Schwense&Pfotzen – Kritik zur Leo Köppen Show

Filmkritik Eine Abrechnung mit dem Leben lautet der Untertitel des Films "Die Leo Köppen Show". Nach „Das Welt Dilemma“ sein erster Film in (fast) Spielfilmlänge.
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Coitus interruptus – von lat. coitus „Geschlechtsverkehr“ und interruptus „unterbrochen“ bezeichnet die natürliche Empfängnisverhütung, bei der der Geschlechtsverkehr unterbrochen wird, sodass der Samenerguss außerhalb des weiblichen Geschlechtsorgans stattfindet. Diese Methode der Verhütung ist in der modernen Welt verpönt, da sie als unsicher gilt und nicht vor eventueller Übertragung von Geschlechtskrankheiten schützt. Sie verlangt äußerste Selbstkontrolle und Willensstärke auf Seite des Mannes. Vom sexuellen Akt her betrachtet liegen die Qualitäten des guten Mannes (des guten Liebhabers) also in eben diesen seinen Eigenschaften. Er triumphiert über sich selbst und über die Natur, so wie er es will. – Ist das eine Verkettung legitimer Überlegungen oder der Bluff von tausend Jahren Patriarchat?

In ihrer ersten Szene präsentiert sich die Leo Köppen Show: Ein junger Mann läuft mit einer Axt bewaffnet in den Wald und beginnt unter Rufen aus dem Off auf den Boden einzuschlagen. „Ich bin ein Mann! Ich bin ein Mann!“ Später sehen wir ihn eine Gummipuppe aus dem Fluss ziehen (das Auftauchen der Frau: dreckig, dürr, aber mit großen Brüsten, langen blonden Haaren und weit geöffnetem, die Penetration willkommen heißendem Mund). Sie wird penetriert, mit einem Umschnalldildo und mit Worten: „Banane, Gurke, Salzstange!“, geschlagen und gewürgt. Wehren kann sich die Puppe nicht. Ob die handelnde Figur ein Mann ist, das ist nicht ganz klar. Nicht nur, dass durch die Rufe etwas eingeredet werden muss, das nicht von selbst ersichtlich ist, auch die Attribute der Figur (Salzstange, Axt und Dildo) sind vor allem eines; Substitutionen des männlichen Geschlechtsorgans, Abbilder, die im Gegensatz zum Penis selbst immer bereitstehen zum Einsatz, unabhängig von Leiblichkeit, Gefühl oder Fantasie. Damit ist das Thema des Films unmissverständlich gesetzt: Es geht um die Dekonstruktion geschlechtlicher Rollenbilder.

Interruptus, das findet in diesem Film vor allem statt, bevor es zum Pathos kommt, zur Sinnlichkeit oder Melancholie. Ein giftiger Zynismus breitet sich von der ersten Minute an aus und verhindert die Teilnahme am Geschehen. Eine Geschichte fehlt vollkommen. Das Zynische sucht sich den Ausdruck in Schnitt und Kameratechnik: Zensurbalken fliegen durch die Luft, Warnungen machen auf fehlende Clips aufmerksam, kitschige Übergänge in Überlänge zersetzen die Bildfolge, Penisse und Vaginen werden eingeblendet. Die Szenen stellen uns Menschen vor im Kampf gegen sich selbst und das Leben. Die Unterbrechung findet sozusagen vor dem Orgasmus und nicht vor der Befruchtung statt. Ist der Film also ein Druck ohne Befreiung oder gibt es doch den Moment, an dem es zum Punkt (zum Schuss) kommt?

Das scheint hier ganz entscheidend. Entweder ist der Film ein subversiver Beitrag zum Überdenken der ganzen Geschlechterkonventionen oder aber er ist ein 60-minütiger Selfie, eine Show über Leo Köppen und seinen medialen Penis (seine Willensstärke, seine Selbstkontrolle, seine künstlerische Begabung). Die Effekte, die Machart, der Schnitt können alleine nicht über diese Frage entscheiden. Es muss geschaut werden, ob sich durch sie und mit ihnen etwas ausdrückt, das wert ist beachtet zu werden. In dieser Hinsicht fährt der Film erst mal ein großes Plus ein; er versucht nicht zu belehren und ist nicht aufklärerisch, aber er begeistert eben auch nicht. Dazu komme ich aber später noch einmal. An vielen Stellen lässt sich eine interessante Bewegung feststellen. Immer wieder wird ein Sinn angedeutet, etwa im Vergleich der Liebe mit einem Bagger oder in der Frage der Handpuppe: „Warum laufen, wenn man auch tanzen kann?“, nie aber wird es im Ganzen ausgesprochen, interpretiert und mit den restlichen Szenen in Verbindung gebracht. Es entsteht die Illusion, man müsse nur einen Schritt weiter denken, eine Chiffre mehr berücksichtigen, einen weiteren Farbcode interpretieren, um den ganzen Sinn, die ganze Aussage packen zu können. Aber plötzlich kommt der Sinn abhanden und die Chiffre verweist nur auf sich selbst. Diese Bewegung ist für sich genommen das Stärkste, was der Film zu bieten hat. Sie verbirgt immer wieder, dass es im ersten Moment gar nichts gab, das zu verbergen war. Ohne diese Elemente ist es wirklich nicht mehr, als eine aufwendige, feierliche Selbstdarstellung Leo Köppens und der jungen Weimarer Szene.

Zur Begeisterung ist dieser Film leider nicht fähig, denn mit seinem bildstürmerischen Drang räumt er nicht nur mit den lebensfeindlichen Illusionen auf, sondern leider auch mit denen, die Leben spenden. Die versprochene Befreiung tritt nicht ein, sondern eine Entlassung ins Leere. Ein Leeres, das nicht Möglichkeit bedeutet, sondern verspielte Möglichkeit.

Die Leo Köppen Show feierte im Sommer 2013 Premiere und ist seit Juli 2014 frei im Internet anzuklicken: http://vimeo.com/99055152

16:40 24.08.2014
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Geschrieben von

Görlitz

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