Wird der Protest zur Ware?

Internetaktivismus Wie sieht der linke Protest der Zukunft aus und wohin geht das Internet? - Warum Avaaz der falsche Weg ist die Probleme der Welt zu lösen.
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Wem gehört eigentlich das Internet? Man mag meine Position zu dieser Frage naiv finden, aber ich denke doch, dass das Netz seinen Nutzern gehört. Es ist eine Kommunikationsplattform in einem noch nie dagewesenen Ausmaß, die Informationen beinahe ohne Zeitverlust in alle Welt verbreiten kann, in der Menschen aus den entlegensten Winkeln der Welt ohne Rücksicht auf Entfernung in Verbindung treten können und z.B. synchron an etwas arbeiten können, was nach herkömmlichen Methoden einen riesigen Zeitaufwand bedeuten würde, allein um die Informationen zu übermitteln. Im Internet steckt ein ungeheures Potential für die internationale Gemeinschaft, aber dieses Potential findet keine entsprechende Aktualität, denn das Internet gehört nicht seinen Nutzern und Nutzerinnen.

Das Internet gehört nicht seinen Nutzern und Nutzerinnen

Das Internet wird auf der einen Seite von großen Konzernen kontrolliert, sie besitzen die Portale, die Server, die Clouds, die Suchmaschinen und Sozialen Netzwerke. Ich denke an Google, Twitter, Facebook, Microsoft, die zumindest in der westlichen Welt die Giganten sind. Und, Snowden sei Dank, wissen wir heute, dass auch staatliche Geheimdienste im World Wide Web ihr Unwesen treiben. Das Internet, das frei sein sollte, ist nicht frei.

Wir nennen das frei, was von nichts, als von uns selbst abhängig ist und was wir nach belieben nutzen können, so wie wir es für richtig halten. Google, Facebook & Co. wollen uns den Anschein dieser Freiheit verkaufen und machen damit ihr Geschäft. Doch was ist das für eine Freiheit, die von der Willkür einer Geschäftsführung oder der Kontingenz des Aktienmarkts abhängt?

Alle Freiheit, die uns im Internet bleibt ist eine geliehene Freiheit und sie kann uns in jedem Moment wieder genommen werden und alle diese Konzerne haben ihr bestes gegeben zu zeigen, dass sie überall und jederzeit bereit sind sie mit Füßen zu treten, wenn es das Geschäft belebt.

Was sind internationale NGOs?

Der internationale Raum zeichnet sich im Gegensatz zum staatlichen Raum durch seine Ungeregeltheit und Unsicherheit seiner Verhältnisse aus. Das mag weder auf alle Staaten zutreffen, noch auf alle zwischenstaatlichen Verhältnisse, denn es gibt Staaten in sehr unsicheren Verhältnissen und zwischenstaatliche Angelegenheiten, die wohl geordnet sind, ist für den Großteil der Welt aber zutreffend. Denn im Staat ist die Ordnung durch demokratische Prozesse legitimiert, während im internationalen Raum Ansprüche auf Regeln nur mit blanker Macht verteidigt werden können und Sicherheit durch gegenseitige Bedrohung Aufrecht erhalten wird.

NGOs handeln mit einem guten Gewissen, wie Coca-Cola mit Zuckerwasser

In dieser Lage gegenseitiger Bedrohung gibt es Global Player, die durch das Selbstbestimmungsrecht der Völker legitimiert, die Interessen eines Staates vertreten und andere, die durch kein solches Recht gedeckt sind. Sie vertreten das Interesse von Privatleuten, partikulare Interessen, die sie mit Macht gegen andere durchsetzen.

Was unterscheidet in dieser Hinsicht ein international tätiges Unternehmen wie die Coca-Cola-Company von einer NGO wie Avaaz oder GreenPeace? Ich sehe hier keinen relevanten Unterschied und diese Organisationen stehen im Zugzwang ihre Politik zu rechtfertigen.

Jetzt mag eingewendet werden, dass Coca-Cola die Umwelt zerstört, während GreenPeace sie zu beschützen versucht und dass die Unternehmen rücksichtslos nach Profit streben, während die NGOs einer politischen Verpflichtung verbunden sind. Das mag auf einige Fälle zutreffen, ohne dass die Beispiele diese Frage werden beantworten können.

Es ist richtig, dass Coca-Cola ihr Zuckerwasser auch ohne Zucker verkaufen kann, warum nehmen wir dann an, dass eine NGO nicht genau so gut Politik ohne Verpflichtung betreiben kann?

Wer entscheidet darüber, wofür Avaaz einsteht?

Nehmen wir zum Beispiel Avaaz, das eines der größten Plattformen für internationalen Klicktivismus ist. In einem Porträt Avaazgründer Ricken Patel (der freitag vom 13. Dezember 2013) beschreibt Carole Cadwalladr das Vorgehen bei Avaaz so:

Avaaz agiert weniger nach Gefühl als vielmehr pragmatisch. Die Kampagnen werden nicht gestartet, weil Ricken Patel oder die Mitarbeiter so leidenschaftlich daran glauben, sondern weil sie als erfolgversprechend gelten.

Und weiter:

Avaaz versucht, die Geheimnisse des Internets zu entschlüsseln, herauszufinden, warum ein Video von einem Katzenbaby ein Megahit wird und ein anderes nicht. Die Erkenntnisse werden dann auf Themen wie Völkermord, Vergewaltigung oder die Ausrottung von Tierarten übertragen.

Die selben psychologischen Mechanismen, die unser Internetverhalten bei einem Überangebot an Unterhaltung durch das Internet navigieren werden hier über für die Beantwortung der Frage verwendet, welches Elend uns empören soll. Avaaz weiß das im Voraus. Genau so, wie Google weiß, dass du schwul bist, noch bevor du es dir selbst eingestanden hast. Avaaz weiß eben um deine politische Meinung, noch bevor du auf das Problem aufmerksam geworden bist. Ein Wissen, dass sich aus der Analyse und dem Vergleich von NutzerInnenverhalten im Internet ergibt.

Politische Aktivisten und Aktivistinnen sind weder Kunden noch Nutzerinnen

Wie weit darf das Muster des Internetverhaltens über Fragen der internationalen Politik entscheiden?

Die internationale Stimme Avaaz (Avaaz heißt im persischen Stimme) ist nicht die Stimme des Protests. Sie tritt jedem Empörten und jeder Empörten als etwas Fremdes gegenüber. Avaaz ist der entfremdete Protest der internationalen Gemeinschaft.

Die Inhalte sind schon da, der Protestplan schon vorgelegt, die Informationen gesammelt, der Internetpassivist braucht ihn nur noch abzusegnen.

Die Arbeit wird geteilt und das Produkt von der Produzierenden getrennt. Die Fürsprecherin ist nicht mehr die Schreiberin der politischen Agenda. Die Reporterin nicht mehr die Kämpferin an der Front des Protests.

Das Leiden der Welt erscheint uns unüberblickbar. Woher soll ich heute auch wissen, worüber ich mich morgen empören soll? - Avaaz weiß es und deshalb kann es uns einen Reiseführer an die Hand geben, der unsere Empörung organisiert und kanalisiert.

Protest, Empörung und Aktivismus werden damit zur Ware und nicht mehr der Mensch ist das Subjekt, das die Welt verändert, sondern die kapitalistische Logik der Warenverteilung.

15:56 17.12.2013
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Geschrieben von

Görlitz

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