Radikal einfach – radikal gut

Rudolf Thome Über die Filme des immer noch viel zu unbekannten Rudolf Thome.
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Der französische Filmregisseur Francois Truffaut soll einmal gesagt haben „Film ist die Kunst, mit hübschen Frauen hübsche Sachen anzustellen.“ Kaum ein deutscher Regisseur hat sich dieses Zitat so zu Herzen genommen wie Rudolf Thome.

Über den Film „Berlin Chamissoplatz“ schrieb der damalige Filmkritiker Hans-Christoph Blumenberg nach seiner Uraufführung 1980, dies sei das erste Meisterwerk des deutschen Kinos der achtziger Jahre. Die Bedenken, der Film habe Patina angesetzt, sind schon nach wenigen Szenen verloren. „Berlin Chamissoplatz“ ist ein Film über die Liebe. Eine 24 jährige Soziologiestudentin verliebt sich in einen zwanzig Jahre älteren Architekten. Sabine Bach und Hanns Zischler spielen die beiden. Wie unter einem Brennglas zeigt dieser Film was das Kino von Rudolf Thome auszeichnet. Eine alltägliche Handlung und eine souveräne Inszenierung. Aus einer banalen Geschichte wird hier großes Kino. In diesem Film sieht man zwei Menschen dabei zu wie sie sich ineinander verlieben. Selten wurde das intensiver gezeigt als in der Szene in der sich Sabine Bach die frisch gewaschenen Haare kämmt während im Nebenzimmer Hanns Zischler am Klavier ein Lied singt. Sie setzt sich auf das Sofa gegenüber und hört zu. Die Intensität der Blicke von Sabine Bach, die Schüchternheit des Hanns Zischler, die sparsamen Gesten beider. Das berührt noch immer - man spürt das was da zwischen diesen beiden Menschen passiert.

"Berlin Chamissoplatz“ spielt vor einem politischen Hintergrund, die Altbausanierung im Kreuzberg in den späten 1970er Jahren. Da werden die Flugblätter auf Matrize gedruckt, Architekten fahren Saab und die günstigen Wohnungen haben Etagenklo. Es geht auch um die Frage ob man im Widerstand die gleichen politischen Mittel einsetzen darf wie diejenigen die man bekämpft. Thome urteilt dabei nicht, er zeigt nur wie es gewesen ist. Und selten sieht man das Berlin dieser Jahre schöner.

Rudolf Thome wird am 14. November 1939 in Wallau an der Lahn geboren. Sein Vater ist Buchhändler. Nach dem Abitur studiert er Germanistik und Philosophie in München und Bonn. Während des Studiums schreibt er erste Filmkritiken. Er liebt die Filme von Jean-Luc Godard und weil dieser ein Fan von Howard Hawks ist, begeistert sich auch Rudolf Thome für diesen Regisseur. Zwischen 1964 und 1968 dreht er vier Kurzfilme. Dabei orientiert er sich am amerikanischen Genrekino. Einer dieser Filme erzählt seine Geschichte schon im Titel „Jane erschießt John, weil er sie mit Ann betrügt“. Zusammen mit seinen Kollegen Klaus Lemke, Hans Ziehlmann, Peter Nestler, Eckart Schmidt, Jean Marie Straub und Danielle Huillet, die später ganz andere Wege gehen, gründet er die informelle „Münchner Gruppe“. Ihre Kurzfilme kommen ohne aufwendige Kunstmittel aus, sind schmucklos und direkt und erinnern an die frühen Arbeiten der Nouvelle Vague.

1968 kann Rudolf Thome seinen ersten Langfilm drehen, „Detektive“. Ein Film über zwei Männer die zu viele Howard Hawks Filme und zu viele Dashiell Hammett Bücher gelesen haben. Dabei imitiert Thome nicht den Hollywoodfilm, er zeigt viel mehr Menschen die versuchen nach ihren Vorbildern aus diesen Filmen und Büchern zu leben. Marquard Bohm und Ulli Lommel sind pleite und eröffnen ein Detektivbüro. Ihre erste Kundin ist eine Frau mit einem Revolver. Diese Krimigroteske wirkt heute noch genau so sexy und lässig wie in der Zeit in der sie gedreht wurde. Girls und Guns in Schwarzweiß und Cinemascope. Uschi Obermaier und Iris Berben spielen dabei ihre ersten Kinorollen. Die Geschichte ist Nebensache. Es geht in diesem Film um Stimmungen, Posen, Ironie und Filmzitate. Während die Kerle mit Pistolen und Gewehren hantieren, legen die Mädchen Verbände an und philosophieren über die Ehe: „Ich an deiner Stelle würde ihn ja heiraten. So schnell findest du nicht wieder einen Mann, der auf dich schießt." Die lakonischen Dialoge sind einfach stark, etwa wenn Marquard Bohm sagt: „Ich habe auch einmal zu Hoffnungen Anlass gegeben - ich konnte mich nur nicht entscheiden, zu welchen".

Rudolf Thome inszeniert schon damals seine Hauptdarsteller wie Stars. Marquard Bohm, eine Mischung aus Mick Jagger und Jean-Paul Belmondo, landet in Thomes zweitem Spielfilm „Rote Sonne“ in einer Amazonen-WG mit vier Frauen. Diese haben sich geschworen, kein Liebhaber darf mehr als fünf Tage bleiben. Spätestens dann wird er umgebracht und im Dachauer Moor entsorgt. Auch hier sind es wieder unwiderstehliche Sätze die hängen bleiben. „Arbeit die dem eigenen Lebensrhythmus widerspricht, kann verheerende Folgen haben“. „Man genieße jeden schönen Tag mit dem Bewusstsein, dass es morgen regnen kann“. „Wir fahren nach Marokko. Da scheint die Sonne, sie macht uns schön und glücklich und zu besseren Menschen“. „Ich habe einen gewissen kaputten Charme und der ist unwiderstehlich“. Die Geschichte kann nicht gut ausgehen. Aber selten wird der Tod zweier Menschen schöner gezeigt als bei dem Showdown zwischen Obermaier und Bohm vor der über dem Starnberger See aufgehenden Sonne.

Seinen letzten Film in München inszeniert Rudolf Thome mit Iris Berben in der Hauptrolle, „Supergirl“. Sie spielt eine Schönheit die aus dem nichts auftaucht und allen Männern den Kopf verdreht. Marquard Bohm, der einen versoffenen Schriftsteller spielt, sagt: „Ich liebe geheimnisvolle Frauen sie sind mein Untergang“. In diesem Fall ist die Frau nicht nur geheimnisvoll, sie kommt sogar von einem anderen Stern.

1973 zieht Rudolf Thome nach Berlin. Um Geld zu verdienen arbeitet er als Kreditsachbearbeiter und für die Freunde der deutschen Kinemathek. Seine ersten Berliner Filme dreht er unter äußerst kargen Produktionsbedingungen. In Schwarz-Weiß auf 16 mm. Es sind Filme die sich mit Beziehungen, speziell mit der Ehe auseinandersetzen. Sie sind auch, wie fast immer bei Rudolf Thome, stark von der eigenen Autobiografie geprägt. Die Hauptrollen in „Fremde Stadt“ und in „Made in Germany und USA“ spielt Thomes Ehefrau Karin. Der „Spiegel“ nannte den Film „das erstaunlichste Kino-Unternehmen der letzten Jahre“ und einen radikal überzeugenden Privatfilm. Es folgt „Tagebuch“, eine Variation von Goethes Wahlverwandtschaften, ein Thema das er zehn Jahre später, 1985, noch einmal in „Tarot“ aufgreift.

Mit seiner damaligen Freundin Cynthia Beatt dreht Rudolf Thome 1977 und 1978 seinen ungewöhnlichsten Film „Beschreibung einer Insel“. Auf der Südseeinsel Ureparapara, sie gehört zu Vanuatu, dokumentieren sie eine ethnologische Untersuchung. Es ist eine Mischung aus Dokumentar-, Experimental- und Spielfilm. Im August 2014 notiert Rudolf Thome in seinem Tagebuch: „Dieser Film hat sich mehr als jeder andere den ich gedreht habe in meiner Seele festgefressen.“ Vor allem im Ausland findet „Beschreibung einer Insel“ eine große Beachtung.

Die Südsee spielt in vielen Filmen Thomes eine Rolle. In „Sieben Frauen“ kehrt Johannes Herrschmann nach vielen Jahren von dort zurück um in Berlin das Erbe seines Vaters und anzutreten. Dabei wird er von sieben Frauen unterstützt. Für das Malerpaar, das Hannelore Elsner und Guntram Brattia in „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ spielen, ist die Südsee der Sehnsuchtsort, dort waren sie einst miteinander glücklich.

In den 1980er und 90er Jahren avanciert Rudolf Thome zu einem genauen Beobachter des Bürgertums. Seine Figuren lesen Balzac, lieben italienische Weine und französische Küche. Im Kino schauen sie sich Filme von Eric Rohmer oder Jacques Rivette an. Sie wirken dabei oft schwerelos und leicht. Am besten ist ihm das in „Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen“ gelungen. Zu seinem sechzigsten Geburtstag versammelt der Komponist Adam (Hanns Zischler, wer anderes hätte diese wunderbare Rolle spielen können) die wichtigsten sieben Frauen seines Lebens um sich. Dazu seinen Sohn Billy, den er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hat. Mit einem phantastischen Ensemble, darunter Irm Hermann, Cora Frost, Sabine Bach und Adriana Altaras, entwickelt Rudolf Thome in diesem Film die Phantasie einer Großfamilie. In dem zunächst befremdliche Arrangement lässt sich das Ensemble, in einem von der Sonne milde beschienen Naturidyll, mit zärtlicher Neugier aufeinander ein. Eine entspannter Haremstraum dessen Ende in die Zukunft weist.

Vielleicht wird in diesem Film am besten sichtbar, dass Rudolf Thome ein Regisseur der Frauen ist. Seine Frauen sind durch ihren Realitätssinn und ihr pragmatisches Handeln den Männern immer überlegen. „Wir hätten die Mädchen gerne so gehabt. Ein starkes Motiv, Kino zu machen, ist ja auch das wovon man träumt auf die Leinwand zu kriegen“, so Thome in einem Interview. In einem anderen Gespräch gestand er „Bei mir müssen Männer und Frauen vorkommen, sonst kann ich es nicht. Oder nur Frauen. Das ginge auch. Die lesbische Szene in „Pink“, die ich beim Drehen supererotisch fand, brachte mich auf diesen Gedanken. Da dachte ich, das könnte ich wirklich mal machen.“

Thome arbeitet meist mit den gleichen Schauspielerinnen. Neben Sabine Bach und Adriana Altaras, war es in den letzten Jahren auch Hannelore Elsner, mit ihr dreht er zwischen 2002 und 2008 fünf Filme. Und nie sah man diese Schauspielerinnen besser, intensiver und erotischer. Wieder eine Parallele zu Howard Hawks, auch dessen Frauen waren immer starke Frauen.

War es früher Marquard Bohm so avanciert in den achtziger Jahren Hanns Zischler zu einem der wichtigsten Schauspieler in Thomes Filmen. Zischler ist ein ebenso reflektierter wie kluger Schauspieler dem man immer ansieht, das da noch mehr ist als das was er zeigt, das da einer eine komplexe Figur, ein gelebtes, Leben in seine Rolle einbringt. Rudolf Thome lehnt es ab in seinen Filmen zu viel Psychologie zu zeigen, bei einem Schauspieler wie Hanns Zischler muss er das auch nicht, die Zuschauer spüren alles was die Figur ausmacht.

Obwohl er nie große Budgets hatte, konnte Rudolf Thome bis heute 28 Spielfilme realisieren. Den bislang letzten 2011. „Ins Blaue“, ein Roadmovie über das Filmemachen dessen Ende am Meer spielt. Vadim Glowna spielt in seiner letzten Rolle Abraham, Thomes alter Ego, der den ersten Film seiner Tochter als Produzent und Schauspieler begleitet. Auch Rudolf Thomes Tochter Yoa arbeitet als Regisseurin.

Das Meer spielt immer eine zentrale Rolle in seinen Filmen. Von einem Haus am Meer hatte Thome immer selbst geträumt. Allein er hat es nie bekommen, so schickt seine Protagonisten ans Meer. Sabine Bach und Hanns Zischler fahren in „Berlin Chamissoplatz“ in einer Nacht von Berlin ans italienische Meer. In „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ versöhnen sich Vater und Tochter am Meer. Und wenn das Meer zu weit weg ist, dann gehen die Figuren an einen See zum Schwimmen. Früher an den Starnberger See, später an einem der Seen Brandenburgs.

1977 gründet Rudolf Thome seine Produktionsfirma Moana Film mit der er bis heute seine Filme realisiert. Als eine der ersten Regisseure in Deutschland thematisiert er auch das Thema Computer. In „System ohne Schatten“ zeigt er schon 1982 was möglich ist, wenn man einen Computer manipuliert. Ein Bankraub beispielsweise. 1989 ist es in „Sieben Frauen“ ein Computer, den Johannes Herrschmann im Haus seines verstorbenen Vaters vorfindet. Auch Rudolf Thome arbeitet schon früh mit Computern. So veröffentlicht er seit 1999 die Entstehungsschritte jedes neuen Drehbuchs im Internet. Genauso die Berichte von den Dreh- und Schnittarbeiten und seit 2003 ein Tagebuch. Auch sein, in diesem Jahr geschriebenes und noch nicht realisiertes Drehbuch „Überall Blumen“ findet man auf Thomes Homepage.

Ganz altmodisch ist Rudolf Thome bei der Arbeit an seinen Bildern. Auch hier ist ihm das Credo von Howard Hawks „Die Kamera auf Augenhöhe“ heilig. Ohne Tricks und Effekte zeigt er die Szene so, das der Zuschauer das sieht, was er sehen muss. Da er es beim Drehen gerne schnell hat löst er viel in Plansequenzen auf. Er wird unruhig wenn eine Kranfahrt ansteht oder wenn Schienen gelegt werden müssen. Nach eigenem Bekunden hasst Rudolf Thome Autoszenen und doch gibt es keinen Film von ihm, in dem seine Protagonisten nicht Autofahren. Formal einfach, das ist die Kamera in den Filmen von Rudolf Thoma. Der Begriff Understatement passt auch hier. 1991, als das noch nicht so selbstverständlich war, dreht er das erste Mal mit einer Kamerafrau. Sophie Maintigneux, die auch schon für Godard und Rohmer gedreht hat, macht die Bilder von „Liebe auf den ersten Blick“. Seitdem hat Rudolf Thome immer wieder mit Kamerafrauen gearbeitet, auch in diesem Punkt ist er ein Regisseur der Frauen.

„Ich bin ein so extrem demokratischer Regisseur, dass es beim Drehen immer einige Leute gibt die meinen, da gibt es überhaupt keinen Regisseur“, so Rudolf Thome in einem Interview über seinen Arbeitsstil. Aber letztendlich weiß er „Ich bestimme es doch. Meine Entscheidung ist, den Leuten ihre Freiheit zu lassen. Einen Film zu drehen ist ein Stück Leben in Hochpotenz, das ist wie eine Liebesgeschichte, man ist total konzentriert für einige Wochen, nichts anderes ist eine Liebesgeschichte im Anfangsstadium. Diese Zeit will ich doch angenehm erleben. Und das schaffe ich, wenn ich den Leuten ihre Freiheit lasse. Dann werden die Filme besser. Der Film wird stärker, wenn die Phantasien von mehreren Leuten zusammenkommen.“

Rudolf Thoma war es immer wichtig, dass seine Filme das Geld das sie gekostet haben, wieder einspielen. Dank der Tatsache, dass seine Filme im Ausland mehr geschätzt werden als im Inland, ist das auch meist gelungen. Als einer von wenigen deutschen Regisseuren konnte er auch die Fördergelder die seine Filme bekommen haben, wieder zurück zahlen. Dennoch ist er in Deutschland der große unbekannte Regisseur geblieben. Zu Unrecht, denn es gibt in diesem Land kaum einen besseren. Es wird Zeit das sein Gesamtwerk auf DVD herauskommt und es würde der ARD - ihre Tochterfirma Degeto ist an den meisten Thome-Filmen beteiligt - gut anstehen, einmal eine große Retrospektive seiner Werke zu senden und das nicht nach Mitternacht. Denn immer noch haben uns seine Filme etwas zu sagen, sie zeigen die Befindlichkeit nicht nur ihrer Figuren, sie spiegeln seit mehr als vier Jahrzehnten ein gültiges Lebensgefühl vieler Menschen. Jean-Luc Godard hat einmal gesagt, ein Spielfilm braucht zehn gute Szenen, dann ist er gut. In jedem der Filme von Rudolf Thome findet der Zuschauer mehr als zehn gute Szenen. Und sie erfüllen das was er selbst einmal geschrieben hat, nach einem guten Film müsse man aus dem Kino kommen und beschwingt über die Straße laufen.

Homepage von Rudolf Thome: www.moana.de

16:08 05.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Goggo Gensch

Festivalleiter ("SWR Doku Festival"), Autor und Regisseur. Lebt in Stuttgart.
Goggo Gensch

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