Lippen Schweigen

Zum 25. Todestag Vor 25 Jahren, am 22.12.1989, ist Samuel Beckett in Paris gestorben. Eine biografische Erinnerung
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Als er zwanzig Jahre zuvor, 1969, den Literaturnobelpreis erhielt, war das für ihn eine Katastrophe, die er kommen sah. Er floh mit seiner Frau Suzanne nach Tunesien. Er akzeptiert zwar die Ehre, zur Verleihung aber kam er nicht.

„Erfolg oder Misserfolg in der Öffentlichkeit haben mir nie viel bedeutet; tatsächlich fühle ich mich im letzteren weit eher zu Hause – ich habe seinen belebenden Hauch mein ganzes Schriftstellerleben lang geatmet, bis auf die letzten paar Jahre. Glücklich sind jene Autoren, von denen man nicht einmal weiß, ob sie wirklich gelebt haben.“

Samuel Barclay Beckett wird am 13. April 1906, einem Karfreitag, in Foxrock bei Dublin geboren. Vielleicht, sicher ist das nicht. Auf der Geburtsurkunde steht 13. Mai. Vermutlich hat sein Vater William versehentlich das falsche Datum eintragen lassen. Die Mutter Mary jedenfalls feiert ihren Sam immer am 13. April.

„Man kann wohl sagen, dass ich eine glückliche Kindheit verlebt habe, obwohl ich zum Glücklichsein nicht sehr begabt war. Meine Eltern haben all das getan, wodurch man eine Kindheit glücklich machen kann. Aber ich habe mich oft recht allein gefühlt.“

Die Mutter ist strenge Protestantin. Der Kirchgang ist für sie eine heilige Pflicht. Sam geht lieber mit dem Vater wandern. Der will „mit den Vögeln auf den Bergen zur Kirche gehen“. Die Ausflüge mit Vater William werden für Sam ein Leben lang, schönste Kindheitserinnerungen sein. Becketts Familie gehört zur protestantischen Minderheit in Irland. Religiös und geistig mit England verbunden, bilden die Protestanten die ökonomische Oberschicht. Den Kampf der katholischen Mehrheit um Unabhängigkeit ignorieren sie so gut es geht. Wahrscheinlich hat das Kind Sam trotzdem vom Bürgerkrieg mitbekommen. Geschrieben hat er darüber nie, jedenfalls nicht direkt. Sam wird, wie es sich für wohlhabenden protestantischen Nachwuchs gehört, auf Privatschulen geschickt. Mit Vierzehn kommt er auf die Portora Royal School im nordirischen Enniskillen. Schon Oscar Wilde war ein Absolvent dieses Internats. Ehrenhaftigkeit, Treue und Redlichkeit sollen die Schüler hier lernen. Im Oktober 1923 schreibt sich Samuel Beckett am berühmten Trinity College in Dublin ein. Er studiert Romanistik und moderne Literatur. Sein Examen wird er in Französisch und Italienisch machen. Er verschlingt Dantes „Göttliche Komödie“. Beckett ist ein glänzender Student, bekommt Auszeichnungen und Preise. Das Geld seiner Eltern, sein Vater ist selbständiger Baukalkulator, ermöglicht ihm Studienreisen nach Frankreich und nach Florenz. Sams zweite Leidenschaft ist der Sport. Besonders die irischen Nationalsportarten Kricket und Rugby. Obwohl er schon damals schlecht sieht und auch körperlich nicht der stärkste ist, spielt Beckett in den Auswahlmannschaften des Trinity College. Mit einem Sportwagen, einem Geschenk seines Vaters, pendelt Beckett zwischen der heilen Welt seines Elternhauses und dem College. In Dublin wird er auch mit der traurigen irischen Realität konfrontiert. Armut und soziales Elend kennt er bislang nur aus Büchern. Becketts Weltbild stürzt zusammen. Warum müssen anständige Menschen so viel leiden ? Schmerz und Leid, er konnte dem einfach keine höhere Moral abringen. Viele seiner späteren Themen wurzeln in diesen Erfahrungen.

Am 1. November 1928 zieht Samuel Beckett zum ersten Mal für längere Zeit nach Paris. Die Stadt wird - mit Unterbrechungen - mehr als sechzig Jahre so etwas wie eine Heimat. Das Trinity – College hat ihn als Austauschlektor an die Ecole Normale Supérieure geschickt. Zwei Jahre wird er an dieser Eliteschule Englisch unterrichten. Beckett verdient zum ersten Mal eigenes Geld, nicht viel, aber es ist ein komfortables Auskommen. Seine Wäsche wird gewaschen, er kann sich die Zeit frei einteilen, wohnt in der Schule. Mit seinen wenigen Schülern trifft sich der Langschläfer meist erst am Nachmittag. Und Abends stürzt er sich ins literarische Leben von Paris. Die Buchhandlung “Shakespeare und Company” ist eines der intellektuellen Zentren. Die Verlegerin Sylvia Beach und ihre Freundin, die Buchhändlerin Adrienne Monnier, versammeln einen großen Kreis von Künstlern um sich. Adrienne Monnier notiert: „In den Jahren 1929 und 1930 sahen Sylvia Beach und ich Samuel Beckett häufig. Wir waren verblüfft von seiner Ähnlichkeit mit dem jungen Joyce, von dem Sylvia Fotografien besaß. Er sprach nur wenig und wehrte alle Annäherungsversuche ab.“ Samuel Beckett ist fasziniert von der Begegnung mit James Joyce. Er versucht ihn sogar äußerlich zu imitieren. Und Joyce lässt sich herab, er diskutiert mit Beckett über Literatur. Sam wird Teil des Joycschen Hofstaats. Er hilft bei Recherchen, macht Übersetzungen und liest dem schwer Sehbehinderten vor. Der Egomane Joyce hätte, so seine Frau Nora, selbst Gott für seine Zwecke eingespannt, wäre der vom Himmel herabgestiegen.

„Keine große Konversation fand zwischen uns statt. Ich war ein junger Mann, ihm sehr ergeben, und er mochte mich ... Ich war sehr geschmeichelt, als er den „Mister“ wegließ. Alle waren für ihn „Mister“. Keine Taufnamen, keine Vornamen gab es für ihn. Was einem Freundesnamen noch am nächsten kam, war das Weglassen des „Mister“. Ich war nie Sam für ihn. Ich war immer höchstens „Beckett“. Ich bin von seinem Werk nicht beeinflusst worden, wie man vielfach behauptet hat. Ich kann nur sagen, dass Joyce einen moralischen Einfluß auf mich hatte – er brachte mir bei, was künstlerische Integrität ist.“

Dann liest der 24-jährige Proust. Und alles ändert sich. Beckett ist vor allem von der Prout`schen Weise des Erinnerns begeistert. Die beruht gerade nicht auf Abbildung. Proust holt seine Erinnerungen aus dem Unbewussten und macht daraus auf dem Papier eine ganz eigene, neue Welt. Das wird von nun an Becketts schöpferisches Prinzip sein. Er schreibt einen Aufsatz über Proust, distanziert sich von der „Zeilenschinderischen Vulgarität einer Literatur der Beschreibung“ die nur realistische Kunst hervorbringt. Beckett versucht einen Roman zu schreiben, „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“, er wird Fragment bleiben. Der Held heisst Belacqua, wie der, der in Dantes „Göttlicher Komödie“ am Eingang zum Fegefeuer kauert. Beckett auf Prousts Spuren: Belacqua sieht nur mit dem inneren Auge.

„Die wirkliche Gegenwart war bloß lästig, denn die ließ der Imagination keine Chance. Ohne soweit zu gehen wie Stendhal, der sagte,, dass die beste Musik diejenige sei, die nach ein paar Takten unhörbar werde, verkünden und verfrachten wir steif und fest, dass der Gegenstand, der vor unseren Augen unsichtbar wird, sozusagen der prächtigste und beste ist.“

Im Herbst 1930 kehrt Samuel Beckett als Lektor für Französisch ans Trinity College zurück. Die Stelle ist eigens für ihn eingerichtet worden. Die Hochschule setzt große Erwartungen in seine akademische Zukunft. Doch Beckett hält es nicht lange an der Universität. Zuviel hat er gesehen, um sich hinter ihren Mauern auf ein Gelehrtenleben einzulassen. Nach seinem Paris – Aufenthalt weiß er eines ganz genau: er will nur noch Schriftsteller sein. Seine Kündigung schreibt er angeblich auf Toilettenpapier.

„Ich brachte es nicht fertig, mich auf etwas einzulassen, das für mich nicht zu machen war. Die Lehrtätigkeit gefiel mir nicht, ich konnte mich an die Arbeit nicht gewöhnen.“

Die Irische Nationalgalerie in Dublin ist für Samuel Beckett ein magischer Ort. Der Maler Jack B. Yeats, ein Bruder des Literaturnobelpreisträgers William Butler Yeats wird einer der wenigen engen Freunde. Kunst, so meint Yeats, muss sich von allem gängigen befreien. Das wird auch für die Becketts Literatur gelten.

Am 26. Juni 1933 stirbt William Beckett an einem Herzinfarkt. Für Sam ist der Tod des Vaters ein Schock. Immer hat dieser Freigeist seinen Sohn bestärkt und unterstützt. Becketts Mutter macht aus dem Elternhaus ein dunkles Mausoleum. Samuel Beckett flieht ins Dachgeschoss des väterlichen Bürohauses und richtet sich dort ein bescheidenes Quartier ein. Er beginnt mit der Arbeit an den Erzählungen „More bricks than kicks“. Wieder steht der teilnahmslose Belacqua im Mittelpunkt. Sein Augen sind ein Fenster, durch das man in die Welt blicken kann, aber auch hinein in das Schädelinnere, in die Welt des Geistes. Belacquas Motto „sitzend und ruhend wird die Seele weiser“ wird für viele späteren Beckett-Figuren gelten. „More bricks than kicks“ ist eine Provokation und für jeden Englischsprachigen ein Schock. „To kick against pricks“ könnte ganz biblisch „wider den Stachel löcken“ bedeuten. Doch umgangssprachlich heißt „prick“ auch „Penis“. Und „kick“ meint nicht nur Fußtritt, sondern auch „freudige Erregung“. Als das Buch erscheint wird es verbotenen. Beckett hat genug, der Tod des Vaters tut ein übriges. Er verlässt Irland.

In einem winzigen Zimmer in London beginnt er die Arbeit an seinem ersten großen Roman. Er erhält eine kleine Leibrente aus dem Erbe seines Vaters. Mehr Geld hat er nicht. Seine Mutter macht ihm Vorwürfe wegen seiner kümmerlichen Existenz. Sie möchte, dass er daheim mit dem Bruder die Firma des Vaters weiterführt. Die Engländer lassen ihn spüren, dass er ein Außenseiter ist. Samuel Beckett hat schon immer ein großes Interesse an Geisteskrankheiten. Eine Freundin, Lucia Joyce, der Tochter von James Joyce, leidet schwer an Schizophrenie. Damals, in Dublin, ist er auf dem Weg in die Innenstadt immer an der Psychiatrie „House of St. John and God“ vorbei gekommen. Er macht eine Psychoanalyse, versucht er seine Schwermut zu bekämpfen. Später wird er diese Erfahrung für seine Geschichten ausbeuten. In dem Roman, den Beckett, Anfang der dreißiger Jahre, schreibt, hört der teilnahmslose Held auf den irischen Allerweltsnamen Murphy. Er hat sich selbst an einen Schaukelstuhl gefesselt. Er will sich ganz darauf konzentrieren die Erleuchtung zu finden. Seine Geliebte, eine Hure, hat dafür kein Verständnis, statt des Nirwana soll er Arbeit suchen. Murphy flieht in eine Nervenheilanstalt. Die Befreiung findet er erst, als er sich durch eine Gasexplosion selbst ins Jenseits befördert. Murphy ist der realistischste und humorvollste Roman Becketts. Und die Sprache ist noch erzählerisch, obwohl die Handlung immer wieder unter der Last der Details zusammenbricht.

„Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf das Nichts des Neuen. Murphy saß, als ob es ihm frei stünde, im Schatten ... Hier hatte er wohl schon sechs Monate gegessen, getrunken, geschlafen, sich an- und ausgezogen, in einem mittelgroßen Käfig mit Front nach Nordwesten und ununterbrochener Sicht auf mittelgroße Käfige mit Front nach Südosten. ... Er saß nackt in seinem Schaukelstuhl aus rohem, garantiert unzerbrechlichen Teakholz, der nachts nicht knarrte und gegen Würmer und Witterungsschäden gefeit war. Er gehörte ihm, er verließ ihn nie. Die Ecke in der er saß, war durch einen Vorhang gegen die Sonne abgeschirmt, die arme alte Sonne ...“

Der Roman erscheint erst 1938, nach 42 Absagen. Im Oktober 1936 kommt Beckett für ein halbes Jahr nach Deutschland. Hamburg ist seine erste Station. Seiner Mutter hat er weisgemacht, er brauche diese Studienreise um eine Anstellung in der irischen Nationalgalerie zu bekommen. Dem Dreißigjährigen geht es nicht gut in jenen Tagen. Er weiß nicht wie es mit ihm weitergehen soll. Nach Spanien will er gehen, auch nach Südafrika, bei Sergej Eisenstein fragt er um ein Praktikum an. Immer wieder schaut sich Beckett die Bilder von Caspar David Friedrich an. Er ist fasziniert von der Darstellung des kleinen Menschen inmitten einer übermächtigen Natur. So hat er sich in den Wicklow Mountains gefühlt. Beckett – der heimliche Romantiker. Seine Lieblingskomponisten sind Beethoven und Schubert. In der Hamburger Kunsthalle lässt er sich aber auch Bilder zeigen, die bereits abgehängt sind: die sogenannte entartete Kunst. Sehr wohl registriert Beckett den Faschismus in Deutschland. Über Lautsprecher hört er Hitler und Goebbels. Diese Berliner Schreihälse, ulkt er, seien wohl einem Schlaganfall nahe.

Nach seiner Deutschlandreise lockt wieder Paris. Beckett logiert in billigen Hotels oder möblierten Zimmern, trifft die Bekannten um Joyce wieder, besucht die Buchläden und Kneipen auf dem Boulevard Montparnasse. Sein Dasein als Bohemian finanziert er sich mit Übersetzungsarbeiten und Zeitungsartikeln. Und er begegnet einer Frau die Kunst so sammelt wie Männer: Peggy Guggenheim. Sie nennt ihn „Oblomov“, nach dem phlegmatischen Helden aus Ivan Gontscharovs Roman, und erinnerte sich später: "Und dann war ich über ein Jahr lang von einem seltsamen Menschen besessen – Samuel Beckett. Er betrachtete das Leben aus der fatalistischen Perspektive. Offenbar glaubte er, dass er ohnehin nichts ändern könnte. Er war ein frustrierter Schriftsteller, ein reiner Intellektueller." Am Dreikönigstag 1938 greift ein Zuhälter Beckett an und verletzt ihn schwer. Das Messer perforiert die Lunge und verfehlt das Herz nur um Haaresbreite. James Joyce sorgt dafür, dass er die beste Behandlung bekommt. Im Krankenhaus bekommt Beckett Besuch von einer flüchtigen Bekannten, der Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil.

„Da ist auch eine Französin, die ich gerne mag, leidenschaftslos und die sehr gut zu mir ist. Das Blatt wird nicht überreizt, Während wir beide wissen, dass es zu Ende gehen wird, kann man nie wissen, wie lange es dauern mag.“

Es dauerte – bis der Tod sie schied. Suzanne hilft Beckett auch bei der Suche nach einer Wohnung. Schon bald zieht sie zu ihm. Heiraten werden sie aber erst 1960.

Als der zweite Weltkrieg ausbricht, ist Beckett zu Besuch bei seiner Mutter.

„Ich kehrte sofort nach Frankreich zurück. Frankreich im Krieg war mir lieber als Irland im Frieden. Ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft.“

Nach der Besetzung Frankreichs tritt Beckett der Résistance bei. Er wird Sekretär und „Briefkasten“ einer Gruppe die Informationen über Truppenbewegungen der Nazis sammelt. Diese Informationen werden an die englische Luftwaffe weitergeleitet. Nach dem Krieg wird Beckett das „Pfadfinderkram“ nennen. 1942 wird die Gruppe denunziert, Becketts Wohnung von der Gestapo durchsucht. Er flieht mit Suzanne nach Südfrankreich. In einem kleinen Haus in Roussillon, 50 Kilometer von Avignon entfernt, finden sie Unterschlupf. Den Ort besetzen die Nazis nicht. Roussillon ist zu unzugänglich für Großfahrzeuge. So sind die Flüchtlinge hier relativ sicher. Samuel Beckett arbeitet als Landarbeiter, erntet Kartoffeln, hilft im Wald und im Weinberg. Suzanne gibt Musikunterricht. Die Zeit Im erzwungenen Exil wird ihnen lang, auch wenn sie engen Kontakt zu den Dorfbewohnern haben. Während draußen die Welt im Chaos des Zweiten Weltkriegs versinkt, sitzt Beckett im Café von Roussillion und schreibt einen neuen Roman „Watt“. Watt versteht die Welt nicht mehr und versucht verzweifelt sich zu orientieren. Materiell und körperlich geht es ihm elend, doch das ist ihm egal. Seine Gedanken drehen sich im Kreis und die Sprache vollzieht diese Suchbewegungen nach. Mehr Handlung gibt es nicht.

„Da ist eine große Sandalp, hundert Meter hoch, da ... rutschen die Körnchen in winzigen Päckchen von zwei bis drei Millionen, alle auf einmal ... Millionen kleiner Dinge, die sich alle auf einmal von ihrem alten Platz fort zu einem neuen in der Nähe bewegten, heimlich, als ob es verboten wäre. Und ich bezweifle kaum, dass ich der einzige lebende Mensch war, der es bemerkte. Daraus zu schließen, dass es ein innerer Vorgang war, wäre meines Erachtens gewagt. Denn nein – wie soll ich sagen ? – mein persönliches System war zu jener Zeit, von der ich spreche, so ausgedehnt, dass es keineswegs leicht war, zwischen dem drinnen Liegenden und dem draußen Liegenden zu unterscheiden. Alles, was geschah, geschah drinnen, und gleichzeitig geschah alles, was geschah, draußen. Ich hoffe, das ist eindeutig.“

Irland, das während des Zweiten Weltkriegs neutral war, bietet Frankreich nach der Befreiung humanitäre Hilfe an. Das irische Rote Kreuz kümmert sich besonders um die zerstörte Stadt St. Lo. Beckett arbeitet als Dolmetscher und Lagerverwalter im Krankenhaus, so bekommt er eine neue Aufenthaltserlaubnis für Frankreich. An der Ostpier des Fährhafens von Dun Laoghaire hat Samuel Beckett so etwas wie eine Erleuchtung. Er wird es eine „Offenbarung“ nennen.

„Ich begann wieder zu schreiben, auf französisch. Ich hatte einfach Lust dazu. Es war eine andere Erfahrung als englisch zu schreiben. Es war für mich anregender französisch zu schreiben."

Er wollte nicht der Sprache seiner Kindheit zum Opfer fallen, oder der Sprache, die man auf der Straße hört. Er war damit das Gegenteil von Sean O` Casey. Der hörte hier einen guten Satz und baute ihn in ein Stück, oder dort eine andere gute Geschichte. Genau wie Shakespeare. Beckett wollte frei sein von allen Einflüssen. Er musste die Muttersprache flüchten, er musste vor dem Übervater Joyce flüchten. Anfang 1945 können Samuel Beckett und Suzanne in ihre alte Wohnung in Paris zurück kehren. Beckett, der auch in späteren Jahren immer wieder an langen Schreibblockaden leidet, entfesselt eine wahre Schreibmanie. Als hätte er all den angesammelten Ballast abgeworfen entstehen in wenigen Jahren mehrere Kurzgeschichten, der Roman „Mercier und Camier“, das, nie aufgeführte, Theaterstück „Eleutheria“ und die Romantrilogie: „Molloy“, „Malone stirbt“ und „Der Namenlose“. Darin lässt Beckett seine Figuren erstmals aus der „Ich“ - Perspektive erzählen. Wie schon Belacqua interessiert sie die Welt draußen nicht mehr. Der Namenlose ist nur noch eine Art Menschheits-Ich, das mit dem Reden und Denken nicht aufhören kann, obwohl ihm längst die Geschichten ausgegangen sind.

Samuel Beckett spürt, dass er mit seinen Romanen an einem Endpunkt angelangt ist. Noch radikaler, noch reduzierter zu schreiben ist ihm kaum möglich. 1948 verfasst er in nur vier Monaten ein Theaterstück das völlig neue Perspektiven öffnen wird: „Warten auf Godot“. Es wird eines der wesentlichsten Stücke des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Komödie genauso wie eine Tragödie. Kaum Bühne, kaum Handlung, karge Sprache. Was Samuel Beckett Anfang der fünfziger Jahre auf die Bühne bringt, ist Theater gegen alle Regeln. Man wartet. Auf Godot. Zwei Akte lang. Doch Godot kommt nicht. Man wartet. Das Warten wird zum Selbstzweck, zum Lebensinhalt. Warten wir nicht alle – immer und immer wieder ? Roger Blin bringt das Stück am 5. Januar 1953 zur Uraufführung. Das Wort Godot ging in die Umgangssprache ein. Von jedem den man nichts tuend herumstehen sah, sagten die Leute, ah er wartet auf Godot. In wenigen Jahren wird das Stück zu einem Welterfolg. Es gibt unzählige Deutungsversuche. Eine Warnung vor der Atombombe. Zwei Fellachen, die auf die Bodenreform warten. Die Frage nach Gott. Die Antwort des Autors ist karg wie sein Stück:

„Wenn ich es wüsste, würde ich es sagen.“

„Warten auf Godot“ ist Becketts Durchbruch. Da ist er 47. Mary Beckett, seine Mutter, die nie an den Schriftsteller Sam geglaubt hat, erlebt den Erfolg nicht mehr. Sie stirbt bereits 1950. Mit dem Geld, das ihm seine Mutter hinterlassen hat, baut sich Beckett unweit des Dorfes Ussy-sur-Marne ein Landhaus. Hierher zieht er sich von nun an zurück um zu arbeiten. In Paris wird ihm der Rummel zu viel.

„Aber man wechselt den Dreckhaufen. Und wenn alle Dreckhaufen sich gleichen, was nicht stimmt, so macht das nichts, es tut gut, den Dreckhaufen zu wechseln, sich von Zeit zu Zeit zu einem anderen Dreckhaufen zu begeben.“

Der plötzliche Ruhm macht Samuel Beckett zu schaffen. Er fühlt sich bedrängt. In Ussy lässt er eine Mauer rund um das Grundstück bauen. In dieser Enklave schreibt er „Fin de Partie“ – „Endspiel“. Von den vier Figuren kann sich nur noch eine bewegen. Draußen wie drinnen, kein Leben mehr. Trotz des Erfolgs von „Warten auf Godot“ will kein Theater in Paris „Endspiel“ zeigen. Roger Blin bringt es im April 1957 in London am „Royal Court Theatre“ heraus. Die Reaktionen sind gemischt - und das Stück ruft die englischen Zensoren auf den Plan. Bis 1968 musste in England jedes Stück der Zensur vorgelegt werden. Vor allem die sogenannte Gebetsszene und Wörter wie „Hoden“ und „Ärsche“ erregen Anstoß. Beckett ändert einiges, besteht aber auf der Gebetsszene. „Endspiel“ will bloßes Spiel sein. Nichts weniger. Von Rätseln und Lösungen also kein Gedanke. Es gibt für solches ernstes Zeug Universitäten, Kirchen usw.“ „Endspiel“ ist noch radikaleres Antitheater als Godot. Die Figuren reden nicht um etwas zu bewirken, sondern nur noch um sich selbst zu spüren. Und um zu Spielen. Damit ist Beckett der große Kontrahent von Bertolt Brecht, dem Dichter der Utopie, dem Dichter der Fortschrittshoffnung. In seinem nächsten Stück „Das letzte Band“ spielt nur noch einer. Krapp, ein erfolgloser Schriftsteller lauscht seinen Erinnerungen nach die er auf Tonband aufgenommen hat. Was Beckett mit seinen Romanen machte, macht er nun im Theater. Er reduziert. Vom Drama bleibt nur noch das Drama der Selbstbegegnung,

Die BBC regt Samuel Beckett dazu an ein Hörspiel zu schreiben. „Alle die da fallen“ spielt auf dem Land, in der Nähe einer Pferderennbahn. Eine irische Scheinidylle. Beckett lauscht der Sprache nach, die er aus seiner Jugend kennt. Und es ist ein an Personen und Geräuschen ungewohnt reiches Stück. Es ist Sprachmusik. Von nun an wird er immer wieder Hörspiele schreiben. Auf der Bühne werden Becketts Figuren immer unbeweglicher. Schon der Titel des Eifersuchtsdramas „Spiel“ ist absurd, sitzen doch die Figuren in Urnen gefangen. Das Spiel der Namenlosen „M“, „F1“ und „F2“ muss sich aufs Sprechen beschränken.

Samuel Beckett und Suzanne ziehen um. Das Verhältnis ist zunehmend gespannt. Suzanne stört sich an Becketts Alkoholeskapaden und an seinen Affären. Die neue Wohnung erlaubt ihnen, ein voneinander unabhängiges Leben zu führen. Sie haben zwei Schlafzimmer und ein, von zwei Seiten betretbares, Atelier. Von dort blickt Beckett direkt auf das Pariser Stadtgefängnis, die Santé. Wenn ihn nicht die Melancholie plagt, flieht Beckett gerne von seinem Schreibtisch und trifft sich in Paris mit Freunden. Mit Alberto Giacometti, mit dem Maler Henri Hayden und dem Schauspieler Jean Martin. Mit Marcel Duchamp spielt er Schach – stets Endspiele.

Auch in den USA ist Beckett jetzt ein bekannter Mann. Alan Schneider, der schon Becketts Stücke in den USA inszenierte, will mit ihm einen Film drehen. Er inszeniert 1964 Becketts Drehbuch zu einen Stummfilm, der einfach „Film“ genannt wird. Die Hauptrolle spielt Buster Keaton. Der Film, der „Film“ heißt, gewinnt 1965 bei den Filmfestspielen in Venedig einen Preis. Die Hauptfigur, „O“ - wie Objekt, will unsichtbar werden – am liebsten vollkommen verschwinden. Er verhängt alle Spiegel und Fensterscheiben, er entfernt Haustiere, die ihn anschauen könnten. Beckett notiert in seinem Drehbuch:

„Wenn alle Wahrnehmung anderer – tierische, menschliche und göttliche – aufgehoben ist, behält einem die Selbstwahrnehmung im Sein. Die Suche nach dem „Nicht – Sein durch Flucht vor der Wahrnehmung anderer scheitert an der Unausbleiblichkeit der Selbstwahrnehmung.“

So muss auch Buster Keaton, alias „O“, das Objekt, erkennen, dass er vor sich selbst nicht fliehen kann. Der Film spielt mit der Paradoxie, dass der Mensch, obwohl er sich selbst eigentlich gar nicht sehen kann, jedem Blick zu entrinnen vermag, nur nicht dem eigenen.

Am Berliner Schillertheater arbeitet Samuel Beckett 1967 erstmals als Regisseur. In den kommenden Jahren wird er hier sieben seiner Stücke inszenieren. Der Schauspieler Horst Bollmann erinnerte sich: „Die meisten Regisseure haben ja die Tendenz einem etwas vorzuspielen, sie sehen sich dann auch als Schauspieler und spielen einem die Rolle vor. Beckett nicht. Das Verhältnis zwischen Hamm und Clov, da sagt er, das ist wie Asche wo noch die Glut etwas drunter funkelt und die kann jederzeit aufflammen, da kommen erst kleine Flämmchen und dann kommt plötzlich die ganze Flamme und eine Glut und die schreien sich an und fetzen sich an und dann sinkt das Feuer wieder in sich zusammen aber die Glut bleibt wo jederzeit wieder die Flämmchen hervorkommen können.“ Ernst Schröder ist tief beeindruckt von der Begegnung und notiert in seinen Erinnerungen: "Dieser Schriftsteller mit dem Kopf eines Erzengels ist für mich nicht der Dramatiker, nicht der Philosoph und schon gar nicht der Regisseur für den man ihn hält, er ist Samuel, der erste Heilige des atheistischen Zeitalters." 1975 inszeniert Beckett „Warten auf Godot“. Es ist sein größter Theatererfolg und gilt bis heute als der „Godot“ schlechthin. Der Theaterregisseur Walter Asmus arbeitete damals als Becketts Regieassisent: „Man konnte ihn während der Proben beobachten, wo er ganz genau spürte, wenn die Schauspieler nur mechanisch drüber weggingen oder wenn sie einen wirklichen Dialog führten, ein wirkliches Gespräch führten und sei es noch so schnell, noch so heftig, in einer Auseinandersetzung. Ich habe Beispiele erlebt wo er wirklich da saß wie ein großes Kind möchte ich fast sagen und seine Augen glänzten und glühten und er war vollkommen fasziniert von dem was die Schauspieler auf der Bühne machen.“Der passionierte Klavierspieler und Musikliebhaber Beckett hat sich über ein Jahr auf die Regie vorbereitet. Sein Regiebuch gleicht einer Partitur. Mehr als der Inhalt interessiert ihn die Form. Der Klang, der Rhythmus der Sprache.

„Ich habe das Theater und besonders Godot leid und satt. Tag um Tag diese Wörter hören zu müssen ist zur Tortur geworden. Ich muss, das habe ich mir vorgenommen, mit diesem Theatermachen aufhören. Bei dieser Art von Zwangsarbeit kann ich an nichts anderes denken. Und das Ergebnis steht in keinem Verhältnis zum Aufwand, den ich treibe, so ungeeignet bin ich als Regisseur.“

Becketts Regiearbeit ist auch eine Flucht vor dem Schreibtisch. 1966 beginnt für Samuel Beckett, was er als eine „crazy invention in television“ bezeichnet. Für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart inszeniert er das Fernsehspiel „Eh Joe“, das er ursprünglich für die BBC geschrieben hat. Da er nicht weiß, ob er das wirklich kann, verzichtet er auf jedes Honorar - und natürlich keine Interviews. Kulturhistoriker Werner Spies vermittelte damals die Zusammenarbeit: „Das war die Zeit als die ersten Videokünstler tätig wurden und Beckett machte ja mit „Eh Joe“ im Grunde den revolutionärsten Videofilm. Es war ja ein Film der ohne Schnitt gemacht werden musste. Ich glaube, dieses Stück gehört nicht nur zur Filmgeschichte, zur Fernsehgeschichte, sondern ist auch innerhalb der bildenden Kunst ein Markstein.“ Bis 1986 kommt Beckett noch oft nach Stuttgart. Er inszeniert sechs Fernsehspiele für den SDR. Sein Interesse an visuellen Umsetzungen und an musikalischen Strukturen wird immer größer. In „Quadrat“ verzichtet er dann ganz auf Text. Vier Figuren hetzen im Quadrat. Das Zentrum meiden sie. Wieder die Gleichförmigkeit der Bewegungen, wieder die quälenden Wiederholungen. Beckett schätzt am Fernsehen, dass hier, ähnlich wie beim Roman schreiben, das Ergebnis der Arbeit unveränderlich feststeht. Theaterinszenierungen verselbständigen sich mit zunehmender Spieldauer. Er schreibt seine radikalsten Theaterstücke für das Medium Fernsehen um.

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Wieder besser. Oder besser schlimmer. Wieder schlimmer scheitern. Wieder noch schlimmer. Bis übel für immer. Übergeben für immer. Gehen für immer. Wo weder noch für immer. Immer und allezeit.“

Am 17. Juli 1989 stirbt Suzanne. Beckett lebt da schon eine in einem Pflegeheim. Er leidet an Parkinson und Durchblutungsstörungen, braucht fremde Hilfe. Am sozialen Leben im Heim nimmt er nicht teil. Sein Zimmer verlässt er nur selten. Allein, wenn er sich unbeobachtet fühlt, spricht er seinen hinfälligen Mitbewohnern Trost zu. Am 22. Dezember 1989 stirbt Samuel Beckett gegen ein Uhr Mittags.

„Nein, ich bedauere nichts, ich bedauere nur, geboren zu sein. Sterben ist eine so lange, mühselige Sache.“

Geboren am Karfreitag 1906 wird Samuel Beckett am zweiten Weihnachtsfeiertag 1989 auf dem Friedhof Montparnasse in Paris beerdigt.

Am 21.12.2014 zeigt ARD Alpha ab 22.40 Uhr den zweiteiligen Film "Beckett - Lippen Schweigen". Buch und Regie: Goggo Gensch

10:48 17.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Goggo Gensch

Festivalleiter ("SWR Doku Festival"), Autor und Regisseur. Lebt in Stuttgart und in Mexiko Stadt.
Goggo Gensch

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