Erkundungen im Schall

Extreme Musik Sunn O))) verkörpern die radikale Absage an eine Welt, die sich selbst zu öde geworden ist. Eine Hommage.
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“In his dreadful lassitude and objectless rage, Cobain seemed to have give wearied voice to the despondency of the generation that had come after history, whose every move was anticipated, tracked, bought and sold before it had even happened. Cobain knew he was just another piece of spectacle, that nothing runs better on MTV than a protest against MTV; knew that his every move was a cliché scripted in advance, knew that even realising it is a cliché. The impasse that paralysed Cobain in precisely the one that Fredric Jameson described: like postmodern culture in general, Cobain found himself in ‘a world in which stylistic innovation is no longer possible, where all that is left is to imitate dead styles in the imaginary museum’.”

-Mark Fisher, Capitalist Realism: Is there no alternative?

Eine lange Kette von Anspielungen und Verweisen führt von sunn O))) zurück zu Kurt Cobain. Und doch ist die Gruppe ein Phänomen mit verblüffender Ähnlichkeit zum Grunge der 90er Jahre. Zu der radikalen Absage, zur Verneinung einer Gesellschaft, die sich selbst zu öde geworden ist, die genug von sich selbst hat. Doch seit den 90er Jahren hat sich die Landschaft des Konsums geändert. MTV selbst ist zu einer Nischenerscheinung geworden. YouTube, Spotify, iTunes und andere Webdienste beherrschen den Musikmarkt. Der Ausdruck des musikalischen Mainstreams fokussiert sich nicht mehr auf eine Jugendbewegung, sondern ist wie durch ein Prisma in Subgenres und Subkulturen gefächert. Der Musikmarkt entwickelte sich frei nach dem Leitbild einer Totalität der Kulturindustrie; es ist für jeden etwas dabei.

Und doch ist das Grundproblem genau das, was Frederic Jameson beschreibt – die gewünschte Innovation scheint unmöglich, alles was bleibt, ist die Imitation des Toten, das Sprechen in der Sprache und mit der Stimme des bereits dagewesenen. Und genau an diesem Punkt erscheint sunn O))) als innovativer Vernichter: In ihrer Musik existiert keine Melodie, sie hat keinen Ohrwurmcharakter, sie hat keine Ähnlichkeit mit der Popmusik der Top 10. Und gleichzeitig ist sie doch eine Wiederholung, ein Ausdruck mit den Mitteln des bereits gewesenen. Schon der Name trägt diese Bedeutung – Sunn war ein Hersteller von Verstärkern mit einer besonderen Kraft, die sie interessant machte für Bands wie Jimmi Hendrix, Nirvana, Steppenwolf, The Melvins, Mountain oder Kyuss. Sunn ist aber auch ein Verweis auf die Sonne, die Gruppe nannte sich zuvor Mars und war eine Tribute Band zu der innovativen Musik der Gruppe Earth. Earth hatte mit den Alben 'Sunn Amps and Smashed Guitars' und 'Earth 2: Special Low Frequency Version' die Grundlage für den Klang von sunn O))) gelegt. Tiefe und langsame Gitarren, endlose Wiederholungen, eine hohe Lautstärke und intensive Störgeräusche bilden diesen Boden. Earth' Gründer Dylan Carlson war angeblich auch derjenige – und damit ist der Bogen zu Nirvana schnell geschlagen –, der die Waffe für Cobains Suizid beschafft hatte.

Mit Earth bricht die Kette von Verweisen nicht ab. Die Band benannte sich selbst nach dem Urvater des Stoner Rock 'Black Sabbath', denn bevor sich die Musiker unter diesem Namen versammelten, nannten sie sich Earth. Der Stoner Rock und der verwandte Doom Metal sind einer der großen Einflüsse auf sunn O))). Ursprünglich eine Zwei-Menschen-Combo, holte sich sunn den Sänger Attila Csihar ins Programm. Als Void ov Voices ist der ungarische Musiker unter anderem auch als Sänger der norwegisch Black Metal Pioniere Mayhem bekannt. Wer zwischen grungigem Drone und norwegischem Black Metal eine fruchtbare Verbindung vermutet, der ist bei sunn genau richtig. Spätestens mit dem Album 'Monoliths & Dimensions' gelang sunn der Durchbruch zu den wichtigsten Musikern in einem Feld, in dem sie anfangs als Coverband einstiegen.

Während der Grunge die Absage an die Populärkultur inmitten ihres wichtigsten Mediums MTV celebrierte, verschwor sich der frühe Black Metal einem Leben im Untergrund. Grundsätzlich ist für den Black Metal in seiner Authentizitätsfixierung alles, was den Proberaum verlässt, ein Schritt in die Degeneration der öffentlichen Meinung. In die Sphäre der Leute. Beide aber teilen den Drang zum Extremen. Im Fall von Kurt Cobain ist das der Suizid, die Auslöschung des eigenen Lebens. Die frühe Szene in Norwegen führt ihre Musik in immer neue Abgründe und macht auch vor der Grenze des Persönlichen keinen Halt; Brandstiftungen an alten Kirchen folgt die Zerstörung des eigenen Lebens, schließlich der Mord. Während der Grunge von Zynismus und Selbstironie begleitet wird, stellt der Black Metal die Unterwerfung unter den Tod in den Mittelpunkt des Schaffens.

Wie der Black Metal unserer Zeit, der innovative, der in Polen gespielt wird, ich denke an Batushka und Mgła, den Ausweg vor dem fatalen Ende durch Zerstörung seiner selbst und seiner Mitmenschen gefunden hat, ist ein uralter Trick, den sunn 0))) teilen. Sie differenzieren zwischen Performance und Privatem. Sie inszenieren sich obskurantistisch, sie tragen Masken. Im Black Metal sind das schwarze Kaputzen, unter denen kein Gesicht zu sehen ist. Ihre Konzerte sind schwarze Messen, Zelebrationen eines großen und unheinmlichen Nichts. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern der Schall – in diesem Fall ein Sunn O))), ein Bassverstärker, ein Produkt des Kapitalismus. Und damit schaffen sie die Balance zwischen Ikone und Ironie, die diese Gruppe so besonders hervorhebt.

Gerade touren sunn O))) durch Europa. In Deutschland begleitet sie dabei Casper Brötzmann. Wer sie sehen möchte, sollte an Gehörschutz denken, denn es wird mit Sicherheit sehr laut werden.

10:27 01.10.2019
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Geschrieben von

Görlitz

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