schlimmste ist: Auch alles schon verfilmt!

18:00 07.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

Kommentare 80

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