Wurzelgemüse

Dummheit verbreitet sich pestilenzartig? Die dümmliche Arroganz war schon vorher da
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Sie sitzt da als heulendes Elend vor mir. So kenne ich sie gar nicht. Meist grinst sie einen unbefangen an, klopft Sprüche in diesem unverwechselbaren örtlichen Idiom, dass auch hier fast nur noch Leute sprechen, die in den Mittelschichtmedien als „bildungsfern“ bezeichnet werden.

Es sind junge Leute und nicht mehr so junge, denen man ihr Alter, anders als bei ihren AltersgenossInnen aus eben dieser „Mittelschicht“, auch ansieht. Wie ihre Mutter, die als Friseuse ihre alternde Haut zu Markte trägt, manche würden sagen, noch zu Markte tragen darf. Und die auch gern mal von Kunden erzählt, die keine Ahnung von ihrem Handwerk haben, aber glauben, es ihr erklären zu müssen. Als die Mutter so jung war, wie ihre Tochter heute ist, war sie immerhin mal zum Internationalen Frauentag in der örtlichen Zeitung zu sehen. Ihre Tochter käme da nur hin, wenn sie an einem Model-Wettbewerb teilnehmen würde.

Heute sitzt sie also ziemlich verschmiert vor mir, und ich kriege keine lustigen Episoden aus dem Arbeitsleben einer Supermarktkassiererin zu hören. Wie die von dem Mucki-Typen, der seine Geldbörse immer demonstrativ aus der Hose zieht, wohlgemerkt nicht aus der Hosentasche! Solche Geschichten erzählt sie sonst mit einem Lachen. Damit kann sie umgehen. Da wäscht man sich in der Pause, so kurz die sein mag, eben die Hände und fertig.

Was sie diesmal fertig gemacht hat, war der olle Typ, für den sie sonst immer Luft ist, der sich zu fein ist, auf die zwar einstudierten, weil vom Chef geforderten, aber doch auch ehrlich gemeinten Höflichkeitsfloskeln einzugehen („Vielen Dank für Ihren Einkauf bei XXX! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“) Aber diesmal musste sie ihn nach dem Namen des Wurzelgemüses fragen, das er aufs Band gelegt hatte. Jetzt weiß sie für immer, wie es heißt: Sellerie (ach, das also ist Sellerie!) Zu Hause gabs nie welchen. Ihr versoffener Vater hat das Zeug gehasst, und wenn etwas vorkam, was er hasste, gabs großen Ärger. Ihre Mutter, die das Arschloch endlich losgeworden ist, kauft auch heute noch keinen Sellerie.

Sie fragt also den sauertöpfischen Herren: „Was ist das?“, denn die Kassenschlange ist lang, am Gemüse ist kein Scanner-Code, also muss sie in Windeseile die Nummer aus der Liste suchen. Er sagt, und sie schaut schon beim arroganten Ton der Stimme auf in sein blasiertes Gesicht, „Afrikanische Makawumba-Früchte.“ Ihr Zeigefinger rast automatisch los über die Gemüseliste, aber da ätzt er auch schon: „Das ist deutscher Sellerie!“ Du dumme Tusse! Das sagt er nicht, aber sie hört es genau. Und abwaschen lässt sich das auch nicht so leicht.

Ich selbst hab mich ja unter den ulkigen Bedingungen eines Arbeiter-und-Bauern-Staats aus dem Stand der blöden Bildungsfernen (Vater, Sechsklässler, ungelernter Arbeiter, Mutter, Achtklässlerin, abgebrochene Friseusenlehre) herausgewurstelt. Meine Sprösslinge sind nun selbst Mittelschichtkinder. Sie reden so akzentfrei und vokabelreich, sie hören die Musik, die dazu gehört, und tragen die Klamotten, an denen man sie erkennt. Aber mein Töchterlein hat immerhin noch diese ihre Prekariatsfreundin aus den Zeiten der Grundschule. Ich stelle Hanna, nein, sie heißt nicht Chantalle, den Teepott hin, sie schlürft ein Schlückchen. Dann grinst sie schon wieder, fragt: „Und, was’ das fürn exotischer Tee, vielleicht krieg ich den morgen auch aufs Band.“ „Keine Angst", sag ich, "die Leute, die dich heut zum Heulen gebracht haben, kaufen Bio-Tee in der Tee-Boutique.“

Dann kommt mein Kind nach Hause und die beiden ziehen ab in die Kneipe.

Vielleicht noch dieser Hinweis auf ein amüsantes Buch:

Anna Sam, Die Leiden einer jungen Kassiererin, Goldmann 2012

Credits: Zu danken ist dem deutschen Michel und seinem Dünkel
10:09 05.12.2013
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Geschrieben von

goedzak

Wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein. (F. Hollaender)
goedzak

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