Warten auf Tschick

Iiiiiiiiih!!! Gegen die Herrschaft des toten Fleischs über das lebendige!
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Ein landesweiter Theatererfolg war die Geschichte ja schon, und nun sollen im Juni 2015 die Dreharbeiten zu einem Film nach dem Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf beginnen. Das Feuilleton kolportiert, dass Herrndorf eine Verfilmung eigentlich nicht gewollt, seine engsten Freunde aber doch noch vor seinem Tod autorisiert habe, einen Regisseur auszusuchen. Die Wahl ist auf David Wnendt gefallen. Dessen neuester Film ist noch nicht raus, da geht's schon an den allerneuesten. Wer Wnendts Film „Feuchtgebiete“ mochte und wer Tschick gelesen hat, wird ihn für eine gute Wahl halten. Auf mich trifft das zu. Was ich von dem Regisseur aber vor allem erwarte (und ihm zutraue), ist eine Verfilmung gegen den Hype!

Tschick ist als Roman nicht so unkonventionell, wie das euphorische Feuilleton noch immer nicht müde wird zu behaupten. Er enthält viele Klischees und Sentimentalitäten, wie sie auch jeder gute Popsong braucht, um ein bitter-süßes Stück Genuss zu werden, die aber aus ihm nicht gerade ein Avantgarde-Stück machen. Dass das Buch nicht bei den RomanheftleserInnen und pubertierenden Jugendlichen, sondern in der Hipster-Mittelschicht ein Erfolg geworden ist, liegt daran, dass das Qualitäts-Feuilleton mit seiner Darstellung des Romans als rauhes Stück nonkonformistische Genre-Literatur eben jenem Publikum eine Rechtfertigung dafür geliefert hat, sich einfach wieder mal nur unterhalten lassen zu dürfen. Genießen ohne schlechtes Gewissen - die ewige Sehnsucht auch des Popkultur-Bildungsbürgertums.

Aus einem Text, der sich alle Mühe gab, hässlich zu sein, hatte Wnendt 2013 einen ausgesprochen schönen Film gemacht. Vielleicht macht er nun aus einem Stoff, dem die Tünche des schicken Nonkonformismus angestrichen wurde, einfach einen spannenden Jugendfilm.

Und nun gucken wir uns zwecks Verkürzung der Wartezeit auf den übernächsten David-Wnendt-Film, nein, nicht den nächsten, die Klamotte "Er ist wieder da", sondern noch einmal einen "ur-alten" an...

„Ist Feuchtgebiete eklig?“ fragte BILD online einige Semi-Promis nach der Premiere des Films am 22. August 2013, zu denen auch ein Pornodarsteller mit Anhang gehörte. Die Antworten sind aufschlussreich. Alle beteuern, der Film sei gar nicht so eklig. Die meisten freut das (weniger Ekel, mehr Kunst), nur für den Pornstud ist das ein Defizit. Er wünscht sich „mehr Muschis, mehr Schwänze, mehr Sperma“. Offenbar sind sich alle einig: Muschis, Schwänze und Sperma sind die Krone des Ekligen. Ist ja klar in einer Kultur, in der man jeden und jede „versaut“ nennt, die die wenigsten Hemmungen gegenüber der eigenen und fremder Körperlichkeit haben.

Daneben versprach der zuständige Bild-online-Redakteur noch vor dem offiziellen Kinostart: „Krasse Szenen schon jetzt im Video!“ Und was sind die angeteaserten „krassen Szenen“? Etwas mit Drogen und etwas mit ’nem Jungen, der die Nase unterm Rock eines Mädchens hat.– Naja, wie gehabt. Drogen sind natürlich das Allerschlimmste, weil sie ja bekanntlich den jungen Menschen enthemmen und verleiten, das Aller-aller-schlimmste zu tun, nämlich „versaute“ Sachen zu sagen und auch noch zu tun.

Im Kino dann kommen die „Iiiih“- und „Äääh“-Rufe des Publikums in schneller Folge genau an den Stellen, wo der Film die von „Bild“ ganz naiv repräsentierten aktuellen „Scham- und Peinlichkeitsschwellen“, wie ein Norbert Elias das schon vor langer Zeit nannte, zu übertreten scheint.

Dieser Schwall von Affekten und Reflexen eines Publikums, das nach der BILD-Lektüre zum wohligen Ekeln ins Kino gekommen ist, wundert den daneben sitzenden, irgendwie nüchtern-distanzierten Betrachter nicht. Aber irgendwann nervt es doch (selten so ein unruhiges Publikum erlebt) und man fragt sich, warum diese ganz unpornografisch inszenierten Cunnilingus-, Masturbations- und Kopulationsszenen, wie sie auch sonst im Kino dauernd vorkommen, solche Reaktionen hervorrufen. Die Antwort ist schnell gefunden: Weil diese Szenen üblicherweise völlig aseptisch aufgetischt werden, denn das eigentliche Tabu ist die saftvolle Körperlichkeit, nicht ihre übliche, trockene, also "un-feuchte" Visualisierung. Wenn also in diesem Film etwas blassgelbe oder bräunliche Flüssigkeit ins Bild kommt, dann ist es aus, dann wird’s eben eklig.

Höre ich da jemanden sagen, ja, aber im Pornofilm kommen sie doch vor, die Körperflüssigkeiten! – Hmmh, scheint so. Aber mal ehrlich, Sperma im Pornofilm, ist das was anderes als abgeschossene Munition? "This is my cock and this is my gun / this is for killing and this is for fun", ein abgewandeltes Full-Metal-Jacket-Zitat, das ein Möchtegern-GI mal unter ein Schwanz-Selfie schrieb.

David Wnendt hat einen schönen Film gemacht. Wer Bilderlust hat, sollte ihn gesehen haben. Die Bilder sind natürlich designt, logo, aber sie sind nicht stylisch. Sie sind, mir fällt kein besseres Wort ein, funktionalistisch. Ich meine, sie sind eben nicht naturalistisch, aber auf Realismus hin angelegt.

Der Grundkonflikt des Films wird symbolisch, bildmetaphorisch als Gegensatz von lebendigem und totem Fleisch dargestellt. Das tote Fleisch – ein gestopfer Truthahn, Steaks auf einem Grill - ist die Konvention, die Norm, die herrschende Kultur. Es kommt ungeschminkt ins Bild, aber niemand ächzt vor Ekel. Das lebendige Fleisch, die Körper voller Blut, Schleim und Exkremente, die täglich Blut, Schleim und Exkremente absondern, werden mit allen mimetischen Tricks vorgeführt, d.h. nicht sie selbst und ihre Entäußerungen werden gezeigt, sondern eine Vorstellungsimpulse gebende Sequenz von Abbildungen, angeschnittene Körperbereiche, tropfende rote Flüssigkeit, etwas in Zeitlupe fliegendes Blassgelbes – und das löst dann die Iiiihs und Äähs der reflexartig von den eigenen Vorstellungsinhalten angeekelten Zuschauer aus. Die Zuschauer, und das ist traurig, akzeptieren die Konvention, die Grenzen, die Fesseln, die normative (Pseudo)-Sinnlichkeit, die Unterdrückung der lebendigen Körperlichkeit, und sie distanzieren sich von der Realität der eigenen Körper wie von einem peinlichen Mitmenschen.

In der Schlüsselszene des Films kommt ein riesiger gestopfter Truthahn auf den Tisch, um den sich die Familie der Heldin Helen, Vater, Mutter, kleiner Bruder, und viele Gäste versammelt haben. Der Vater, in uralter patriarchaler Tradition des Fleischessens, übt das Amt des Trancheurs aus. Während er den gerupften und gebratenen Großvogel mit der Geflügelschere auftrennt, erzählt er locker von der Geburt seines Sohnes, bei der der notwendige Dammschnitt bei seiner Frau mit ähnlichem Gerät und unter ähnlichen Geräuschen vom Arzt ausgeführt worden sei. Die Figur des Vaters gibt damit nicht etwa einen ungeschminkten Blick auf die Realität z.B. des gebärenden Frauenkörpers, im Gegenteil, er macht aus Schmerzen leidendes lebendiges nun mehr totes Fleisch. Für Helens Mutter ist das nicht die erste Verletzung. Sie ist zerstört und kann ihrer Tochter keine verlässliche Mutter mehr sein.

Helen sucht nach der Lebendigkeit und nach dem Schmerz, der nur das Lebendige befallen kann. Der konventionelle Wunsch nach aseptischem Sex hat was Nekrophiles. Nur die Unterhose einer zur Begräbniszeremonie hergerichteten Leiche wird von keinem Ausfluss mehr durchtränkt. Helen besteht auf ihrem saftstrotzenden, feuchten, tropfenden, glitschigen, stinkenden Körper und sucht die Säfte und den Gestank anderer lebendiger Körper. Den Schmerz erleidet und erträgt sie, nicht weil er ihr Lust bereitet, sondern weil er ihr sagt, dass sie noch nicht wie ihre Mutter ein toter Truthahn auf der Festtafel ist.

Wolfgang Herrndorf, Tschick, Roman, Rowohlt 2010

Charlotte Roche, Feuchtgebiete, Roman, Dumont 2008

David Wnendt, Feuchtgebiete, Film, Deutschland 2013

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Geschrieben von

goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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