Während der Kopf denkt, wird der Hintern kalt

Nichts als Zeichen Der Geist, der Körper und die Seele oder Das Kichern beim Reißen des Klopapiers
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

An die Kabinenwand der institutionsöffentlichen Toilette hat jemand eine, sagen wir, polemische Aussage geschrieben. So etwas wie:

„Sigmar Gabriel macht'n guten Job!“

oder:

„Marx ist ein serial killer!“

Erste Replik:

„Fick Dich!“

Ein eher ruhiger, aber angenervter Beamter antwortet:

„Alter, ich bin zum Scheißen hier!“

Der nächste Kabinenbesetzer kehrt die Lettern zu:

„Scheiße, ich bin zum Altern hier!“

Während mein Körper sich ganz entspannt und unbeaufsichtigt, d.h. der Verstandeskontrolle entzogen, der Dinge entäußert, deren er sich im Interesse seines Wohlergehens regelmäßig entledigen sollte, beschäftigt sich mein Intellekt mit diesen „kleinen literarischen Spielformen“ (wie Michael Angele, der den Begriff hier verwendet, das vielleicht nennen würde), die einem in diesem Graubereich zwischen Print und Online geboten werden. Es scheint sich um eine Art kollektive Textproduktion zu handeln, die allerdings wichtige Merkmale von Kollektivität vermissen lässt. Dieses Kollektiv ist nicht strukturiert, weder hierarchisch noch anarchisch, es ist zufällig und eher anomisch. (Die Tatsache, dass unter den Bedingungen des lokal gültigen mentalitätshistorischen Entwicklungsstands diesen Raum bis auf die Putzfrauen ausschließlich männliche Personen betreten, was ja de facto schon ein Schritt zur Definition des Kollektivs wäre, wollen wir jetzt mal vernachlässigen.)

Es gibt keine Arbeitsteilung, keine Koordination und Kooperation, keine Planung, keine Kontrolle, nichts dergleichen. Es handelt sich also bei diesem (Text)-Produzenten doch nicht um ein kollektives Subjekt von der Art, wie sich der eine oder andere die Freitag- oder irgendeine andere Online-Community vorstellt. Ein Kollektiv kann man nicht verlassen, weil es als das konkrete Kollektiv, das es ist, nur so lange existiert, wie jedes der Teile, aus denen es besteht, an seinem Platz ist. Das verlassen eines Kollektivs ist die Zerstörung des Kollektivs – was natürlich auch seine Transformation in ein neues Kollektiv ermöglicht. Die Community aber kann man verlassen – und es gackert keine Henne.

Nein, was hier als scheinkollektives Produkt rauskommt, ist zunächst nichts als eine Sammlung von Versatzstücken, in der zwar die neueren Versatzstücke auf die älteren bezogen sind, das (vorläufige) Endergebnis aber keine kollektiv intendierte, geschweige denn planvoll herbeigeführte Gestalt hat. Erst ich, der Rezipient, stelle die (oder eine temporäre) Endgestalt her. Hernach kann sich der thread dann natürlich noch weiter-, tja, soll ich sagen „entwickeln“? Wohl eher skrofulös wuchern...

Apropos „ich“! Mein Intellekt war jetzt eine Weile so mit Grübeln beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass der Körper längst mit den Verrichtungen, die ihm obliegen und deretwegen wir diesen Ort aufgesucht hatten, fertig war. In einigen seiner Teile, etwa den Hinterbacken und den Hoden, machte sich bereits eine unangenehme Abkühlung bemerkbar. Im Geiste sehe ich meine Urologin ihre Stirn kraus ziehen. Sie sagt mir immer:

„Solange dein Urinstrahl kräftig ist, solange werden auch deine Gedanken-Gänge nicht versotten.“

Meine Urologin, Schulmedizinerin nebenbei gesagt, geht genau wie ich von der Identität von Geist, Seele und Körper aus. Aber bitte, „Identität“ meint nicht Gleichheit im Sinne von Selbigkeit!!! „Identität“ meint: ununterscheidbar-unteilbares Aufgehen im, äh, Eigentlichen.

Man könnte das vergleichen mit dem Zusammenhang von Raum und Zeit. Raum und Zeit sind nicht das selbe, klar, wird jeder zustimmen. Sie sind aber auch nicht nicht das selbe, soll heißen, sie sind identisch, und zwar in dem Sinne, dass sie realiter nicht für sich existieren, sondern nur in der Bewegung real sind. Eben so wie Geist, Seele und Körper nur als ein Mensch und nicht jeweils für sich existieren können. Der Baum ist ein Baum und viele Bäume, erst recht aber alle Bäume.

Aber: Ein Gespräch über Bäume ist fast ein Verbrechen, weil es das Schweigen über die Untaten der SPD-Führung einschließt – darauf hat ja dankenswerterweise der Blogger, puh, wie heißt der noch mal, mehrfach hingewiesen.

Was nun nicht heißen soll, dass man nicht gelegentlich über den Baum an sich, den Geist an sich (was die Rationalisten so gern tun), die Seele (was die, pffff, weiß nicht, na, die... Ihr wisst schon, so lieben, wovon sie aber behaupten, sobald einer Widerworte gibt, dass darüber nur geschwiegen werden könne) reden kann.

Reden kann man über alles. Und wenn ich meine Nägel geschnitten habe, könnte ich auch über diese Relikte reden, als ob sie nie ein Teil meiner selbst, sondern immer nur etwas außer mir gewesen wären. Bitte, das steht jedem frei, der Begriffe und Sprache hat. Aber, Vorsicht! Nicht in die Illusion verfallen, man hätte damit etwas anderes als eine konkrete Konfiguration von Begriffen und Sprachelementen geschaffen! Nein, man schafft gar nichts beim Reden über Fingernägel, nicht mal Fingernägel. So wie der Mensch, der die Formel „Geschwindigkeit ist gleich Entfernung (im Raum) geteilt durch Entfernung (zwischen zwei Zeitpunkten)“ erfand, nicht Raum und Zeit erfunden (oder ge-funden) hat, sondern nur eine Formel, um sich die Bewegung zu erklären. Oder wie Alain Badiou, der nicht für den Kommunismus, sondern für den Begriff „Kommunismus“ plädiert.

Inzwischen sind meine Eier eiskalt. Ich will also endlich putzen, was geputzt werden muss, waschen, was gewaschen werden muss, aber da fällt mir beim Anblick des Papiers in meiner Hand etwas ein und ich erweitere den Klowand-Thread um die anagrammatische Sentenz:

"Reißt es, bin ich zum Lachen da!"

https://lh3.googleusercontent.com/-bu7swEDk-oE/Up2gM3i-AHI/AAAAAAAADpE/t-d7r2Xx76g/s800/pisspic.jpg

10:23 03.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

Was man für eine politische Meinung hält, ist oft nur eine distinktive Attitüde.
goedzak

Kommentare 42

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