Mexiko, ein Land der Schande

Die Morde von Iguala „Ya me cansé!" - „Ich bin es leid“, so der mexikanische Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam auf einer Pressekonferenz

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Ihre Freitag-Redaktion

Ein Polizist bewacht ein Treffen der Hinterbliebenen der 43 Studenten
Ein Polizist bewacht ein Treffen der Hinterbliebenen der 43 Studenten

Bild: Pedro PARDO/AFP/Getty Images

„Ya me cansé!" - „Ich bin es leid“, mit diesen Worten beendete der mexikanische Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam letzten Freitag eine Pressekonferenz auf der er die Geständnisse von drei Mitgliedern der „Guerreros Unidos“ präsentierte. In mehreren Videos berichteten die mutmaßlichen Mörder wie sie am 26. September 2014 43 Studenten auf einer Müllkippe töteten, verbrannten und die Reste anschließend in einem Fluss entsorgten. Zuvor waren die Studenten eines Lehrerseminars aus Ayotzinapa nach einer Spendenaktion von der Polizei auf Befehl des Bürgermeisters von Iguala, José Luis Abarca, festgenommen und an die Mitglieder der Drogenmafia übergeben worden. Die Studenten waren auf dem Weg nach Iguala wo sie an einer Demonstration gegen die Frau des Bürgermeisters teilnehmen wollten. María de los Ángeles Pineda Villa wollte ihre Kandidatur für die Kommunalwahlen im kommenden Jahr bekannt geben. Das Ehepaar war eng mit dem im Bundesstaat Guerrero herrschenden Drogenkartell verbandelt. Beide wurden letzte Woche auf ihrer Flucht in Mexiko Stadt verhaftet.

Wer die Pressekonferenz verfolgte, dem stockte der Atem. Karam berichtete entsetzliche Details der Morde. Schon während des Transports sind mindestens 15 Studenten gestorben. Sie seien „erstickt“ berichtete einer der Verhafteten. Mit erhobenen Händen mussten die Lebenden an einer Müllkippe aussteigen. Dort wurden sie getötet. Die Leichen wurden dann unter alten Autoreifen und Holz gestapelt, mit Benzin übergossen und verbrannt. Am nächsten Tag verpackten die Schergen die sterblichen Überreste in schwarze Beutel und warfen sie in den Fluss San Juan. Zwei dieser Beutel wurden gefunden. Auf der Müllkippe fanden Gerichtsmediziner Asche, Zähne und Patronenhülsen. Diese Überreste sollen jetzt unter anderem an der Universität in Innsbruck untersucht werden.

Die Angehörigen der Opfer weigern sich, den Worten des Staatsanwalts Glauben zu schenken. „Wir wollen unumstößliche Beweise für ihren Tod", so der Vater eines der Studenten, „Solange bleiben unsere Jungs für uns am Leben". Die Wut und das Misstrauen der Eltern ist verständlich. Schließlich war der Staat selbst der Täter. Karam enthüllte nichts anderes als die Tatsache, dass in Mexiko unbequeme Bürger von gewählten Vertretern getötet werden.

Wie immer die Worte des Generalstaatsanwalts gemeint waren. Ob er es leid ist, in dieser Sache zu ermitteln. Ob er selbst entsetzt war, über dieses abscheuliche Verbrechen. Oder ob er nur müde war, nach den wochenlangen Ermittlungen. Sein „Ya me cansé“ fiel auf ihn und den gesamten mexikanischen Staatsapparat zurück. Viele Menschen in Mexiko sind es leid. Seit Wochen wird in allen Landesteilen demonstriert, seit Freitag auch mit dem Ruf „Ya me cansé“. Die Stimmung ist angespannt. Regierungs- und Parteizentralen werden angezündet, Straßen und Flughäfen besetzt und blockiert. Bei den Demonstrationen werden auch die Rufe nach dem Rücktritt des Präsidenten Enrique Pena Nieto immer lauter. Dem ist die Geschichte lästig, das zeigt er unverhohlen wenn er darauf angesprochen wird. Pena Nieto wird nicht müde Mexiko als modernes Musterland des ökonomischen Liberalismus zu präsentieren. Er will keine negativen Schlagzeilen, weder zu den Morden an den Studenten, noch zu Vorwürfen, er habe sich sein Haus von einer ihm wohlgesonnen Firmengruppe bauen lassen. Aber viele Mexikaner sind auch ihn leid. Sie zweifeln daran, dass sein Versprechen, die Gewalt in den Griff zu bekommen, Erfolg haben wird. Pena Niete wird sich erst bewegen, wenn politische und wirtschaftliche Sanktionen von außen drohen. Das ist die einzige Sprache, die er versteht.

Mexiko sei derzeit in einer sehr schwierigen Situation, so die guatemaltekische Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú im mexikanischen Fernsehsender Televisa. „Die Wahrheit muss herauskommen. Wir brauchen eine unabhängige und umfassende Untersuchung.“ Es dürfe keine Straflosigkeit geben, und die Protestbewegung der Studenten dürfe nicht kriminalisiert werden, forderte Menchú.

Die Journalistin und Schriftstellerin Elena Poniatowska tritt seit vielen Jahren für die Menschenrechte in Mexiko ein. Mit ihrem Buch über das Massaker von Tlatelolco 1968, als die damalige Regierung in eine Studentendemonstration schießen ließ, wurde sie zu einem Symbol des Widerstands. Am 26. Oktober hielt sie während einer Demonstration eine bewegende Rede auf dem Zocalo von Mexiko Stadt. In einem Interview mit „euronews“ listete die 82-Jährige die Fakten auf: „Diese 43 Studenten sind sehr arm. Ihre Familien haben nichts, meist stammen sie aus Bauernfamilien. Auf den Fotos habe ich gesehen, dass ihre Zimmer sehr kahl und leer waren: Rucksäcke auf dem Boden, keine Möbel, Pappe auf dem Boden, keine Betten, keine Einrichtung. Um ihr Studium zu finanzieren, mussten sie mit einer Dose betteln gehen. Die Leute nach etwas Geld fragen, nach Kleingeld. Diese Studenten sind sehr jung, voller Sehnsüchte. Es ist furchtbar, man hat sie einfach wie Müll behandelt. Nur weil sie arm sind.” Auch Poniatowska beschuldigte die lokalen Behörden für das Verschwinden der Studenten verantwortlich sein. „Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist unmöglich, dass das Verschwinden von 43 jungen Leuten, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, ungestraft bleibt. Auch für uns Mexikaner ist es eine Schande, ein außerordentlicher Verlust für das, für das unser Land steht. Das ist eine Bankrotterklärung“.

Das mutmaßliche Massaker an 43 Studenten und die Unfähigkeit der Regierung für Aufklärung zu sorgen zeigen das ganze Elend Mexikos. Seit 2006 hat es keine einzige Verurteilung wegen des Verschwindens von Menschen gegeben. Dabei sind derzeit mehr als 20.000 Menschen verschwunden, keines dieser Schicksale wurde aufgeklärt. Auch solch eine Straflosigkeit machte Verbrechen wie das in Iguala erst möglich. Je nach Quelle werden 85 und 98 Prozent aller Morde nicht aufgeklärt. Und der Generalstaatsanwalt sagt „Ich bin es leid“.

Ein Rechtsstaat ist in Mexiko nicht vorhanden. Die organisierte Kriminalität ist mit dem Staat und seinen Institutionen verwoben. Die Drogenkartelle regieren mit. Bei Wahlen unterstützen sie die Kandidaten die ihnen nahestehen. Die Kartelle üben Druck auf Menschenrechtsverteidiger aus. Sie bedrohen und ermorden kritische Journalisten und nicht korrupte Justizangestellte. Sie schüren Angst und Terror.

Trotz allem wollen Politikwissenschaftler noch nicht von einem gescheiterten Staat sprechen. Sie bezeichnen Mexiko lediglich als einen „gekaperten Staat“. Es gäbe noch einige, wenige, staatliche Institutionen die funktionieren.

Eine schwache Hoffnung ist, dass die Morde von Iguala einen Wendepunkt markieren, eine Katharsis Mexikos. Vielleicht sorgen die Morde dafür, dass sich jetzt ein stärkeres Bewusstsein für einen Rechtsstaat durchsetzt. Das Einsehen, dass eine Demokratie ohne Rechtsstaatlichkeit nie und nimmer funktionieren kann.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Goggo Gensch

Autor, Dokumentarfilmer, Kurator. Lebt in Stuttgart.

Goggo Gensch