AKTE GAUCK: DIE VERTANE CHANCE DER LIBERALEN

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Seit zwei Tagen wird der Linken nun vorgeworfen, sie hätte eine große Chance vertan. Die Chance zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit. Warum auch immer sich andere Parteien um das Seelenheil der Linken sorgen sei dahin gestellt.

Allerdings: es existiert eine zweite vertane Chance. Die Chance auf Erneuerung einer verantwortungsvollen liberalen Idee.

Während seiner Kandidatur hätte Gauck durch brillante Reden überzeugt. Medien, Leser- und Bloggervolk unternahmen eine gemeinsame Trunkenheitsfahrt, an deren Ende der Kater am Morgen danach stand.

Während wir über Christian Wulf in etwa Alles wissen, ist der Zauberer Gauck eine Wolke, ein Engel, der den mehr oder minder reuigen Sündern auf seiner goldenen Harfe vorsingt. Am liebsten hörte man seinen Ruf nach Freiheit und Verantwortung. Umstritten hingegen ist seine Unterstützung der Agenda 2010, darin enthalten: der große Spalter Hartz 4. Diskutiert wurde dieser Punkt vorwiegend in Blogs. Wer also ist Gauck?

Er sei ein Liberaler, von der Freiheit beseelt, ein Neoliberaler, der – unterstützt und beheimatet im neoliberalen ThinkTank „Initiative Neue soziale Marktwirtschaft“ – Wohlfahrt und Solidarität maßgeblich als „Sidepayment“ von Marktprozessen betrachten würde. Die Menschen, sie sollten Verantwortung übernehmen. Verantwortung in Freiheit: ein durch und durch liberales Konzept. Aber stimmt das?

Gauck hat seine Erfahrungen gemacht, so sehr und so gut, dass man die Hymnen der Presse kaum erträgt. Kraft dieser Erfahrung fordert er heute Verantwortung ein. Verantwortung, wie sie für Gaucks eigenes Leben Sinn erzeugte. Wer hier liberales Denken vermutet, hat eine wenigstens 50prozentige Chance, falsch zu liegen. Dieser Gedanken findet sich spielend leicht im Existentialismus, bei Sartre etwa. Dem eigenen Leben Sinn verleihen, Glück als Resultat des sinnvollen Selbstverständnisses begreifen, als Akt der Selbstvergewisserung – ein intrinsisches, zunächst individuelles Projekt also. Der Einzelne gewinnt den Lebenssinn, sobald er beginnt, Verantwortung für Andere zu tragen. Ein empathisches Projekt, das weitaus mehr bereit hält, als Steuerpolitik. Die solidarische Gemeinschaft vermag hier ebenso anzudocken wie neoliberale Schwatzköpfe vom Schlage Hüther oder Sinn.

Die gesellschaftspolitische Debatte dieser liberalen Frage allerdings wird nicht geführt. Einerseits wird sie nicht geführt, weil sich die angeblich erste liberale Kraft des Landes, die FDP, zum Schreihals und zum Apologeten einer durchschlagenden Marktliberalisierung gemacht hat. Diese Partei hat den eigenen Machterhalt im Auge, programmatisch bestenfalls noch fiskalische Gemeinplätze, keineswegs aber gesellschaftspolitische Antworten.

Über ein solches Konzept aber verfügte der politische Liberalismus zu jeder Zeit. Über ein solches Konzept verfügt auch Gauck, vorausgesetzt man hört ihm zu.

Liberale Theoretiker – zuletzt John Rawls – haben versucht, liberale Konzepte halbwegs gerecht und akzeptabel zu gestalten: gewissermaßen für Alle, für Schwache, Ungeborene und gesetzlich Versicherte. Die FDP hat diese Verantwortung programmatisch längst aufgegeben. Sie wird sie sobald nicht zurück erlangen.

Dem gegenüber stehen die Grünen, die jenes Projekt verfolgen, was Elmar Altvater vor wenigen Jahren einen ökologischen Kapitalismus nannte. Die Grünen selbst aber meiden diese Debatte, weil sie gut wissen, dass sie damit eine Lebensader der eigenen Partei kappen würden: der irgendwie 68er Kampf gegen das Establishment. Die Öffentlichkeit gesteht diese Diskussion den Grünen eben so wenig zu. Im Blätterwald rauscht die Erinnerung und die aktuelle Linie der Partei wird unter liberalen Vorzeichen kaum diskutiert.

Insofern hätte Joe Gauck wahrscheinlich einen weißen Fleck auf der gesellschaftspolitischen Landkarte ausfüllen können: einen liberalen Entwurf, der allerdings mehr will, als fiskalische Fragen tricksen. Dass es dazu nicht kommt ist bedauerlich und liegt vor allem an dem fahrlässigen, selbstverliebten Machtbewusstsein von Westerwelle und co. Für den Liberalismus ist es eine vertane Chance.

00:13 03.07.2010
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Geschrieben von

grapelli

grapelli macht geschichten
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