Dieses Spiel ist ein Schwindel

Fußball für die Ewigkeit Vor sechzig Jahren stand mit Eintracht Frankfurt erstmals eine deutsche Mannschaft im Endspiel eines Europapokals. Real Madrid gewann den Cup der Landesmeister mit 7:3
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Dieses Spiel ist ein Schwindel
Noch heute sendet die BBC einmal im Jahr eine Aufzeichnung dieses Spiels

Foto: Allsport Hulton/Archive

Bis heute gilt das Spiel vom 18. Mai 1960 als eines der besten in der Geschichte des Europapokals. Vor 135.000 Zuschauern spielten im Hampden Park zu Glasgow Real Madrid und Eintracht Frankfurt um den Titel im Europapokal der Landesmeister (heute Uefa Champions League). Dieser Wettbewerb war 1955 ins Leben gerufen worden und wurde bis dahin in jedem Jahr von den immer in Weiß spielenden Madrilenen gewonnen. Es sollte ein Spiel für die Ewigkeit werden. Der englische Nationalspieler Bobby Charlton sagte nach dem Spiel „Mein erster Gedanke war, dieses Spiel ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind, nicht real, nicht menschlich.“

Eine Aufzeichnung dieses Spiels sendet BBC noch heute einmal im Jahr. Auch auf Youtube kann dieses Spiel in voller Länge angeschaut werden.

Es war das alte Spiel Groß gegen Klein. Profis gegen Amateure. Real Madrid hatte den Argentinier Alfredo di Stéfano und den Ungarn Ferenc Puskás für viel Geld und ein gutes Gehalt verpflichtet. Für einen Sieg in diesem Spiel hatte der Vereinspräsident Santiago Bernabéu eine Prämie von 650 Britischen Pfund ausgesetzt, das zehnfache von dem was die Frankfurter Spieler bekommen hätten. Beim Außenseiter Eintracht Frankfurt hatten die Spieler Berufe wie Maschinenschlosser, Bankkaufmann, Postbeamter, Schreiner, Drogist, Werkzeugmacher oder Gastwirt. Im Jahr zuvor war Eintracht Frankfurt durch einen Sieg über die Offenbacher Kickers zum ersten und bislang letzten Mal deutscher Meister geworden.

Real Madrid war damals so etwas wie ein Botschafter des klerikal-faschistischen Regimes von General Franco im Ausland. Real Madrids Präsident, Santiago Bernabéu, nach dem auch später das Stadion benannt wurde, stand im Bürgerkrieg auf Seiten Francos und war ein Freund des Diktators. Während dessen Regierung wurden alle Pokalendspiele in Madrid ausgetragen. Davon profitierte Real, 18 % der Einnahmen gingen an den Club. In der spanischen Fußballgeschichte gibt es unzählige Fälle in denen Real Madrid auf geradezu mirakulöse Weise Elfmeter zuerkannt und Gegentor aberkannt wurden. Als der Club 1953 die Copa Latina gewann, ein Vorläufer des Europapokals, wurde er mit einem der höchsten franquistischen Orden bedacht. Der FC Barcelona, der den gleichen Titel ein Jahr zuvor gewonnen hatte, wurde vom Diktator ignoriert.

Auch der Präsident von Eintracht Frankfurt Rudolf Gramlich war kein Heiliger. Als Mitglied der Waffen-SS war er an Kriegsverbrechen beteiligt. 2020 wurde ihm deshalb posthum die Ehrenpräsidentschaft aberkannt.

Eintracht Frankfurt begann das Spiel sehr offensiv und dominierte die ersten zwanzig Minuten. In der ersten Minute trifft Linksaußen Erich Meier die Latte. Danach hatte Richard Kreß zwei gute Chancen bevor er in der 18. Minute, die bis dahin verdiente Führung erzielte. Das „Sportmagazin“ konjungierte über diesen Beginn: „Wir bezweifeln, ob sich dieses gewiss einmalige Real in diesen überwältigenden Fußballrausch steigern hätte können“.

Sie konnten sich steigern, vielleicht fiel den Madrilenen aber auch nur ein, dass sie zu jener Zeit die beste Klubmannschaft der Welt waren und in dem Ruf standen nahezu unbesiegbar zu sein. Fußball ist eben auch ein mentales Spiel. Zur Halbzeit führten sie durch zwei Tore von Alfredo di Stéfano und eines von Ferenc Puskás bereits mit 3:1. Doch um Josef Herberger zu bemühen: Ein Spiel hatte eben auch damals 90 Minuten.

Puskás und di Stéfano waren neben Linksaußen Francisco Gento die Schlüsselspieler einer Mannschaft, die ein Fixstern des Fußballs blieb. Der schottische Nationalspieler Billy Bremner saß im Stadion und meinte in den 1990er Jahren: „Die Perfektion und das Tempo würden die Mannschaft bis heute zu einem Weltklasseteam machen.“

Zu einem Fest des Fußballs wurde das Spiel endgültig in der zweiten Halbzeit. In einem, bis dahin nie gesehenen Tempo wanderte der Ball von Mann zu Mann, die technischen Fertigkeiten der Spieler ließen die Zuschauer fassungslos staunen. Puskás schoss bis zur 71. Minute drei weitere Tore. Eine Minute später schoss Erwin Stein das 2:6 bevor di Stéfano wiederum eine Minute später das 7:2 erzielte. Für das letzte Tor in der 75. Minute war dann wieder Stein zuständig.

Der Schriftsteller Hans Blickensdörfer beschrieb den Argentinier Alfredo di Stéfano als einen Spieler der „allgegenwärtig“ war. „Systeme kann man kopieren, einen di Stéfano nicht … Ich glaube, dass sich di Stéfanos Wert für eine Mannschaft nicht besser und kürzer erklären lässt als mit der Feststellung, dass es nie einen Spieler gegeben hat, der mit so verblüffender Selbstverständlichkeit an den Brennpunkten des Kampfes auftauchte und es verstand, für seine Mannschaft aus jeder Situation das Beste herauszuholen“, so Blickensdörfer.Alfredo so Stéfano konnte auf sämtlichen zentralen Positionen spielen. Mittelstürmer, Zehner, Achter, Sechser, Vorstopper, Libero. Meistens spielte er alles gleichzeitig. Als Mittelstürmer ließ er sich oft zwischen die Verteidiger zurückfallen und holte sich die Bälle am eigenen Strafraum ab. Er öffnete das Spiel mit weiten Pässen genauso wie er sich an seinen Gegenspielern vorbei dribbelte.

Ihm zur Seite stand mit Ferenc Puskás ein Spieler, der schon die Spiele des so genannten Goldenen Teams der Ungarn zu Beginn der 1950er Jahre entscheidend prägte. Die Höhepunkte dieser Mannschaft waren der Olympiasieg 1952 und vor allem 1953 zwei Siege gegen England mit insgesamt 13:4 Toren. Diese Spiele waren ein Triumph der Spielkultur über die Einfältigkeit englischer Profis. Die Krönung, die Weltmeisterschaft 1954, erreichten Puskás, Koscis, Czibor, Hideguti und Co. nicht, da machte ihnen ein gewisser Helmut Rahn einen Strich durch die Rechnung.

Beim Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn 1956 befand sich Puskás mit seiner Mannschaft Honvéd Budapest im Bilbao, sie verloren dort im Europapokal der Landesmeister mit 3:1 gegen Atletico. Die Mannschaft weigerte sich zurück zu kehren. Der frühere Honvéd Trainer Bela Guttman organisierte eine Europa-Tournee um die Spieler finanziell über Wasser zu halten. Mexiko bot politisches Asyl und versprach einen Startplatz in der Liga. Die Spieler aber spielten lieber bei einem Turnier in Rio de Janeiro. Die FIFA sperrte die Mannschaft. Einige Spieler kehrten nach Ungarn zurück, andere wie Puskás blieben fern. Nach einer zweijährigen Sperre unterschrieb er 1958 einen Vertrag bei Real Madrid. Dort wird sein Zusammenspiel mit Alfredo di Stéfano zur Attraktion.

Über das Spiel in Glasgow meinte Puskás: „Wir erreichten eine Art fußballerische Perfektion. Am Ende rannten schottische Fans begeistert aufs Spielfeld. Wir wurden mit einer Parade durch das Stadtzentrum geführt. Man konnte meinen, es wäre ihr eigenes Team gewesen.“

Dabei war die Durchführung des Spiels in Glasgow gerade wegen Ferenc Puskás gefährdet. Nach der verlorenen Weltmeisterschaft 1954 behauptete er, die deutsche Mannschaft sei gedopt gewesen wäre. Der DFB verbot daraufhin deutschen Spielern gegen Puskás zu spielen. Erst als sich dieser schriftlich entschuldigte, kann das denkwürdige Spiel stattfinden.

Auch die tapferen Frankfurter Spieler wurden nach dem Spiel gebührend gefeiert. Sie hatten Real Madrid alles abverlangt und das Ergebnis verfälscht ein klein wenig den wahren Spielverlauf. Das sah auch Trainer Paul Oßwald. In der Kabine ließ er seine Spieler singen. „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ Direkt nach dem Spiel schickte er sie noch einmal auf das Spielfeld, um die Sieger zu beklatschen, dort feierten noch immer Zahntausende. Auch diese Geste sicherte Eintracht Frankfurt die Anerkennung nicht nur in der britischen Fußballpresse. Am Tag danach wurde die Mannschaft in Frankfurt von tausenden Anhängern zum Empfang im Römerberg begleitet.

Zur Überraschung vieler gewann Real Madrid erst 1966 wieder den Europapokal der Landesmeister. Von den Spielern, die in Glasgow auf dem Platz standen, waren da nur noch Gento und Verteidiger Pachín dabei. Den Rekord von sechs Siegen in diesem Wettbewerb hält Reals Ehrenpräsident Francisco Gento bis heute.

15:50 14.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Goggo Gensch

Autor, Dokumentarfilmer, Kurator. Lebt in Stuttgart.
Goggo Gensch

Kommentare 1