Zum Tod des Kameramanns Jim Lewis

Ein Nachruf Das größte in meinem Leben war die Bekanntschaft mit Beckett
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Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Fernsehprogramm weniger aufgeregt, langsamer und auch nachdenklicher. Da war auch noch Zeit und Platz für Experimente und vermeintlich Abseitiges. Da konnte beispielsweise ein Literaturnobelpreisträger in einem Studio des Süddeutschen Rundfunks seine, speziell für das Fernsehen geschriebenen, Stücke inszenieren. Samuel Beckett hat dies, zwischen 1966 und 1985, insgesamt sechsmal gemacht. Ihm zur Seite stand bei all diesen Arbeiten der Kameramann Jim Lewis.

Jim Lewis ist jetzt im Alter von 82 Jahren gestorben. Er lebte in seinen letzten Jahren in dem kleinen Ort Burg auf der Insel Fehmarn.

Beckett und Lewis verstanden sich auf Anhieb. Aus ihrer ersten Arbeit „He Joe“ erwuchs eine Freundschaft die bis zu Becketts Tod Bestand hatte. „Das größte in meinem Leben war die Bekanntschaft mit Beckett“, so Jim Lewis nach dessen Tod. Samuel Beckett widmete seinem Freund 1979 auch das Gedicht „for good and ill“. Zusammen mit dem Hamburger Filmemacher Rasmus Gerlach hat Jim Lewis 2006 einen Film aus dem Gedicht gemacht.

Geboren wurde Robert James Lewis 1936 in der Nähe von San Francisco. Wegen eines Herzklappenfehlers musste er als Kind drei Jahre lang das Bett hüten. In dieser Zeit begann er zu zeichnen, meist europäische Städte. Für ihn waren das Sehnsuchtsorte. Später studierte Lewis Archäologie und Englisch und landete als Trick-Zeichner in den Disney-Studios. Er arbeitete vor allem für Fernsehshows zeichnete aber auch an Disneys „Dornröschen“.

1959 musste Jim Lewis zur Armee und diente als Assistent eines Zahnarztes. Als Soldat kam er auch nach Deutschland und blieb. Ursprünglich wollte er nur zwei, drei Jahre in Germany bleiben. Mit einem Empfehlungsschreiben von Disney bewarb sich Lewis nach seiner Dienstzeit beim damaligen SDR und wurde genommen. Der Kameramann Jim Lewis schrieb dann mit an einem gewichtigen Stück Fernsehgeschichte.

Fernsehspiele, Dokumentarfilme oder Studioproduktionen trugen seine Handschrift. Festgelegt auf ein Genre hat sich Jim Lewis nie. Er drehte mit Regisseuren wie Tom Toelle, Franz-Peter Wirth oder Fritz Umgelter. Lewis stand bei den ersten Fernsehproduktionen von Loriot hinter der Kamera oder portraitierte zusammen mit dem Autor Karl Ebert die legendäre Kunstsammlerin Peggy Guggenheim. „Die Bettelprinzess“, „Eine ungeliebte Frau“ oder „Die Kriegsbraut“. Diese ironischen Verfilmungen der Romane von Hedwig Courths-Mahler wurden legendär. Lewis portraitierte Otto Dix und, zusammen mit seinem Freund Durga Gosh, den indischen Universalkünstler Rabindranath Tagore.

Jim Lewis ebnete mit seinen Bildern aber auch immer wieder jungen, wilden und unangepassten Talenten den Weg. Manches davon ist heute Kult. So schuf er mit Werner Schretzmeier die Serie „Die kleine Heimat“, aber auch Sendungen wie „Elfeinhalb“ oder „P“. Für diese Jugendsendung drehte Jim Lewis mit Rockbands wie „Deep Purple“, „Steppenwolf“ oder „Savage Rose“ erste Videoclips. Mit den Geschwistern Dieter und Gisela Zimmermann realisierte er neben vielen anderen Arbeiten den Kompilationsfilm „Stuttgarter Gefühle“. Da stand dann schon mal ein Darsteller in Flammen auf dem Stuttgarter Fernsehturm. Mit dem österreichischen Schriftsteller Wolfgang Bauer verfilmte er dessen bitterböse Familienidylle „Die Edegger-Familie“.

1970 konnte Jim Lewis auch einen eigenen Fernsehfilm als Autor, Regisseur und Kameramann realisieren. Der Kurzfilm „Wohin mit Elwood Tillmann“ basiert auf der Erzählung „Notes from an empty room“ von James V. McConnel. Es geht darin um einen Verhaltensforscher der mit Ratten experimentiert. Eines Tages sieht er sich in die Lage der Ratten versetzt und ist gezwungen, sich den gleichen Experimenten zu unterwerfen.

Der Fixpunkt von Jim Lewis Arbeit aber blieb immer Samuel Beckett. Schon ihre erste Arbeit „He Joe“ war eine Herausforderung. Eine weibliche Stimme, das Gesicht eines stummem Mannes und eine Kamera. Die Stimme erinnert den Mann unerbittlich an dessen Versagen. Wenn die Stimme pausiert, rückt die Kamera näher, immer näher ohne Schwenk, ohne Schnitt bis zur Großaufnahme. Nancy Illig als „Die Stimme“, Deryk Mendel der den Mann spielte und Jim Lewis an der Kamera mussten voller Konzentration fast eine halbe Stunden miteinander spielen und kommunizieren. Beckett lehnte es ab die Stimme separat aufzunehmen und einzuspielen. Der Kulturwissenschaftler Werner Spies über diese Arbeit:

„Beckett machte ja mit „He Joe“ im Grunde den revolutionärsten Videofilm. Ich glaube, dieses Stück gehört nicht nur zur Film- und Fernsehgeschichte es ist auch innerhalb der bildenden Kunst ein Markstein.“

Zehn Jahre danach folgte dann „Geister-Trio“, hier spricht die Stimme mit dem Publikum. In „... nur noch Gewölk“ ist es ein Mann der einer Stummen Frau von Liebe und Verlust erzählt. Es folgt „Quadrat“. Vier Figuren schreiten die Seiten und Diagonalen eines Quadrates nach streng festgelegten Regeln ab. Es gibt keinen Dialog, nur gesichtslose Figuren in langen Gewändern. 1982 dann „Nacht und Träume“. Den Titel lieh sich Beckett bei einem gleichnamigen Schubertlied. Ihre letzte gemeinsame Sendung realisierten Jim Lewis und Samuel Beckett dann im Juni 1985. „Was Wo“. Vier Gesichter – Totenmasken – werden von einem optisch abgesetzten Gesicht verhört. Dies war auch Becketts letzte dramatische Arbeit überhaupt. Sie endet mit den Worten: „Verstehe, wer kann, Ich mach` aus.“

Zur Vorbereitung der Sendungen fuhr Jim Lewis regelmäßig in Paris. Bei einem Essen, meist im „Aux Iles Marquises“ entwarfen sie dann gemeinsam die optisch oft komplizierten Lösungen die Samuel Beckett vorschwebten.

1998 ist Jim Lewis in den Ruhestand gegangen und hat die Malerei wieder für sich entdeckt. In den letzten Jahren entstanden jede Menge Bilder. Viele Motive entsprangen seiner Fantasie, aber auch seine Frau Regina Lewis-Rickert ist ihm Modell gestanden. Ihm selbst haben seine Papierarbeiten am besten gefallen.

10:52 29.11.2018
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Geschrieben von

Goggo Gensch

Festivalleiter ("SWR Doku Festival"), Autor und Regisseur. Lebt in Stuttgart.
Goggo Gensch

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